Kultur : Kurzmeldungen

Einfach nicht tot zu kriegen: Die Intellektuellen wundern sich über den Kapitalismus. Ein Kongress in Hamburg Alle deine Welten

Richard Herzinger

Nicht einmal seine eingefleischten Kritiker bestreiten heute, dass sich das kapitalistische Wirtschaftsprinzip bis auf weiteres konkurrenzlos durchgesetzt hat. Richtig freuen will sich darüber aber kaum jemand. Dabei ist der Kapitalismus historisch gesehen ein unvergleichliches Erfolgsmodell. Seit 1800 hat er, wie der Mannheimer Wirtschaftswissenschaftler Johannes Berger auf dem Kongress „Worlds of Capitalism“ vergangene Woche in Hamburg belegte, sehr viele Menschen sehr viel wohlhabender – und auch gesünder – gemacht, aber niemanden ärmer. Das Gefälle zwischen den reichsten und den bedürftigsten Ländern ist zwar immens und seit Beginn der industriellen Revolution explosionsartig angewachsen, eine absolute Verelendung gibt es jedoch, entgegen anders lautenden Gerüchten, weltweit nicht.

Warum aber die kapitalistische Wirtschaftsordnung in manchen Ländern ihre volle Kraft entfaltet, während sie in anderen kaum aus den Startlöchern kommt, gehört zu den ungelösten Rätseln der ökonomischen und soziologischen Theorie. Der Kapitalismus, das unbekannte Wesen: Unzählige Analysen und Untergangsprophezeihungen sind über ihn ausgegossen worden. Überlebt hat er sie alle. Und nun erfahren wir aus berufensten Mündern, dass wir über ihn im Grunde recht wenig wissen.

So beugten sich international renommierte Wirtschaftswissenschaftler und Soziologen auf dem dreitägigen Hamburger Großkongress über scheinbar schlichte Fragen: Was ist eigentlich Kapitalismus? Und wie viele Arten davon gibt es? Bei allen Unterschieden in der theoretischen Herangehensweise war bald klar: Der Kapitalismus ist gerade deshalb so erfolgreich, weil er so heterogen und unberechenbar ist. Letzteres liegt auch daran, dass sich die Theoretiker bisher zumeist auf Finanzströme, Kapitalakkumulation, Wirtschaftsgesetzgebung und allerlei andere abstrakte Erscheinungen konzentriert haben, den Einfluss der Akteure, die den Kapitalismus praktizieren, jedoch weitgehend außer Acht ließen.

Douglas C. North aus Washington, seines Zeichens Nobelpreisträger des Jahres 1993, zählte drei institutionelle Komponenten auf, die für kapitalistisches Wirtschaften unerlässlich sind. Erstens: ein formales gesetzliches Regelwerk, das die Marktkonkurrenz in geordnete Bahnen lenkt. Zweitens: die informellen Zwänge im Umgang von Individuen und Gruppen miteinander. Und drittens: die rechtlichen und sozialen Instrumente zur Durchsetzung all dieser Vorschriften. Wobei der zweite Faktor North zu Folge vielleicht der wichtigste ist – die Konventionen und ungeschriebenen Gesetze, die von Wirtschaftsbossen, Managern oder Aktionären bewusst oder unbewusst befolgt werden.

Bräuchten wir deshalb mehr Kenntnisse über die Entstehung und die realitätsschaffende Kraft von subjektiven, individuellen und kollektiven Überzeugungen? Warum passt der Kapitalismus so perfekt zu der modernen Welt, in der sich vertraute Gewissheiten auflösen und die somit unsicher und unvorhersehbar wird? North antwortet mit dem Altmeister des Wirtschaftsliberalismus, Friedrich von Hayek: Weil sich eine freie Marktwirtschaft, im Gegensatz zu einer staatlich geplanten, nicht auf eine einzige Prognose für die zukünftige Entwicklung verlassen muss. Viele private Unternehmer entwickeln eben so viele Zukunftsprognosen, nach denen sie dann ihr Glück versuchen. So hat der Kapitalismus immer eine Wahl.

Ihm gelingt es zudem, die gegen ihn gerichtete Kritik aufzunehmen und konstruktiv für sich nutzbar zu machen, wie Ève Chapiello aus Paris anhand der Wandlungen französischer Unternehmen seit der Revolte von 1968 feststellt. Die Forderung nach individueller Autonomie und nichthierarchischer Gemeinschaft ging in einen neuen „Geist des Kapitalismus“ ein, der Mobilität, Flexibilität und kreative Innovationsfähigkeit zum Ideal erhoben hat. Kritik passt zum Kapitalismus, weil der ja selbst eine permanente, praktische Kritik alles Bestehenden ist.

Zu den Welten des Kapitalismus gehören diverse, parallele National- und Kontinentalökonomien, die global miteinander rivalisieren. Im Moment scheint es, als sei nicht nur die militärische, sondern auch die ökonomische Übermacht Amerikas unangreifbar – eine Illusion, wie der in den USA lehrende italienische Soziologe Giovanni Arighi versichert. Er würde 50 000 Dollar darauf wetten, dass in 20 Jahren Asien, vor allem China, das unbestrittene Zentrum der Weltökonomie sein wird. Wunschprojektionen eines Europäers, der nach starken Gegenkräften zur ungeliebten Supermacht Amerika sucht? Der kalifornische Ökonom Harold Demsetz, ein amerikanischer Wirtschaftsliberaler von altem Schrot und Korn, kann über solche alteuropäischen Fantasmen nur fassungslos den Kopf schütteln. Die amerikanische Wirtschaft vor der finalen Krise? Nein, die Selbstheilungskräfte des amerikanischen Konzernmanagements werden’s schon richten.

Der Berliner Soziologe Claus Offe, ein Überlebender der Frankfurter Schule, verteidigt dagegen tapfer die Überreste des europäischen Modells eines sozial gezähmten Kapitalismus. Er hat einen prominenten Schlachtenbummler mitgebracht: Jürgen Habermas sitzt im Publikum, einfach so ist er gekommen, zum Zuhören. Vielleicht in der Ahnung, die Zeit sei reif, endlich etwas über den Kapitalismus zu erfahren.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben