Kultur : Kurzmeldungen

Sicherheitsrisiko oder Träumer? Ein Symposion an der Berliner FU über den Philosophen Herbert Marcuse Revolution im Park

Gregor Dotzauer

Was immer es war, mit dem er damals, in jenem heißen Juli 1967, die Berliner Studenten packte, es muss etwas gewesen sein wie die Energie, mit der seine berühmteste Schülerin 36 Jahre später an ihn erinnerte: zur selben Zeit, am selben Ort, dem inzwischen denkmalgeschützen Henry-Ford-Bau der Freien Universität. Angela Davis tat am Donnerstag nichts weiter, als das Mikrofon lässig zu justieren, gefährlich nah heranzurücken, ein provozierendes „Good afternoon!“ in den Saal zu schleudern und die Kunstpause nach dem Aufprall so auszukosten, bis der Beifall aufbrandete. Da hatte sie zwar noch kein Wort über Herbert Marcuse gesagt, bei dem sie mit einer Arbeit über eine kantische Theorie der Gewalt promoviert hatte. Doch zugleich klang es, als hätte sie zuerst das Volk zur Macht gerufen und danach free love for all gefordert. Und tatsächlich war der Rest vor allem Rhetorik – allerdings mit überwältigender Emphase.

Davis, mit 59 Jahren nach wie vor eine Ikone der schwarzen Bürgerrechtsbewegung und heute Geschichtsprofessorin im kalifornischen Santa Cruz, erklärte, dass sie Marcuse kaum gerecht werden könne. Dass sie von der Riesenhaftigkeit seiner Präsenz noch immer eingenommen sei. Dass er für die Gegenwart größte Bedeutung habe. Und dass man zu gerne wüsste, was er zur heutigen Misere der amerikanischen Politik beizutragen hätte: zur Sicherheitsstrategie von George W. Bush und seiner Cowboy-Diplomatie, zu den jüngsten Verführungsmitteln des Kapitalismus. Und zur Gefräßigkeit der neuesten Kommunikationstechnologien, die sich auf die Digitalisierung des menschlichen Bewusstseins vorbereiteten.

Vielleicht war schon das der Moment, in dem der Wunsch von Marcuses Sohn Peter zerbrach, im Rahmen des Symposions zur Aktualität seines Vaters (am Rande seiner verspäteten Bestattung auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof) nicht der Nostalgie das Wort zu reden, sondern das „Sicherheitsrisiko“ Marcuse für das bestehende System zu beschwören. Einige Überlebende des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes im Publikum hätten später gar nicht mehr das Wort erheben müssen, um ein altes revolutionäres Pathos aufleben zu lassen. Denn wenn eines von Marcuse nicht überlebt hat, ist es seine zutiefst konservative Kulturkritik. Auch die oft allzu schlichten Kategorien von Repression und Befreiuung sind längst nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Marcuse als Inspirationsquelle für Globalisierungsgegner zu empfehlen, entspringt dann wohl vor allem dem Wunsch, die eigene Revolte in der einzigen nennenswerten linken Bewegung fortgeführt zu wissen.

Mit ein wenig romantischer Fantasie lässt sich Marcuse tatsächlich als der Mann beschreiben, der die Westberliner Studentenrevolte 1967 aus der lokalen Erregung in die Höhen einer internationalen Freiheitsbewegung führte. Zumindest war Marcuse, der gerade „Triebstruktur und Gesellschaft“ veröffentlicht hatte, das Buch, in dem sich seine Haupteinflüsse Marx, Lukács und Freud am besten vereinen, ein entscheidender Katalysator. Mit seinem Auftreten brachte er eine frische kalifornische Brise ins verqualmte Audimax, und dass er als Denker mit Weltgeltung, amerikanischer Staatsbürger und emigrierter deutscher Jude die Proteste gegen den Vietnamkrieg der Schutzmacht USA unterstützte, machte ihn geradezu einzigartig.

Die Freie Universität besuchte der 69-Jährige vier Jahre, nachdem Eberhard Diepgen dort als AStA-Vorsitzender abgewählt worden war, weil der verschwiegen hatte, dass er einer schlagenden Verbindung angehörte – und sechs Wochen, nachdem der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten beim Besuch des iranischen Schahs erschossen worden war. Und anders als Theodor W. Adorno, der schon einmal im Oberseminar des Literaturwissenschaftlers Peter Szondi zu Gast gewesen war, kam mit ihm ein an politischen Befreiuungskämpfen unmittelbar interessierter Philosoph nach Berlin.

Auch deshalb blieb Marcuse, wie Axel Honneth, der Direktor des Frankfurter Instituts für Sozialforschung erklärte, nicht nur wegen seiner „triebtheoretischen Fassung eines emanzipatorischen Interesses“ stets ein Außenseiter der Frankfurter Schule: Sex als Mittel der Rebellion wäre für Adorno undenkbar gewesen. Als Person, so Honneth, bevorzugte er ein „schnörkelloses Auftreten“ und einen „ungebrochenen“ Schreibstil, während die Frankfurter stets „komplizierte, indirekte Persönlichkeiten“ waren und einen „gebrochenen“ Stil favorisierten.

Er war ein Utopist des Hier und Jetzt, der die Rebellion nicht in die Zukunft verschieben wollte, ein Prediger und ein Weiser mit eigenem Humor, der auch in einer Brechtschen Keuner-Geschichte eine gute Figur gemacht hätte. Denn als Herr M. im Anschluss an seinen Vortrag über „Das Ende der Utopie“ von Studenten gefragt wurde, wie sein Konzept einer neuen Anthropologie mit dem Denken von Frantz Fanon und Che Guevara zusammengehe, da antwortete er, dass ihm eine Nachricht aus Hanoi mehr Hoffnung als jede Theorie eingeflößt habe. Dort nämlich seien in der Stadt Sitzbänke aufgestellt worden, auf denen nur zwei Leute Platz finden. Schöner hat noch keiner von der Verbesserung der Welt durchs Miteinanderreden geträumt.

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