Kultur : Kurzmeldungen

Silvia Hallensleben

CITY LIGHTS

Für Experimental-Filmer muss Toronto das Paradies sein. So pudelwohl fühlen sie sich in ihrer schönen bunten Stadt, dass die meisten auf Ruhm und Ehre in der großen Welt pfeifen und sich stattdessen lieber bei Filmparties mit Freundesfreunden vor der Haustür vergnügen. So sind viele der Regisseurinnen und Regisseure, die der kanadische Regisseur und Kurator Mike Hoolboom jetzt in seinem fünfteiligen persönlichen Auswahlprogramm Pleasure Dome im Arsenal vorstellte, hiesigen Cineasten noch unbekannt. Bei Hoolboom selbst dürfte das etwas anders sein: Der junge Mann ist nicht nur einer der bekanntesten Experimentalfilmer Kanadas, er tourt auch durch die Festival-Szene und war etwa beim Berlinale-Forum zu Gast. Seine Filme sind höchst persönliche Essays über das Leben, das Kino und die Welt, in denen analytische Intelligenz und visuelle Poesie aufs Schönste verschmelzen. Auch sein neuestes Werk Imitations of Life , das er am Freitag vorstellt, ist ein assoziationsgeladener Streifzug von Hollywood in die eigene Kindheit, von der möglichen Zukunft in die gegenwärtige Vergangenheit, von den fremden Bildern zu den eigenen – aber sind die fremden in der Erinnerung nicht schon längst zu den eigenen geworden? Von der Aneignung durch Wiederholung und Weiterspinnen erzählt auch der thailändische Film Dogfar nai mae marn (Mysteriöses Objekt am Mittag) von Apichatpong Weerasethakul, den Hoolboom heute präsentiert. Als Text dazu wählte er „La pute de la côte normande“ (1986) von Marguerite Duras aus.

Von großer, ganz anderer Schönheit ist der Dokumentarfilm Sertschawan des Schweizer Filmemacherpaares Beatrice Michel und Hans Stürm. "Sertschawan" erzählt vom bitteren und grausamen Schicksal der Kurden unter dem irakischen Regime und er tut das so bedächtig und so farbenfroh, als erzählte er ein orientalisches Märchen. Doch auch Märchen sind nicht harmlos. Und die anfangs irritierende indirekte Rede, die die Bilder von Mord und Vertreibung begleitet, erscheint den epischen Dimensionen der Geschichte bald angemesssener als jeder O-Ton. 1992 entstanden, nimmt der Film (Sonnabend im Babylon-Mitte) dennoch zu Recht einen prominenten Platz unter den aktuellen Spielfilmen und Dokumentationen des Kurdischen Filmfestivals ein (noch bis Sonntag im Babylon und im Eiszeit).

Manchmal sind die Zusammenhänge zwischen Ökonomie und Kunst ebenso schlicht wie klar: In Russland wurde Film produziert, um Mafiagelder zu waschen. Im krisengeschüttelten Argentinien blüht das Kino, weil das Land sich als billige Ko-Produktionsstätte anbietet. Und in Brasilien gibt es wieder eine nennenswerte nationale Filmproduktion, seitdem ein neues Abschreibungsgesetz Zuwendungen ins Filmgeschäft steuerlich absetzbar macht. Die Folgen lassen sich ab heute im Kino begutachten: Mit der Komödie Durval Disco von Anna Muylaert wird im Arsenal die breit angelegte Länderreihe Brasil 4 0° eröffnet, die bis zum 27. Juli in lockerer Folge dreizehn Filme aus der aktuellen brasilianischen Filmproduktion vorstellen wird. Und was können wir in Deutschland daraus lernen?

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben