Kultur : Kurzmeldungen

Joschka Fischer verleiht den Ludwig-Börne-Preis an den Literaturwissenschaftler George Steiner Der Götterbote

Ulrich Rüdenauer

Am Anfang war das Wort. Und das Wort muss gedeutet, übersetzt, weiter getragen und immer wieder von Neuem in Erinnerung gerufen werden. Als George Steiner fünf Jahre alt war, las ihm sein Vater die Übersetzung der „Ilias“ von Johann Heinrich Voß vor. An einer spannenden Stelle hielt er inne und meinte bedauernd, es fehle ein Stück des Textes. „Was es allerdings gab, war das Original, Homers Griechisch, das aufgeschlagen auf dem Tisch lag, zusammen mit einem Wörterbuch und einer Elementargrammatik“, schreibt Steiner in seiner Lebensbilanz „Errata“. George ist fasziniert: „Wie die Konturen eines leuchtend bunten Mosaiks, das unter Sand begraben liegt, wenn man Wasser darauf gießt, nahmen die Wörter, die formelhaften Wendungen für mich Gestalt und Bedeutung an.“ Es war George Steiners Initiation in die Welt der Literatur.

Kunst schafft Welt

Der verehrte Vater hatte für seinen Sohn einen „säkularen Talmud“ angelegt. „Wende es immer von Neuem, denn alles ist darin enthalten“, heißt ein bekannter Ausspruch im babylonischen Talmud, der präzise das Erkenntnisinteresse des späteren Literaturwissenschaftlers Steiner beschreibt. Die Schrift ist das Unhintergehbare, niemals gänzlich Greifbare, das mit dem Göttlichen im Bunde steht. Die wahre Kunst, die klassische Kunst würde Steiner sagen, hat nichts mit Erfindung oder Entdeckung zu tun, sondern ist „Schöpfung“ in einem transzendenten Sinn. Sie schafft Welt. Die Moderne und die Postmoderne gar müssen da wie Verfallsepochen erscheinen. Steiner hat die Lektion des Vaters gelernt und eine zutiefst konservative, eurozentristische Ästhetik verinnerlicht, die ihn zwangsläufig zu der rhetorischen Frage führen muss, „ob nicht unsere gegenwärtige kulturelle und intellektuelle Situation die eines Nachworts, eines mehr oder weniger verworrenen Epilogs ist“.

Diese Verehrung für das Klassische formt das Denken und Werk Steiners. Man macht sich mit so einer Überhöhung der Kunst natürlich nicht nur Freunde: Ebenso groß wie Steiners Gelehrtheit ist mindestens auch seine Gabe zur Provokation. In koketter Selbststilisierung beschreibt er sich gerne als ein beargwöhnter Autor, dessen Bücher entweder nicht beachtet oder ohne Quellenangabe ausgeschlachtet würden. Vor allem die dekonstruktivistischen Denker sind ihm zutiefst suspekt: In seinem Essay-Buch „Von realer Gegenwart“ zieht er gegen eine „sekundäre Wirklichkeit“ und den Poststrukturalismus zu Felde – im Schulterschluss mit Botho Strauß. Sprache und Welt, so Steiner, müssen sich sinnvoll aufeinander beziehen. Der Sinn sei ebenso eng an die Umstände gebunden, wie es unser Körper ist, behauptet er gegen den vermeintlichen „Nihilismus“ der Dekonstruktion. Denn wo das Virtuelle herrsche, verliere das Kunstwerk seine Dignität. Deshalb misstraut er der Moderne.

Zugleich hat das Verstehen Grenzen: Der Klassiker entzieht sich jeder abschließenden Entscheidbarkeit. Philologie ist, so Steiner, der unendliche Versuch, „auf einen Klassiker zu antworten“, sich ihm mit „Taktgefühl“ zu nähern. In seinem gesamten Schaffen versucht er solche Antworten zu formulieren. Ob es um den Glauben an eine Realpräsenz Gottes in der Sprache geht wie in „Von realer Gegenwart“, ob er in seiner Studie „Nach Babel“ die Sprachverwirrung als polyglotten Segen begreift, ob für ihn die „Sorge um die Erinnerung“ eine Verpflichtung nach der Shoa darstellt oder ob viele seiner Bücher die Frage behandeln, wie es zu einer Übereinstimmung von Geisteswissenschaften und Unmenschlichem kommen, wie das Hehre ins Barbarische umschlagen kann.

