Kultur : Kurzmeldungen

Wo liegt die Zukunft des Musiktheaters? Erlebnisse eines Jury-Mitglieds beim internationalen Regie- und Bühnenbild-Wettbewerb in Graz Hoffen auf Hoffmann

Frederik Hanssen

„...darum hat sich die Jury entschieden, keinen Preis zu verleihen.“ Die Worte der Grazer Theaterintendantin Karen Stone gehen fast im Buhsturm unter. Tumult im Zuschauerraum. War denn keiner der Finalisten würdig, den Ring-Award des internationalen Regie- und Bühnenbild-Wettbewerbs zu erhalten, der dem Gewinner statt eines Preisgeldes den Vertrag für eine Inszenierung an den Bühnen Graz beschert? 86 Teams aus aller Welt hatten Konzepte eingereicht, nach zwei Vorrunden waren vier Teams eingeladen worden, ihre Ideen szenisch umzusetzen – und kein Nachwuchstalent sollte bühnenreif sein? Ja und nein, erklärte Stone. Ausgerechnet jenem Team, das nach der komplizierten Satzung den Inszenierungs-Preis eigentlich gar nicht gewinnen darf, traute die Ring-Award-Jury zu, erfolgreich ein Projekt unter Stadttheaterbedingungen zu stemmen.

Birgit Kadaz und Britta Nagel hatten Mut zum Weglassen bewiesen, sich für eine einfache Lösung entschieden und diese mit bescheidenen Mitteln umgesetzt – während ihre Konkurrenten alles auf einmal wollten. Natürlich war die Verlockung groß, kräftig in die Regietheater-Trickkiste zu greifen – schließlich saß mit Peter Konwitschny der größte lebende Musiktheater-Deuter in der Jury. Und außerdem ging es um Jacques Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“, eines der schillerndsten Werke des Opernrepertoires, das seit 1881 die Exegeten zu unzähligen gewagten Interpretationen verleitet hat.

Warten auf die Traumfrau

Die Story ist aber auch wahrhaft wunderlich: In der Berliner Kneipe Luther & Wegner am Gendarmenmarkt zecht der Dichter E.T.A. Hoffmann mit seinen Kumpanen. Um sich die Zeit zu vertreiben, bis seine Angebetete, die Sopranistin Stella, mit ihrer Opernvorstellung im benachbarten Schauspielhaus fertig ist, erzählt er von den drei großen Lieben seines Lebens: von Olympia, der perfekten Schönheit (die sich leider als Automatenpuppe herausstellt), von Antonia, der perfekten Künstlerin (die an ihrer inneren Glut zugrunde geht) und von Giulietta, der perfekten Verlockung (die mit dem Bösen im Bund steht). Dabei schüttet er so viel Punsch in sich hinein, dass er letztlich Stellas Ankunft verschläft – und sein Konkurrent Lindorf ihm die Frau ausspannen kann.

So jedenfalls steht es auf dem Papier. So aber wollte kein Team die Geschichte verstehen. Allerdings mussten die Nachwuchs-Inszenierer mit einem einzigen Akt der Oper auskommen, um Publikum und Jurymitglieder von ihrer Deutung zu überzeugen. Schließlich sind selbst dem bestorganisierten Wettbewerb zeitliche und finanzielle Grenzen gesetzt. Mit jungen Sängern, die von den Richard-Wagner-Verbänden aus St. Petersburg, Helsinki und Magdeburg nach Graz entsandt waren, musste in nur zehn Tagen der Antonia-Akt entstehen.

Am weitesten preschen Claudia Blersch und Giulio Bernardi vor: Bei ihnen gibt der sich öffnende Vorhang nicht den Blick auf eine bildungsbürgerliche Wohnung frei, sondern auf eine Palastruine in der Wüste. Hier feiern Fremdenlegionäre Weihnachten, misstrauisch beäugt von verschleierten Frauen. Dem Konflikt zwischen dem Vater, der Antonia durch ein Gesangsverbot davor bewahren will, wie die Mutter der Kunst physisch zu unterliegen, und dem rätselhaften Doktor Mirakel, der das lungenkranke Kind antreibt, ihrem Ausdrucksbedürfnis nachzugeben, verweigert sich das deutsch-italienische Team völlig. Auf die vielfach um die Ecke gedachten Theorien vom Rausch, der durch Abwesenheit erzeugt wird, und von den brutalen Ritualen der Männergesellschaft, der sich die Frauen am Ende mit Waffengewalt entgegenstellen, mochte man sich jedoch nicht recht einlassen. Dafür war regiehandwerklich zu wenig vom Ideenwust auf der Szene umgesetzt.

Großen technischen Aufwand betreiben Andrea Kilian und Tassilo Tesche, um ihre relativ schlichte Aussage zu transportieren. Bei den beiden Berlinern ist Antonia nicht krank, muss also nicht um ihrer mütterlicherseits ererbten Tuberkulose willen von körperlicher Verausgabung ferngehalten werden. Antonias Vater versteckt seine Tochter in einem Bunker, um sie vor der Vereinnahmung durch die Öffentlichkeit zu schützen. Das Bad in der Menge aber ist Antonias Traum – den ihr Kilian auch zugesteht: Am Ende darf sie als Superstar vorn an der Rampe stehen. Dass sich Künstlertum nur bei schlichten Gemütern à la Daniel Küblböck an der Zahl der Autogrammjäger festmacht, ist der Regisseurin dabei entgangen: Offenbachs Musik jedenfalls erzählt nicht von Spotlight-Geilheit, sondern vom unbezwingbaren Ausdrucksdrang, einem Sich-Mitteilen-Müssen, das Künstler ins Rampenlicht antreibt.

Frauenmörder im Gourmetrestaurant

Bei Leo Krische (Österreich) und seiner Ausstatterin Sofia Mazzoni (Russland) ist Antonia ebenfalls gesund. Zumindest physisch. Psychisch jedoch hält sie dem Druck derer, die sie lieben, einfach nicht stand: Der Vater will, dass sie ewig Kind bleibe, Hoffmann drängt sie, ihre sexuelle Seite zu entdecken, und Dr. Mirakel steht mit der Muse im Bunde, jener allegorischen Figur, die Hoffmanns Liebesleiden in Kunstschaffen ummünzen will: Unter diesen Umständen ist nur eine tote Antonia eine gute Antonia.

Eine ebenso wohlfeile wie zweifelhafte Deutung schließlich präsentierten Birgit Kadatz (Deutschland) und Britta Nagel (Österreich), die sich in der Kategorie „hoffmann.remixed“ nicht mit dem schwer vermittelbaren Antonia-Akt herumplagen mussten, sondern nach Belieben Teile aus der gesamten Oper aussuchen durften. In ihrer männerfeindlichen Deutung kommen Bösewichter wie Dr. Mirakel gar nicht vor – weil es Hoffmann selber ist, der die Frauen umbringt. Also schnappen sie sich die schönsten Melodien, setzen das Publikum in der ehemaligen Grazer Seifenfabrik an Tischen auf die Bühne und lassen ein Video laufen, in dem ein einsamer Mann sein Essen verspeist: Hoffmann, der Mörder der Frauen, wie er im Geiste seine Geliebten in den Tod treibt. Dazu bewegen sich live die Sängerinnen so, wie man es erwartet: Giulietta ist lasziv, Antonia depressiv und Olympia, die Automatenfrau, tippt auf einer Schreibmaschine ihres Namens.

Die hippe location und die vermeintlich innovative Optik verfehlten ihre Wirkung nicht. In allen drei Jurys fanden sich Fürsprecher für „hoffmann.remixed“: Die Kritikerjury (in der auch der Autor mitwirken durfte) entschied sich mehrheitlich für Kadatz/Nagel, die Intendantenjury teilte ihren Preis zwischen diesem Wettbewerbsbeitrag und dem Team Krische/Mazzoni auf. Und auch die vom Auditorium wütend bekämpfte Entscheidung der Ring-Award-Jury, den beiden Frauen gegen alle Regeln einen Inszenierungs-Vertrag für die Bühnen Graz in Aussicht zu stellen, machte klar, wohin sich der professionelle Geschmack derzeit bewegt: Weg von verkopften, tiefenpsychologischen Überinterpretationen, hin zu einer neuen Einfachheit.

Kirsten Harms hat in Berlin mit ihrer genial-schlichten Inszenierung von Rossinis „Semiramide“ gezeigt, wie ein zeitgemäßes Regietheater aussehen kann, das der Musik wieder mehr Raum zum Atmen lässt. Von all der hektischen Betriebsamkeit entkleidet, mit der andere Regisseure Pantomimengruppen bewegen, Chöre individualisieren und Solisten herumscheuchen, gewinnt die klingende Ebene des Gesamtkunstwerks so ihre alte Kraft zurück. Dass an „hoffmann.remixed“ in Graz vor allem die musikalische Seite gelobt wurde (obwohl es doch eigentlich um Regie und Bühnenbild ging), zeigt, wie wohltuend es wirkt, wenn Arien nicht zuinszeniert werden: Ein zu Herzen gehendes Cello, dazu Klavier und Glasharmonika – mehr braucht es hier nicht, um aus dem schlichten Spiel der Solistinnen ein Erlebnis beglückender Sinnlichkeit werden zu lassen.

Zum Regieberserker und Stückezertrümmerer kann sich jeder ausrufen. Heraus kommen dann oft genug Produkte, bei denen sich sowohl traditionsfixierte Zuschauer mit Grausen abwenden wie auch jene, die neugierig sind auf überraschende Deutungen des Altbekannten. Ein provokantes, durch ein paar textliche Schlüsselreize ausgelöstes Assoziationsgerüst ist schnell über jeden Klassiker gestülpt – überzeugende Interpretationskonzepte allerdings lassen sich nicht nur aus der Librettolektüre oder einschlägiger Sekundärliteratur entwickeln. Der Musik zuzuhören, aus den offenen wie verschlüsselten Erzählebenen der Partitur das szenische Geschehen abzuleiten, ist viel schwerer. Nur ganz wenige bringen (wie der Dirigentensohn Peter Konwitschny) die Geduld auf, Klänge sprechen zu lassen. Ein durch Musik ausgelöstes Theater, wie es dem Gründer der Komischen Oper Walter Felsenstein vorschwebte, ist hart am Detail erarbeitet und wird bei aller interpretatorischen Schärfe irgendwann selbst den Gralshütern einleuchten, wie einst Patrice Chéreaus zunächst bekämpfter, später gefeierter 1976er „Ring“ oder eben Peter Konwitschnys vor neun Jahren skandalumtoste Grazer „Aida“, die nun als Modellinszenierung zu den Wiener Festwochen eingeladen wurde.

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