Kultur : Kurzmeldungen

Berlin – Moskau – Berlin: Eine neue Monatszeitung widmet sich der Identität russisch-jüdischer Emigranten und den Konflikten in den jüdischen Gemeinden Weltbürgerkrach

Jens Mühling

Wo liegt Deutschland? Hinter der „Welt“, vor dem „Gelobten Land“, weit weg von „da, wo die UdSSR war“. So jedenfalls suggeriert es die russischsprachige Monatszeitung Jewrejskaja Gaseta, deren blumige Seitenüberschriften die Reihenfolge der Berichterstattung markieren: Welt, Deutschland, Israel, Russland. In diesem Spannungsfeld bewegen sich die Adressaten der Zeitung: zu Weltbürgern gewordene Emigranten, die in Deutschland leben, die dem jüdischen Glauben angehören und russisch sprechen.

Knapp 170000 jüdische Immigranten sind seit 1991 aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion nach Deutschland eingewandert. Das Gesicht der jüdischen Gemeinden hier zu Lande haben sie nachhaltig verändert: Deren Mitgliederzahlen schnellten seitdem von knapp 30000 auf knapp 100000 empor. Von existenziellerer Bedeutung als die damit einhergehenden logistischen Probleme sind jedoch die Konflikte, die an das jüdische Selbstbild in seinen genealogischen, religiösen und politischen Ausformungen rühren.

Die Auseinandersetzung mit diesen Konflikten und die Diskussion russisch-jüdischer Identität prägen die Jewrejskaja Gaseta (deutsch: Jüdische Zeitung), die seit September 2002 in Berlin herausgegeben und deutschlandweit vertrieben wird. Diskutiert wird in der aktuellen Ausgabe beispielsweise die Frage der Erbfolge: In der Sowjetunion galt das Jüdische weniger als religiöser, sondern als nationaler Status, der über den Nachnamen des Vaters vererbt wurde – und nicht, wie nach orthodoxer Tradition, durch die Mutter. Wenn ein Flüchtling, der in seiner Heimat diskriminiert wurde, an seinem Zufluchtsort nicht mehr als Jude gilt, sind Konflikte vorprogrammiert. Hinzu kommt, dass unter vielen alteingesessenen Gemeindemitgliedern der pauschale Verdacht grassiert, für „die Russen“ sei ihr jüdischer Status lediglich eine Fahrkarte in den Westen. Dieser Verdacht unterschlägt, warum ein nicht religiös empfindender Mensch sich überhaupt einer religiösen Gemeinschaft anschließt – die Gemeindemitgliedschaft ist jedenfalls keine Asylauflage.

Auf der anderen Seite erhoffen sich viele Neuankömmlinge von den Gemeinden Integrationsbemühungen; für sie ist das Gemeindehaus Kaffeestube, Jobbörse, Wohnungs- und Heiratsmarkt. Weil Religionsausübung in der Sowjetunion nur eingeschränkt möglich war, fehlen vielen Einwanderern die Basiskenntnisse über jüdisches Brauchtum und jüdische Liturgie. Nicht zuletzt sind die zahlenmäßig weit überlegenen Einwanderer in vielen Gemeindegremien unterrepräsentiert; auch russischsprachige Rabbiner sind bislang die Ausnahme.

Die Folge: Zerreißproben. Auch die Jewrejskaja Gaseta kann da keine Patentlösungen anbieten – aber sie kann Aufklärungsarbeit leisten und beispielsweise lange Erklärtexte zur jüdischen Geschichte und zum religiösen Leben. Eine ideologische Linie wird dabei nicht vertreten: Neben der herkömmlichen Schreibweise des russischen Wortes für Gott („Bog“) liest man auch die Variante „B-g“, eine Imitation jener Vokalaussparung, mit der im Hebräischen der unnennbare Name Gottes symbolisiert wird.

Intelligenzija – eine Marktlücke

Auch die Titelseite gibt sich undogmatisch. Neben dem Zeitungslogo ist ein siebenarmiger Leuchter abgebildet, darüber das dem Johannes-Evangelium entlehnte Motto „Im Anfang war das Wort“. Ein neu-testamentarischer Vers als Leitwort für eine jüdische Zeitung? Chefredakteur Michail Sarajew lächelt: „Altes Testament, Neues Testament – was heißt das schon? Wenn ich im Hotel eine Bibel im Nachttisch finde, lese ich ja auch nicht nur im ersten Teil.“ Und breitet mit einer entwaffnenden Geste slawischer Weitherzigkeit die Arme aus. Der gleiche großzügige Geist dominiert die Zeitschrift: eine liberale, undogmatische Grundhaltung, charakteristisch für jenen Prozess der Selbstfindung, den nicht nur die Leser, sondern auch die Mitarbeiter der Gaseta durchlaufen.

