Kultur : Kurzmeldungen

Alle reden vom 17.Juni 1953. Verdeckt der Medienrummel in Wahrheit nicht unser politisches Desinteresse? Einheit in Freizeit

Hermann Rudolph

So viel 17. Juni war nie. Auf ein halbes Hundert wird die Zahl der Veranstaltungen geschätzt, die in diesen Tagen an den Aufstand von 1953 erinnern – Gedenkfeiern, Ausstellungen, Diskussionen und Schülerwettbewerbe. Seit Wochen ist das Fernsehen dabei, uns mit Filmen zu versorgen. Längst haben auch die Druckpressen ihren Ertrag ausgeworfen – hat es seit den frühen Achtzigerjahren so gut wie keine neuen Bücher zum Thema mehr gegeben, so kann man sich jetzt vor Publikationen kaum retten. Ist es das suggestive Datum des Halbjahrhunderts, das uns erinnern, feiern, erklären und, vielleicht, auch bekennen heißt? Oder nur der leidige zeitgemäße Medien-Auflauf, der drei Tage nach dem Ereignis in sich zusammenbricht?

Mehr und anderes ist es wohl doch. Aber was? Mancher hofft darauf, dass er mit der Erinnerung an diesen Tag den roten Faden einer Tradition zu fassen bekommt, der zum Wende-Herbst 1989 führt. In der geteilten, so oft ratlos hin- und herpendelnden Nachkriegsgeschichte soll eine ermutigende Kontinuitätslinie sichtbar werden. Oder könnte die Erinnerung an diesen revolutionären Akt ein Baustein zu der Identität werden, an der auch im wieder vereinten Deutschland noch beträchtlicher Bedarf ist? Jedenfalls: Die Wiederentdeckung dieses Tages, die die Veranstaltungsflut anstrebt, verbindet sich mit dem Versuch seiner Aufwertung.

Aber der schöne Gedanke zum Beispiel, dass sich 1989 vollendet habe, was 1953 scheiterte, stößt sich hart im (Geschichts-) Raum mit dem Umstand, dass der 17.Juni im Zuge der Vereinigung, sozusagen von der im Einigungsvertrag an ihr Ziel gelangten Revolution, als Feiertag abgeschafft worden ist. Die drei Bände deutscher Erinnerungs-Orte, mit denen zwei Historiker jüngst unserem historischen Bewusstsein auf die Sprünge helfen wollten, führen zwar die Reformation und 1989 auf, nicht jedoch den 17.Juni. Aber gut hat dieser Tag es über den größten Teil der 36 Jahre, in denen er begangenen wurde, ohnedies nicht gehabt – in beiden Teilen des Landes.

Im Westen hat ihn zuletzt nur die Gewerkschaft mit ihrer Entschlossenheit, sich keinen arbeitsfreien Tag nehmen zu lassen, als Feiertag erhalten. Aber ein Datum der Verlegenheit, wenn nicht der Peinlichkeit war der 17.Juni fast durchweg. Das zum Ritual gewordene Gedenken vereinte sich mit dem Jahr für Jahr mühsamer werdenden Versuch, ihm einen Sinn einzuflössen, und seiner Entwertung durch die konsequente Umwandlung in einen Ausflugstag. Ein Gedenktag für einen Tag, an den keiner mehr dachte. Und an dem sich dann auch noch Hohn und Spitzzüngigkeit gütlich taten.

Und im Osten? Natürlich durfte vom 17.Juni zu DDR-Zeiten nicht die Rede sein – es sei denn in der unsäglichen Lesart des faschistischen Putsches. Aber das von der DDR-Obrigkeit verhängte Tabu über den 17.Juni hatte eben auch wenig zu tabuisieren. Für sein unterschwelliges Weiterleben gibt es keine Belege. Widerstand und Vorbehalte gegen das System haben sich – soweit man weiß – nicht auf diesen Tag berufen. Selbst für die Dissidenten spielte er – wie Marianne Birthler freimütig eingeräumt hat – keine Rolle. Ob das (wie Frau Birthler meint) dem verordneten DDR-Geschichtsbild anzulasten ist oder den westdeutschen Linken, die ihn den aufsässigen DDRlern mies gemacht haben, steht dahin. Mehr spricht dafür, dass dieser Tag in der DDR noch ein wenig mehr vergessen war als im Westen. Gewiss spielte er noch eine Rolle in der Literatur, in der etliche DDR-treue Autoren ihren Parteiglauben und ihre Parteizweifel an ihm abarbeiteten. Aber am Ende waren es wohl doch nur SED und Stasi, die den 17.Juni – traumatisiert, wie sie durch den Aufstand waren - über die Jahrzehnte hinweg wirklich im Gedächtnis behalten haben.

