Kultur : Kurzmeldungen

Frank Noack

CITY LIGHTS

In den Nachrufen auf Günter Pfitzmann spielte seine Tätigkeit als Kabarettist bei den „Stachelschweinen“ nur eine geringe Rolle. Überhaupt scheint die Zeit des politischen Kabaretts vorbei. Seine Blüte erlebte diese Form der Unterhaltung nach dem Zweiten Weltkrieg, als es endlich wieder erlaubt war, über die Regierenden zu spotten. Das befreiende Lachen war vom Reiz des Verbotenen begleitet, denn von einer antiautoritären Gesellschaft war man noch weit entfernt.

Auf der Grundlage von Günter Neumanns Kabarettprogramm „Schwarzer Jahrmarkt“ entstand der Film Berliner Ballade (1948), mit dem noch mageren Gert Fröbe als Otto Normalverbraucher, der voller Erstaunen die deutsche Nachkriegsgesellschaft beobachtet. Für diesen Klassiker des Kabarettfilms gab es einen Spezialpreis in Venedig. Regisseur Robert A. Stemmle, der am 10. Juni 100 Jahre alt geworden wäre, war selbst vor 1933 Kabarettist. Ihm widmet das Filmmuseum Potsdam eine kleine Werkschau. „Berliner Ballade“ wird heute nach einer Vorführung von Erich Engels Der Biberpelz (1948) gezeigt, dessen Drehbuch Stemmle nach Gerhart Hauptmanns Diebeskomödie schrieb.

Anders als Stemmle ist der am selben Tag geborene Theo Lingen sehr bekannt geblieben. Leider hat er seine Karriere mit seichten Pauker- und Lümmelfilmen beendet. Um dieses Bild zu korrigieren, widmet ihm die Akademie der Künste die Ausstellung „Hinter der Maske des Komikers“, und das Babylon Mitte zeigt einige seiner Filme. 1941 bearbeitete Lingen Paul Linckes Operette Frau Luna („Das ist die Berliner Luft Luft Luft“) fürs Kino und spielte selbst eine Hauptrolle (Montag). Die von Stemmle inszenierte Komödie Johann (1943) erzählt die Lebensgeschichte eines Kammerdieners; von Lingen stammte die Bühnenvorlage, und natürlich übernahm er selbst die Hauptrolle (zu sehen am folgenden Montag). Die Ausstellung, zu der ein Buch und eine CD erscheinen, verweist auf die prägenden Jahre des Darstellers bei Bertolt Brecht, dessen Mackie Messer in der „Dreigroschenoper“ er interpretiert hat. Außerdem heiratete er Brechts Ex-Frau, die Sängerin Marianne Zoff, und versuchte während der NS-Herrschaft so gut es ging, deren jüdische Familie zu beschützen.

Mit dem sowjetischen Film verbindet man todernste Revolutionsdramen, dabei gab es auch hier einen Experten für die leichte Muse. Grigorij Alexandrow, am 23.Februar 1903 geboren (noch ein Hundertjähriger!), war ein Freund von Sergej M. Eisenstein und begleitete den Meister nach Hollywood. Dort studierte er die Machart der ersten Tonfilme, vor allem der Musicals. Wieder in Moskau, verzauberte er Publikum und Parteileitung mit der musikalischen Komödie Lustige Burschen (1934). Nach dem Vorbild des Klassenfeinds präsentierte Alexandrow einen Luxus- Badeort auf der Krim, einen blonden Star (Ljubow Orlowa) und Jazzmusik. Die kurz darauf folgenden Säuberungsprozesse hat Alexandrow unbeschadet überstanden (Freitag im Arsenal).

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