„Die Mehrzahl der russischen Juden kommt aus der Stadt und gehörte der so genannten Intelligenzija an“, erklärt Sarajew. Damit unterscheiden sie sich vom Gros der über drei Millionen in Deutschland lebenden GUS-Einwanderer, die meist aus ländlichen Gegenden stammen. Der Verlag „Werner Media“ hat mit der Jewrejskaja Gaseta also eine Marktlücke aufgetan. Denn bislang existieren hier zu Lande nur russischsprachige Blätter, die sich an den Lesewünschen deutschstämmiger Spätaussiedler orientieren: Es sind meist bunte, werbelastige Gazetten mit konservativem Grundton.

Verhängnisvolle Dienstanweisung

„Wir betrachten diese Zeitungen nicht so sehr als Konkurrenz, da wir als Monatszeitung stärker auf Analyse und Hintergrundberichterstattung setzen und andererseits einen jüdischen Themenschwerpunkt setzen“, erläutert Redakteur Michail Goldberg. Auch von deutschsprachigen Zeitungen wie der vom Zentralrat der Juden herausgegebenen Jüdischen Allgemeinen setzt sich die Gaseta ab: Dort gehe man wenig auf die spezifischen Interessen der russischsprachigen Juden ein, meint Goldberg.

Seit ihrer Gründung hat die Jewrejskaja Gaseta immerhin eine Auflage von 40000 Exemplaren erreicht, davon 17000 durch Abonnenements. Dimitri Feldman, Herausgeber der Russkaja Germania, eine der auflagenstärksten russischsprachigen Wochenzeitungen in Deutschland, glaubt dennoch nicht an einen kommerziellen Erfolg. Als Vorstandsmitglied der Berliner Jüdischen Gemeinde hat Feldman zwar schon oft über die Gründung einer russisch-jüdischen Zeitung nachgedacht. „Aber ohne Spendenfinanzierung ist das nicht zu machen.“ Die Nachteile eines solchen Abhängigkeitsmodells haben sich jedoch erst kürzlich zu deutlich erwiesen. Als sich das Parlament der Gemeinde vor drei Monaten unter heftigen Querelen auflöste, tat sich das Gemeindeorgan Jüdisches Leben begreiflicherweise schwer mit unabhängiger Berichterstattung. Nicht so die Jewrejskaja Gaseta: Als einziges Medium veröffentlichte sie jene mysteriöse Dienstanweisung, mit der der Vorstand seinen Vorsitzenden Alexander Brenner hatte kalt stellen wollen und letztlich den Kollaps des Parlaments auslöste (Tsp. vom 5. Mai). Auch die Neuwahlen im September werden in der Jewrejskaja Gaseta so gründlich wie nirgendwo sonst publizistisch begleitet: Alle maßgeblichen Wortführer der Berliner Gemeinden kamen hier mit Kommentaren zu Wort.

Ideologieskepsis, Öffentlichkeitsbewusstsein, publizistische Risikobereitschaft – bislang gelten solche Attribute in westlichen Augen nicht gerade als Stärke des „russischen“ Journalismus. Dass eine russisch-jüdische Zeitung Maßstäbe in diesen Disziplinen zu setzen versucht, verweist auf die Entwicklung postsozialistischer Gesellschaften: Während in Russland die Pressefreiheit schon wieder schrittweise zurückgenommen wird, verteidigen Exilrussen in der Diaspora mit Vehemenz das freie Wort.

Morgen, am 12. Juni, lädt das Potsdamer Einstein-Forum zur Konferenz „Russisch-jüdische Zuwanderung nach Israel, Deutschland und in die USA: Parallelen, Unterschiede, Perspektiven“. Unter anderem diskutieren der Chefredakteur Michail Sarajew, der Historiker Julius H. Schoeps, Willi Jasper vom Moses-Mendelssohn-Zentrum und Eliezer Ben Rafael von der Universität Tel Aviv. Ab 9 Uhr, Anmeldung unter 0331-280940

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben