Kultur : Kurzmeldungen

Was, wenn Gott mal Urlaub braucht? Und der kleine Mann von nebenan ihn mal ersetzen will? Dann tritt das amerikanische Kino auf den Plan: „Bruce Allmächtig“ Himmel!

Kerstin Decker

Bruce ist Fernsehjournalist bei einem drittklassigen Nachrichtensender in dem nicht mal zweitklassigen Nest Buffalo, genau der Typus Mitarbeiter, dem man immer die viertklassigen Aufgaben überträgt. Wenn irgendwo das größte Plätzchen in der Geschichte Buffalos gebacken wird, ist Bruce der Mann vor Ort. Und wie jeder Spezialist für Nachrichten, die man genausogut weglassen könnte, erledigt Bruce seine Sache mit höchstem Einsatz. Wenn nur alle sehen, wie Bruce aus dem größten Keks in der Geschichte Buffalos die Nachricht des Tages macht, dann muss doch irgendwann auch das Auge Gottes auf ihm ruhen.

Das Auge Gottes: Für Mitarbeiter von Fernsehanstalten ist es grundsätzlich identisch mit der Sehkraft ihres Direktors. Bruce weiß, dass er berufen ist, selber die allergrößten Plätzchen zu backen. Und wir fürchten, Bruces psychische Disposition ist nicht unbedingt die Hiobs, so wie moderne Menschen in modernen Gesellschaften grundsätzlich über antihiobistische Persönlichkeitsstrukturen verfügen. Mag sein, dass das den Mann, der traditionell spezialisiert ist auf die Herstellung allergrößter Plätzchen, schon lange irritiert. Gott also. Und Gott ist sauer.

Gott ist Morgan Freeman, und Bruce aus Buffalo ist Jim Carrey. Ein Berufener für Keks-Reportagen aller Art. Jim Carrey braucht seinem Jimcarreytum keinerlei Zwänge anzutun, er geht uns auf die Nerven wie alle drittklassigen Sender das tun. Zugleich aber ist er ein Virtuose in dieser Disziplin und jedes Virtuosentum trägt geniale Züge, außer bei Roberto Benigni vielleicht.

In Amerika wollte fast jeder sehen, wie Bruce aus Buffalo Gott begegnet, was nicht nur an Jim Carrey und Morgan Freeman liegen kann. Auch nicht nur an dem freundlichen Mittelmaß von „Bruce Allmächtig“, diesem gutgelaunten Ketzertum für jedermann, diesem so gar nicht verzweifelten Gottes-Spaß (Regie führte schon wieder Tom Shadyac, „Der Dummschwätzer“, „Ace Ventura“). Vielleicht auch kommt dazu, dass zeitgenössische Intelligenzen völlig hiobsfern und absolut hiobsnah zugleich sind.

Bruce-Jims Hiob-Frage lautet nicht „Warum gerade ich?“, sondern „Warum gerade ich nicht?“ – und sie überfällt ihn mit alttestamentarischer Gewalt mitten in einer Live-Übertragung an Bord der „Maid of the Mist“ bei den Niagara-Fällen.

Live vor der Kamera erfährt Bruce, dass ein Konkurrent neuer Anchorman des Senders wird. Und nun steht er da, hinter sich die Wasserfälle, neben sich die Dame, die schon bei der ersten Fahrt des legendären Passagierbootes „Maid of the Mist“ dabei war und vor sich – nur noch die Farbe Rot. Die Liveübertragung von der Jubiläumsreise der „Maid of the Mist“ muss unterbrochen werden. Bruce, tendenziell ein Amokläufer wie wir alle, ist gefeuert. Und wie jeder Arbeitslose hält Bruce Gott für einen absoluten Versager.

Mag sein, dass Gott das ärgert. Aber er versucht, mit Bruce zu reden. Auch hierin mag ein Schlüssel zum Erfolg dieses Films in Amerika liegen. Denn eigentlich ist Gott ein großer Ignorant: Fast nie gibt er sich die Mühe, mit uns ins Gespräch zu kommen. Insofern sind die Bemühungen des Höchsten um Bruce sehr beachtlich. Natürlich wird er nachgeben. Und Bruce übernimmt, wirklich gute Idee, Gottes Urlaubsvertretung.

Dass der Herr ein Schwarzer ist und aussieht wie Morgan Freeman, ist wiederum nicht besonders originell, geht aber in Ordnung. Auch dass Gott Bruce als Putzmann in einem leeren Bürohaus empfängt. Es ist schließlich nicht einfach, ein passendes Interieur für Gott zu finden. Andererseits: Dass der obdachlose Penner vor Bruces Fernsehstation einen geheimen Draht zum Allerhöchsten hat, wirkt – nach Art seines Landes – beinahe peinlich moralisch. Auch dass Bruce die von Gott geborgte Allmacht am Ende freiwillig zurückgibt, berührt ein bisschen unangenehm. Läuterung durch Allmacht? Welchem Alleinherrscher passiert denn sowas?

Die Gutheits-Zwischenräume füllen Carrey und sein Regisseur immer wieder mit leicht-frivoler Hand. Für Leute mit Zuckerwatten-Allergie ist „Bruce allmächtig“ nichts, aber für alle anderen gibt es eine Szene, für die allein der ganze Film lohnt: die alttestamentarischen Ereignisse in Bruces Suppentasse, gleich nachdem Gott weggegangen ist. Übers Wasser natürlich.

In 23 Berliner Kinos; Originalversion im Cinemaxx Potsdamer Platz, Cinestar Sony Center und in der Kurbel

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