Kultur : Kurzmeldungen

Frank Noack

CITY LIGHTS

Fast jedes Jahr kommt ein deutscher Film heraus, der über drei Millionen Zuschauer anlockt und zugleich den Kritikern gefällt: „Lola rennt“, „Sonnenallee“ und „Good Bye, Lenin!“ wären zu nennen, auch „Nirgendwo in Afrika“ ist freundlich rezensiert worden. Kunst und Kasse müssen kein Gegensatzpaar sein. Dennoch vermochte keiner dieser Filme eine Euphorie auszulösen. Denn fast jedesmal handelte es sich um einen Überraschungserfolg – erst recht gilt dies für den Rekord-Schlager „Der Schuh des Manitou“. Über einen Überraschungserfolg kann man sich hinterher freuen, aber die Geldgeber wollen vorher wissen, ob sich die Investition lohnt. Kein deutscher Regisseur, kein deutscher Schauspieler ist das, was man in den USA „bankable“ nennt.

Die französische Filmindustrie leistet sich finanziell größere Wagnisse, die zuweilen auch honoriert werden. 1994 durfte der Theaterregisseur Patrice Chéreau, dessen Filmerfahrung sich auf zwei düstere Kammerspiele beschränkte, Die Bartholomäusnacht inszenieren. Das Ergebnis war ein atemberaubendes, kluges, blutrünstiges historisches Spektakel – ein Kassenerfolg. Seine Größe verdankt der Film nicht allein dem Geld, sondern auch dem Knowhow des Teams. So wurden etwa die Oscar-nominierten Kostüme von einer Deutschen entworfen – von dem ehemaligen Schaubühnen-Mitglied Moidele Bickel. Das weiße Brautkleid, mit dem Isabelle Adjani über abgeschlachtete Protestanten steigt, bis es sich rötet, gehört zu den bleibenden Eindrücken des Films. Dass Chéreau und ein Großteil seines Teams vom Theater kommen, erklärt vielleicht die emotionale Wucht des finsteren Liebes- und Mörderfilms. (OmU am Montag im Cinema Paris, Dienstag im Filmtheater am Friedrichshain).

Vom Theater kamen auch Kinolegenden wie Sergej M. Eisenstein, Orson Welles, John Ford und Max Ophüls. Im Gegensatz zu ihnen hat ihr italienischer Kollege Luchino Visconti seine Herkunft jedoch betont, statt sie zu überwinden. Viscontis Filme waren opernhaft, selbst wenn sie unter einfachen Arbeitern spielten. Um so erstaunlicher ist die Anerkennung, die er bei Cineasten genoss und immer noch genießt. Sein Melodram Senso (1954) beginnt mit einer spektakulären Opern-Sequenz und ist auch in seinen intimen Momenten wenig um Realismus bemüht. Alida Valli (heute Anfang 80, wann wird ihr endlich eine Berlinale-Hommage gewidmet?) glänzt als italienische Gräfin, die sich im Jahr 1866 in einen österreichischen Soldaten (Farley Granger) verliebt, ihn zum Desertieren überredet und ihn später denunziert, als er nichts mehr von ihr wissen will. (Sonnabend im Arsenal, OmU)

Die Hauptdarsteller von Erotikthrillern haben in der Regel mehr Laufsteg- als Bühnenerfahrung. Doch Lawrence Kasdan benötigte für sein Regiedebüt Body Heat (1981) – in Deutschland unter den kaltblütigen Titeln „Eine heißkalte Frau“ und „Heißblütig“ verliehen – zwei Interpreten, die zwischen den Sexszenen auch komplizierte Dialoge meistern sollten. Also engagierte er die New Yorker Theaterschauspieler William Hurt und Kathleen Turner, und er sollte es nicht bereuen. „Body Heat“ ist ein sehenswerter Beitrag zu einem Genre, dessen Anhänger eher die Videothek als das Kino aufsuchen. (täglich außer Dienstag im Acud)

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