Kultur : Kurzmeldungen

Am Wochenende eröffnet das Deutsche Historische Museum den neuen Pei-Bau mit der ambitioniert-aktuellen Ausstellung „Idee Europa“. Doch hinter den Kulissen ringt man um die Idee des eigenen Museums Kampfplatz und Schauplatz

Peter von Becker

Was könnte, über die zähe Tagespolitik hinaus, jetzt mehr den Nerv der Zeit und ins Herz der Hauptstadt treffen? Erst kam die europäisch-epochale Wende, dann sind Völkermord und Krieg nach Europa zurückgekehrt, und nun, nach jüngsten Krisen und Kriegen, sucht der alte neue Kontinent mit Deutschland in der Mitte sein künftiges Gesicht.

In diesem Augenblick der Orientierungs- und Identitäts-Debatte präsentiert das Deutsche Historische Museum ab diesem Wochenende in Berlin seine Ausstellung „Idee Europa – Entwürfe zum ,Ewigen Frieden’“. Dabei wird Marie-Louise von Plessen, die große Politik- und Kulturgeschichts-Inszenatorin, mit vielen so noch nie zusammen gesehenen Zeugnissen „Ordnungen und Utopien von der Pax Romana bis zur Europäischen Union“ vorführen. Zugleich ist diese Ausstellung die eigentliche Eröffnung des lichtdurchfluteten, von der gläsernen Turmspirale des Architekten I. M. Pei gekrönten Anbaus hinter dem ehemals königlichen Zeughaus, dem Hauptsitz des Deutschen Historischen Museums Unter den Linden.

Also ein Ereignis: Der vorerst letzte bedeutende Offizialbau der Berliner Republik, entworfen vom weltberühmten Nestor der zeitgenössischen Architektur – und die politisch brisante Frage nach der Eigenart Europas im Zeichen von Krieg und Frieden. Undenkbar beispielsweise, dass in Frankreich Präsident Chirac, der auch Peis (kleinere) gläserne Pyramide für den Louvre eingeweiht hatte, bei einem solchen Anlass nicht präsent wäre. Außerdem geht das Thema den Außenminister an. Doch weder Bundeskanzler Schröder noch Joschka Fischer, die sich gegenüber Künstlern und Intellektuellen sonst ziemlich stilsicher zeigen, werden morgen zur Eröffnungsfeier erscheinen (stattdessen spricht Kulturstaatsministerin Christina Weiss).

Natürlich hätte auch Helmut Kohl als Europa-Politiker und Gründungsvater des DHM ganz anders reagiert. Doch zeigt der Fall jetzt jenseits aller protokollarischen Einschätzung noch das: Hier steht eine als Geschichtsmuseum einzigartige Institution des Landes nicht mehr wirklich im Rampenlicht. Ein Grund ist gewiss die mehrjährige Schließung des zurzeit renovierten, erst im nächsten Jahr mit seiner neuen Dauerausstellung wieder öffnenden Haupthauses. Aber es liegt auch an personellen und finanziellen Problemen und einem damit verbundenen Eindruck von Konzeptions-Schwäche der Museumsleitung. Denn als wenig geliebt und unter Kennern umstritten gilt der seit rund drei Jahren amtierende Generaldirektor Hans Ottomeyer. Inzwischen aber umschwirren ihn und das DHM mehr Gerüchte und Verdächtigungen als zweifelsfreie Informationen.

Als Christoph Stölzl, der erste Chef des noch in der Endphase der alten Bundesrepublik entworfenen Museums, im Jahr 2000 urplötzlich alle Begeisterung und beredte Beschwörungslust an seinem Job verlassen hatten und er zum allgemeinen Erstaunen in den Journalismus, in die Politik und ins Nirgendwo und Überall wechselte, war die Ratlosigkeit groß. Nach einer Eilausschreibung berief der von der Bundesregierung mitbestimmte Aufsichtsrat den damaligen Leiter der Staatlichen Museen Kassel an die Spitze des DHM. Hans Ottomeyer war von Stölzl selbst empfohlen worden, seinem Stellvertreter einst im Münchner Stadtmuseum.

Ottomeyer ist in Berlin bis heute ein weitgehend Unbekannter geblieben. Ein beleibter, im persönlichen Gespräch schnell zu freundlicher Offenheit bereiter Mann, dessen Büro mit Blick auf den Berliner Dom und die Museumsinsel für ihn einnimmt. Weil der weitläufige, von Büchern, Bildern, Akten, Manuskripten, Modellen auf mehreren Tischen durchhäufelte Raum kein Repräsentationszimmer ist. Sondern das Gehäuse eines Forschers und Sammlers. Dieser Mittfünfziger, den Fernsehzuschauer als Schätzer in der manchmal schrullig rührenden Auktions-Sendung „Kunst & Krempel“ erleben können, ist ein gebildeter, hochpassionierter Kunsthistoriker. Dessen Liebe und Kenntnis (mehr als den lebenden Menschen und manchmal wohl seinen Mitarbeitern) dem Spätmittelalter, der Renaissance und dem Barock bis hin zum Klassizismus gelten.