Vergessen ist aber auch, dass in dem Feier- und Gedenktag, den die Bundesrepublik aus dem 17.Juni machte, einambitionierter, geschichtspolitischer Vorsatz steckte. Dieser „Tag der deutschen Einheit" war ja der Versuch der jungen Bundesrepublik – der Historiker Edgar Wolfrum hat diesen Umstand vor kurzem ausgegraben –, auf das historische Vakuum, in dem sie sich befand, mit einer Traditions-Gründung zu antworten. Die Mittel, mit denen das geschah, die Reden, die Denkmäler, die Fackelzüge und Stafettenläufe an der Zonengrenze , mögen uns heute ihrer traditionalistischen Attitude wegen nicht recht geheuer vorkommen. Aber sie hatten ihren Sinn, und sie fanden damals auch Resonanz.

Die betriebsame Leere überwältigte den Feiertag erst, als der Gedanke, den er lebendig halten sollte, sich erschöpft hatte - als die Einheit unvorstellbar geworden war. 1960 titelte der Spiegel die staatsoffizielle Formel von „Einheit in Freiheit“ in „Einheit in Freizeit“ um. 1961 setzte die Mauer diesem Kapitel ihren Schlusspunkt.

Gescheitert ist eben nicht nur der 17. Juni 1953, sondern auch die Erinnerung an dieses Ereignis. Deren Kern war die Suche danach, wie der Diktatur im Osten und dem Schicksal, das ganz Deutschland ereilt hatte, zu begegnen sei. Vielleicht kann man es so sagen: Der Gedenktag verlor seine Botschaft gegen das, was kam – gegen den Weg der Bundesrepublik zu einem Staatswesen, das sich selbst genug wurde, gegen das Sich-Arrangieren mit der Misere, in dem die DDR überlebte, gegen die auseinanderstrebende Entwicklung in den beiden Deutschlands. Aber möglicherweise war auch die Mission, die ihm mit der Promotion zum Feiertag aufgeladen wurde, zu schwer für diese spontane, nach eineinhalb Tagen niedergeworfene Volksbewegung. Denn anders als die folgenden Aufstände im Ostblock, als Ungarn 1956, Prag 1968, Polen 1980, war der 17.Juni eine Rebellion ohne politisch-intellektuellen Vorlauf, ohne die Zeit, Struktur und Führung auszubilden.

Was war denn überhaupt die Botschaft des 17. Juni? Darüber ist viel gestritten worden, ziemlich akkurat in dem Maße, in dem über den Weg der Deutschen gestritten wurde – zuletzt 1984, als der deutsch-amerikanische Historiker Fritz Stern die Gedenkrede im Bundestag hielt und darauf bestand, dass der 17. Juni ein Arbeiteraufstand, kein Aufstand für die Wiedervereinigung gewesen sei. Die damalige Diskussion entzündete sich an dem Dilemma, in das der 17.Juni geraten war. Denn es trifft ja zu, dass am 17.Juni die Forderungen nach Demokratie und Freiheit die nach der Einheit überwogen. Aber klar war auch, dass (vier Jahre nach den beiden Staatsgründungen) jede Umwälzung in der DDR zur Einheit (zurück-)geführt hätte.

Nun haben wir beides, Einheit und Freiheit, und die Kontroversen, die sich einst an den 17. Juni hängten, nehmen sich ziemlich historisch aus. Dass gibt der Erinnerungswoge, die seine fünfzigste Wiederkehr ausgelöst hat, die Chance der Wiedergutmachung an diesem Gedenktag. Aber gerecht würde man ihm nur, wenn es gelingt, ihn neu im kollektiven Bewusstsein zu befestigen – in der ganzen Ambivalenz, die ihn kennzeichnet, in seiner Beispielhaftigkeit und in den Grenzen, die sein Ablauf und der Gang der Nachkriegsgeschichte ihm gezogen haben.

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