Kultur : Kurzmeldungen

Frank Noack

CITY LIGHTS

Fahrräder sind nach wie vor begehrtes Diebesgut, gerade jetzt im Sommer. Aber für den modernen Großstädter ist der Verlust des Fahrrads eher ein Ärgernis als eine Tragödie. Das war einmal anders. 1948 erzählte Vittorio de Sica mit seinem Film Fahrraddiebe die Geschichte eines Mannes, der ganz Rom nach seinem gestohlenen Rad durchsucht. Der Arbeitslose hat endlich einen Job als Plakatkleber gefunden, den er jedoch nur mit Hilfe des Fahrrads ausüben kann. Auf seiner verzweifelten Suche begleitet ihn sein Sohn, was die Demütigung nur noch verschlimmert. Die Dramen von gestern berühren nach wie vor, weil die Angst vor schlechten Zeiten bleibt (Sonnabend im Arsenal).

Während de Sica vor den sozialen Ungerechtigkeiten resignierte, sagte ihnen der Bulgare Slatan Dudow den Kampf an. Auf die Retrospektive, die ihm das Babylon Mitte zum 100. Geburtstag widmet, hat der Tagesspiegel bereits hingewiesen. Nachzutragen wäre, dass es sich bei Verwirrung der Gefühle (1959) um einen wunderschönen Ausrutscher im Werk des Klassenkämpfers handelt. Der Film spielt unter Kunststudenten (was für eine nutzlose, dekadente Tätigkeit!) und verblüfft durch eine Party, die wie eine Orgie anmutet. Satte Farben, schrill gekleidete junge Menschen, ekstatische Bewegungen, und all das präsentiert Dudow keineswegs in denunziatorischer Absicht. In den Hauptrollen sind Annekathrin Bürger und Angelica Domröse zu bewundern, letztere wird heute zur Vorführung des Films im Babylon Mitte erwartet.

Klassengegensätze kamen auch im kapitalistischen Film vor, allerdings gab es für sie immer eine friedliche Lösung. Der Bettler erwies sich als Prinz, und wenn er kein Prinz war, räumte er von selbst den Platz, um der Prinzessin keine Schande zu bereiten. In William Wylers Ein Herz und eine Krone (1953) verkörpert Gregory Peck zwar keinen Bettler, sondern einen Journalisten, aber das ist dasselbe, wenn man eine Prinzessin wie Audrey Hepburn liebt. Das Arsenal hat den bezaubernden Hollywood-Film bereits vor Pecks Tod aufs Programm gesetzt – weil er in Rom spielt und dieser Stadt gerade eine Werkschau gewidmet wird (Dienstag im Arsenal).

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