Kultur : Kurzmeldungen

Silvia Hallensleben

CITY LIGHTS

Auch in den Welten filmischer Animation scheint der Bruch zwischen Europa und der – hier vor allem durch Disney repräsentierten – Hollywood-Welt eklatant, wie die gerade im Filmmuseum präsentierte Ausstellung „Oscars in Animation“ durch Auslassung zeigt. Sicherlich gab es seit den dreißiger Jahren Versuche, dem großen Bruder mit eigenen Mammut-Produktionen nachzueifern. Interessanter aber sind die Versuche vor allem osteuropäischer Künstler, mit genuin künstlerischen Mitteln und wenig Aufwand die offiziellen kulturpolitischen Bestrebungen zu umgehen. Einer der Altmeister solch subversiven Tricksens ist der tschechische Filmemacher Jan Svankmajer , der seit Mitte der 60-er Jahre mit seinen Zeichentrick- und Puppenanimationen bewies, dass es neben Mecki und Sandmännchen auch einen dritten Weg gibt. Svankmajer ist ein Brutalist der Animation und ein Grenzgänger. Die Alice hat er gemacht und den Faust. Die Heldin seines neuesten Werks, das jetzt im Rahmen einer Svankmajer-Reihe Mittwoch und Samstag im Babylon präsentiert wird, trägt Kniestrümpfe und Zöpfe. Trotzdem ist Otesánek alles andere als jugendfrei. Der Film erzählt vom verzweifeltem Kinderwunsch eines jungen Paares und seiner unglücklichen Realisierung, von Verfressenheit, Völlerei und Gier. Erst muss die Katze, dann der Briefträger dran glauben. Dabei mischt Svankmajer Realfilmszenen mit Puppenanimation, und tschechischen Märchenstoff mit blutrünstigen Splattereffekten.

Selbstverständlich kommt auch die Avantgardekunst des „Expanded Cinema“ eigentlich aus den USA. Ebenso selbstverständlich hat der Splatter auch in der europäischen Kunstgeschichte seinen Platz. Seine spektakulärste Form fand er in den Materialaktionen der Wiener Aktionisten um Otto Mühl. Die Wiener Filmavantgarde der gleichen Jahre ist weniger bekannt, versuchte sich aber mit ähnlicher Radikalität am Ausagieren filmischer Grundkonstruktionen, was 1970 mit Peter Weibels „Exit“ in einer Publikumsbeschießung gipfelte. Die Geschichte der Wiener Avantgarde hat Hans Scheugl, Autor, Filmemacher und einer der damaligen Aktivisten, in einem durchaus auch selbstkritischen Band zusammengetragen: Erweitertes Kino (Triton Verlag, Wien) wird am Donnerstag und Freitag von Scheugl selbst im Arsenal vorgestellt. Dazu zwei Filmprogramme, die in einem Durchgang von Peter Kubelkas „Mosaik im Vertrauen“ (1955) bis Kurt Krens „23/69 Underground Explosion“ (1969) ganz unterschiedliche Wiener Strömungen auf der Leinwand zusammenbringen. „Exit“ ist nicht dabei.

Den Sonntag sollten sich Stammkunden des Arsenal gut vormerken. An diesem Tag feiern die Freunde der deutschen Kinemathek ihren 40. Geburtstag . Am 25. Mai 1963 wurde das erste Filmprogramm in der Akademie der Künste aufgeführt, dem Spielort, bis 1970 das Arsenal in der Welserstraße eröffnet wurde. Zur Feier des Tages wollen uns die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Hauses mit einer „kollektiven Performance“ aus Wort- und Filmbeiträgen überraschen. Sonst werden den Mai über Programme aus dem Anfangsjahr wiederholt. Auch wenn in den vierzig Jahren aus der filmkulturellen Bürgerinitiative eine weltweit beachtete Institution geworden ist, ist Wachsamkeit von Nöten, wie der Versuch einer existenzbedrohenden Mittelkürzung letztes Jahr drohend bewies. Gute Gesundheit also, und immer den längeren Atem!

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