Stölzl war extrovertiert, temperamentsprühend, zungenfertig. Die letzten 14 Tage vor einer Ausstellungseröffnung wollten ihn seine Kollegen immer am liebsten in Ferien schicken – damit er in der Praxis kein Chaos anrichte, dafür dann aber zur Eröffnung ganz frisch und notfalls aus dem Stegreif eine seiner spritzigen, fabelhaft unakademischen Reden halten sollte. Der Westfale Ottomeyer dagegen gilt als eher scheu, eigenbrötlerisch und zugleich detailversessen autokratisch. Drei Monate nach seinem Amtsantritt musste ihn der Betriebsrat des Museums mahnen, sich einmal der Belegschaft vorzustellen. Und die Fülle der mitunter auch widersprüchlichen Einzelweisungen des Direktors wurde als verwirrend, kleinlich und zumindest nicht motivierend empfunden.

Andererseits gibt es hier auch Lob: Ottomeyer habe sich bei der von Planungsproblemen der Bundesbauverwaltung belasteten Neugestaltung des Zeughauses um Details gekümmert, die den genialisch flamboyanten Stölzl nie geschert hätten. So entdeckte Ottomeyer, dass das vorgesehene Stromleitungssystem für die Beleuchtung von Ausstellungen ungeeignet war. Oder er weist den Besucher vor Raumskizzen der künftigen Dauerausstellung darauf hin, dass sein Vorgänger die deutsche Geschichte erst bei Karl dem Großen beginnen lassen wollte – was er dann bis zu den Römern und Germanen und der Schlacht im Teutoburger Wald „zurückkorrigiert“ habe.

Und die Klagen der wissenschaftlichen Mitarbeiter? „Bei denen mache ich mich dauernd unbeliebt, weil ich an sich berechtigte Ausstellungswünsche und Vorhaben ablehnen muss. Aus schlichtem Geldmangel. Die Ära des Überflusses ist vorbei. Obwohl es uns“, fügt Ottomeyer hinzu, „im Vergleich zu anderen deutschen Museen noch vergleichsweise gut geht.“

Die Krise der öffentlichen Haushalte zieht jetzt auch in der lange kultivierten Museumslandschaft eine erste Verwüstungsspur: In Weimar wird demnächst das Stadtmuseum geschlossen, in Magdeburg konnte gerade mit Not das Ende des Technikmuseums verhindert werden, in Köln kracht und krankt es, die Ankaufetats schrumpfen landesweit gegen Null, und Staatsministerin Christina Weiss warnt bereits vor einem „Ausverkauf“ der Museen aus ihren Beständen.

Das einst von Kanzler Kohl favorisierte DHM hatte bereits in der Schlussphase der Unionsregierung die Spitze des Rotstifts kennengelernt. Ab 2000, von Waigel zu Eichel und just, als Christoph Stölzl offenbar das Ende (s)einer goldenen Zeit erkannte, „wurde es dann schwierig“ (Ottomeyer). Beispielsweise ist der DHM-Ausstellungsetat von 1998 bis 2003 von rund sieben Millionen Euro auf etwa 1,2 Millionen Euro gesunken. Damit ließe sich im Pei-Bau gerade noch eine halbwegs repräsentative Schau pro Jahr inszenieren. Während der Zeughaus-Schließung hatte man sich im gegenüberliegenden Kronprinzenpalais zum Teil mit billigeren Foto-Ausstellungen beholfen, wofür Ottomeyer dann zu Unrecht gescholten wurde.

Zum Eklat aber schien es – hinter den Kulissen – Anfang des Jahres zu kommen. Im Januar wurde von Ottomeyer die seit drei Jahren vorbereitete und bereits mit einer halben Million angezahlte Ausstellung „Mythen der Nationen – Chaos und nationale Identitäten nach 1945“ im Pei-Bau abgesagt. Da das Thema zeithistorisch drängt, da eine Schar hochrenommierter internationaler Wissenschaftler bereits die 32 Beiträge zum Katalog geliefert hatte, sprach man intern von „Skandal“ und „Blamage“, hielt Ottomeyer den umstrittenen Ankauf eines mehr als 750000 Euro teuren silbernen „Kürbispokals“ aus dem 16. Jahrhundert vor – und prominente Proteste erreichten die Kulturstaatsministerin. Worauf die Bundesregierung jetzt eine halbe Million Extraförderung zusagt hat und die Ausstellung in leicht reduzierter Version noch realisiert werden soll.

Da künftig allerdings keine Gelder mehr von Lotto/Toto oder dem Hauptstadtkulturfonds ins DHM fließen, verzichtet man auf die so attraktive wie teure Bespielung des Gropius-Baus und steckt den Ankaufsetat ins Ausstellungsbudget. Trotzdem bleiben: Kommunikations- und Motivationsprobleme im Haus. Und die von Ottomeyer konzipierte, zuletzt im Kronprinzenpalais gezeigte Ausstellung „Tafelzeremoniell in Europa 1300–1900“ war ein Exempel: Diese Buchmalereien, Tapisserien oder Silberkredenzen gehörten eigentlich in ein Museum für Kunstgewerbe. Und schon vor Jahren hatte das Wiener Museum für angewandte Kunst gezeigt, wie man das Thema Tischsitten auch in die Soziologie, Politik, und Alltagsgeschichte der Gegenwart übersetzt.

Diese Sprache eines Museums von heute muss das DHM nun wieder finden. Der Pei-Bau und künftig auch die Dauerausstellung als Spiegel und Bühne unserer Geschichte bieten dazu die Chance.

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