Steiner ist das Kind einer vergangenen Zeit, einer reichen, humanistischen Bildungswelt, die selbst im kosmopolitischen Bürgertum nicht die Regel war. Er entstammt einer zunächst in Wien ansässigen Bankiersfamilie, in der der Geist „jüdisch-europäischer und mitteleuropäischer Emanzipation“ herrschte. 1929 wurde er in Paris geboren, wuchs mehrsprachig auf; 1940 emigrierte die Familie nach New York. Nach dem Studium lehrte Steiner in Princeton, in Cambridge, dann lange Jahre in Genf, seit 1994 hat er den Lord Weidenfeld-Lehrstuhl für Komparatistik an der Universität Oxford inne.

Er gilt als bedeutendster Vermittler deutscher Philosophie und Literatur in England. Neben seinen literatur- und kulturwissenschaftlichen Arbeiten schrieb er zahlreiche Literaturkritiken und Essays. Steiner ist ein Universal-Gelehrter, wie man ihn heute nicht mehr häufig finden dürfte. Für seine „sprachliche und analytische Brillanz" wurde ihm nun gestern in der Frankfurter Paulskirche der mit 20000 Euro dotierte Ludwig-Börne-Preis verliehen, der ihm von Juror Joschka Fischer zuerkannt worden war.

In einem Interview zeigte sich Steiner überrascht darüber, dass Außenminister Fischer ihn zum Preisträger gewählt hat. Er hoffe, die Gründe dafür aus der Laudatio zu erfahren. Die Verwunderung ist nicht ganz unberechtigt: Fischer selbst rechnete sich in seiner Rede einer Generation der Postmoderne zu, die das humanistische Bildungsideal einst über Bord geworfen hat – sich heute aber mit Fragen konfrontiert sehe, deren Antworten vielleicht gerade in jenem alten Bildungs- und Wertekanon liegen.

Neben der Würdigung dieses vielseitigen Werkes kam in Fischers Laudatio eine Art Trauer zum Ausdruck. Mit der Ermordung, Entrechtung und Vertreibung der europäischen Juden, so Fischer, seien bedeutende Teile unserer Identität vernichtet worden. Steiner sei einer der letzten Vertreter jener geistigen Welt, derer sich Deutschland selbst beraubt habe.

Seine Arbeit stehe im Zeichen des Erinnerns. Das katastrophale 20. Jahrhundert, das lasse sich an Steiners letztlich pessimistischem Geschichtsbild erkennen, habe keineswegs zu einem kollektiven Umdenken geführt – der Antisemitismus sei nicht verschwunden, Völkermord könne mitten in Europa stattfinden. Steiners Augenmerk auf die Sprache ist auch für Fischer ein Ansatzpunkt, von dem aus sich politische und soziale Entwicklungen fassen lassen.

Ein Monte Carlo der Geworfenheit

George Steiner variierte in seiner Dankesrede eine Überlegung, die in seinem Denken eine zentrale Rolle einnimmt: In einer Paraphrase Heideggers begreift er das Leben als ein Geworfen-Sein – „eine Lotterie, ein Monte Carlo der Geworfenheit“. Wie unterschiedlich die Grundbedingungen eines Menschen auch sein mögen, ein Warum gebe es nicht – jeder sei ein Gast auf der Welt. Dieser Status bringe Verpflichtungen mit sich: Der Mensch solle das Haus, in dem er Gast war, etwas besser, schöner, sicherer hinterlassen. Für Steiner trägt das immer wieder vertriebene, gedemütigte jüdische Volk, das nur deshalb weiterleben konnte, weil es nirgendwo zu Hause war, die Bürde, an dieses Gastsein zu erinnern – daran, „dass die Wahrheit immer im Exil ist“. Die wahre Heimat des Juden – ob Börne, Celan oder Kafka – nämlich sei der Text. Als Lehrer mit Schülern auf fünf Kontinenten, als Bote, wie sich Steiner selbst bezeichnet, fühlt sich der Kosmopolit „niemals nicht zu Hause“.

Joschka Fischer sprach in seiner Laudatio Steiners zwar bejahende, aber durchaus kritische Haltung zum Staat Israel an: Diese Distanz entspringt genau jener Denkfigur des Diasporischen. Schon von klein auf empfand es Steiner als Auszeichnung, einem Volk anzugehören, das nicht gefoltert hat: „Wir hatten nicht die Macht dazu.“ Israel aber müsse seine Macht ausüben, um zu überleben. Eine Aporie: „Ist dieser Preis zu hoch?“ fragt Steiner – und weiß zugleich, dass Israel der einzige Zufluchtsort ist, „wenn es wieder losgeht, und es wird wieder losgehen.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben