Kultur : Kurzmeldungen

Ein Akt der Emanzipation: Warum es eine deutsche Filmakademie geben muss/Von GünterRohrbach Der Preis ist heiß

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Es ist fast ein Jahr her, dass etwa 50 Filmkünstler – Regisseure, Schauspieler, Autoren, Produzenten, Ausstatter, Kameraleute – die Initiative zur Gründung einer deutschen Filmakademie ergriffen haben. Seitdem hat es viele Gespräche, Ankündigungen und nicht zuletzt auch kritische Interventionen gegeben. Aber gegründet wurde die Akademie noch nicht. Was steht da im Wege, was macht die Sache so schwierig?

Eine wichtige Aufgabe der Akademie soll die Vergabe des Deutschen Filmpreises sein. Nun ist dieser Filmpreis seit Jahrzehnten ein Staatspreis, verbunden mit finanziellen Zuwendungen, deren überwiegender Teil für neue Produktionen zweckgebunden ist. Genau genommen ist er also eine Fördermaßnahme, keine sehr große, es geht um knapp drei Millionen Euro, gleichwohl eine gewichtige, weil sie jenseits kommerzieller Erwägungen ausschließlich künstlerische Leistungen belohnt. Die Auswahl der Filme und Personen trifft eine vom Kulturbeauftragten des Bundes berufene Jury, deren Urteile stets so umstritten waren, wie es bei solchen Juryentscheidungen üblich ist.

Auch eine Filmakademie, also das Plenum aller Filmschaffender, die den Preis schon einmal gewonnen haben, wäre gegen Irrtümer nicht gefeit. In künstlerischen Fragen gibt es nun einmal keine letztgültigen Urteile. Dennoch hätte ein Votum, in dem sich der Sachverstand der Besten dieser Branche wiederfindet, eine weit höhere Legitimation, als sie eine wie auch immer kompetent zusammengesetzte Jury je erreichen kann. Dies gilt umso mehr, als nach den Absichten der Initiatoren die Vorauswahl der zu Kürenden, also die Nominierungen, von den einzelnen Departements zu leisten wäre. Es würden also Regisseure die Regisseure nominieren, Schauspieler die Schauspieler usw. Der besondere Rang, den man in anderen Filmländern den Nominierungen zuerkennt, beruht genau darauf, dass nämlich die Vorauswahl von Fachkollegen getroffen wird, die besser als jeder andere die jeweilige Arbeit beurteilen können. Dass eine aus klugen Leuten zusammengesetzte Jury die Qualität eines Films einschätzen kann, wird man ihr nicht bestreiten. Aber schon bei der Differenzierung zwischen der Arbeit des Regisseurs und der des Autors wird es schwierig, und wenn es erst um die einzelnen Departements geht, also etwa den Schnitt, die Maske, das Kostüm, ist jede aus Generalisten bestehende Jury schnell am Ende.

Gefährliche Liaison?

In allen großen Filmländern gibt es seit Jahrzehnten Akademien, und die von ihnen vergebenen Preise, die Oscars, Cesars, Baftas, genießen einen Respekt, den der Deutsche Filmpreis nie erlangen konnte. Freilich sind diese Akademien unabhängige Institutionen und ihre Preise folglich undotiert. Es geht um die Ehre und allenfalls im Nachhinein auch insofern um Geld, als sich Ausgezeichnetes besser verkauft.

Die Schwierigkeit für eine deutsche Filmakademie besteht darin, dass sich der deutsche Film einen Verzicht auf das Geld des Bundes nicht leisten kann. Die vergleichbaren Länder haben andere Marktbedingungen oder andere Fördertraditionen. Daher war die Mitwirkung einer Filmakademie an der Vergabe des Deutschen Filmpreises von vornherein an die Bedingung geknüpft, dass die finanziellen Zuwendungen des Bundes unberührt bleiben. Public private partnership nennt man so etwas in der Lingua franca. Es war zu erwarten, dass eine solche Verbindung staatlichen und privaten Handelns Misstrauen auslösen würde. Doch der Vorwurf, hier solle einer Branche eine Art Selbstbedienung mit Subventionsmitteln erlaubt werden, ist absurd. Das Geld stiftet auch in Zukunft die Ministerin, nur die Jury, deren Dienste sie dabei in Anspruch nimmt, ist eine andere, allerdings eine, deren Kompetenz so eindeutig ist wie ihre Unbestechlichkeit. Außer Frage steht freilich, dass sich die Zuwendungen des Bundes auf die Preisgelder beschränken müssen, die Finanzierung der Akademie selbst muss aus Mitgliedsbeiträgen und privaten Spenden erfolgen.

Produktives Selbstbewusstsein!

Julian NidaRümelin hat den Wunsch nach Kooperation seinerzeit spontan begrüßt. Seine Nachfolgerin, Christina Weiss, ist seit Monaten in bewundernswerter Stetigkeit bemüht, die Voraussetzungen für eine einvernehmliche Lösung zu schaffen. Schließlich muss auch das Parlament zustimmen. Die Querschüsse kommen aus den eigenen Reihen. Immer wieder melden sich Filmkünstler mit der Befürchtung zu Wort, eine zu große Zahl von Juroren könne dem allzu Gefälligen zuneigen und das Besondere umgehen. Da wird allen Ernstes dem Plenum derer, die einmal für das Besondere ausgezeichnet wurden, die Fähigkeit abgesprochen, eben dies in den Werken ihrer Kollegen zu erkennen. Und ausgerechnet der Oscar, für den ein deutscher Filmkünstler im Zweifel, soweit technisch möglich, zu Fuß nach Los Angeles pilgern würde, muss dafür herhalten, einen künftigen Akademiepreis zu diskreditieren.

Gäbe es keinen anderen Grund, diese Verzagtheit würde ausreichen, um die Akademie zu fordern. Es ist nicht das einzige, aber das folgenreichste Dilemma des deutschen Films, dass seine Akteure seit Jahrzehnten in Unmündigkeit gehalten werden. Was in diesem Land produziert wird, entscheiden allein die Fernsehanstalten und die Fördergremien. Die Kreativen haben sich in dieser Abhängigkeit eingerichtet und es sich, das sei nicht verschwiegen, darin zum Teil auch bequem gemacht. Die Gründung einer Akademie wäre ein emanzipatorischer Akt. Sie könnte jenen Korpsgeist befördern, ohne den sich jenseits von individuellen Erfolgen ein produktives Selbstbewusstsein nicht entwickeln kann. Und wo kein Selbstbewusstsein ist, gibt es keine guten Filme.

In den Urteilen der Akademiker würden sich auch überraschende Erkenntnisse offenbaren. Es würde sich nämlich zeigen, dass die Mehrheit der Filmemacher gerade nicht dem Mainstream anhängt, zu dem sie sich in der Realität ihrer Arbeit nolens volens immer wieder gedrängt sehen, sondern jener bedrohten Spezies, die sich einmal Filmkunst nannte und die der Grund war, warum sie diesen Beruf ergriffen haben.

Vor allem aber könnte die Akademie den vielen Einzelkämpfern, die sich in der täglichen Arbeit mächtigen Institutionen gegenübersehen, ein lange entbehrtes Gemeinschaftsgefühl vermitteln. Nur so lässt sich national und international demonstrieren, wer das ist, der deutsche Film. Es wird Zeit, dass die Kreativen das selbst in die Hand nehmen, statt es weiterhin den Bürokraten zu überlassen. Die Akademie wäre ein Schritt auf dem Weg zur Emanzipation der deutschen Filmer. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Der Autor lebt als Produzent („Das Boot“, „Aimee & Jaguar“, „Kalt ist der Abendhauch“) in München. Er erhielt 1994 den Ehrenpreis des Deutschen Filmpreises.

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