Kultur : Kurzmeldungen

Komponist der dritten Art: Peter Thomas, der Erfinder des Soundtracks zur „Raumpatrouille Orion“, wird von der DJ-Kultur als Vaterfigur gefeiert Zurück in die Gegenwart

Bodo Mrozek

Am Anfang steht der wohl berühmteste Countdown der deutschen Fernsehgeschichte – am Ende eine Rehabilitierung. Der wegen Eigenmächtigkeit verbannte Allister McLane, Commander der Raumpatrouille, wird befördert. Dies sind die Abenteuer des Raumschiffs Orion, das sieben Folgen lang über bundesdeutsche Bildschirme flog. Und dies ist im Grunde auch die Geschichte des Mannes, der dem untertassenförmigen Schiff zu seinem merkwürdigen Nachruhm verhalf: Peter Thomas.

Der heute 78-jährige Komponist ist noch immer kreuzfidel. Seine kleinen runden Augen zwinkern sein Gegenüber unentwegt an, und um einen Witz ist der kleine, agile Mann nie verlegen. Seinen Erfolg sieht er nüchtern. „Ach wissen Sie, man muss sich eine gewisse Sturheit bewahren. Nie das machen, was andere wollen.“ So habe er es im Leben immer gehalten – und Erfolg gehabt. Zum Beispiel mit dem Soundtrack zur Raumpatrouille. Die blubbernden und piepsenden Töne, die sich durch die teils barjazzartige, teils psychedelisch beeinflusste Musik ziehen, waren eine bis dato ungehörte Sensation. Ihrem Komponisten ist man dafür mit Unverständnis, ja Ablehnung begegnet. Das war im Jahre 1966.

Zurück in die Gegenwart. „Rücksturz ins Kino“ heißt ein Remix der alten „Raumpatrouille“-Folgen, der jetzt in die Kinos gekommen ist. Bei der Berliner Filmpremiere am Potsdamer Platz stehen die Autogrammjäger Schlange. Für einen Filmmusiker ist solcher Rummel eher ungewöhnlich. Peter Thomas aber ist heute von Japan bis in die USA bekannt. Sein „Orion“-Titelthema, das mit dem schnarrenden Countdown einer Vocoderstimme beginnt, gilt als der meistgesampelte Soundtrack des Planeten Erde. Der raketengleiche Aufstieg des Peter Thomas begann in Berlin. „Ich bin mit Spreewasser getauft“, sagt er. In Berliner Offizierskasinos spielte Thomas nach dem Krieg Songs von Gershwin und Porter. Noten und Platten aus den USA waren noch nicht erhältlich, man musste improvisieren. „Damals habe ich gelernt, Musik danach zu machen, wie die Leute aussehen.“ Nicht, um dem Publikum um jeden Preis zu gefallen. Thomas hat da seine Theorie: „Der Hörer ist ein Feind, der besiegt werden muss.“ Hat man ihn erst mal besiegt, kann man mit ihm machen, was man will.

Der talentierte Pianist fiel bald dem Rundfunk auf. Für den Sender NWDR komponierte er Pausenmusiken als Überleitung zwischen den Themen. Die erste Fernsehmusik schrieb er für ein Feature über den Reichstag. Der Wochenlohn betrug 85 Mark. Einmal, Thomas hatte eine Sendung über Israel vertont, bekam er von der jüdischen Gemeinde einen Zentner Jaffa-Apfelsinen geschenkt. Mittlerweile kann sich Peter Thomas seine Apfelsinen selber kaufen. Seine Melodien haben ihm Millionen eingebracht. Er lieferte Soundtracks für rund hundert Filme und 550 Fernsehmelodien, darunter die Edgar Wallace-Serie, Jerry Cotton, Krimis, Komödien, ernste Filme und so ziemlich alles andere auch.

„Ich habe immer gerne Musik für schlechte Filme geschrieben“, bekennt Thomas, den man früher einen Easy-Listening-Komponisten schimpfte. „Eine gute Filmszene kann man auch mit einer Triangel begleiten, aber schlechte Szenen verlangen nach einer musikalischen Idee.“ Daran hat es Thomas nie gemangelt. Einmal erfand er für eine Musik ein neues Instrument auf Basis eines Frequenzumwandlers. Die Höllenmaschine wog so viel wie drei Konzertflügel, konnte aber futuristische Sounds erzeugen – zu einer Zeit, als der Synthesizer noch nicht erfunden war. Den DJs und Re-Mixern von heute gilt der alte Mann als Pionier. Seine Musik wurde von Dauerfisch, Le Hammond Inferno, Yoshinori Sunahara oder Stereolab neu gemixt und interpretiert. Peter Thomas kann mit der DJ-Kultur nicht allzu viel anfangen, obwohl er sich bestens auskennt: „Da sind zu viele Effekthascher dabei, die nichts von Musik verstehen – bis auf wenige Ausnahmen.“ Bei der Premierenparty kann man das besichtigen. In der Disco „Dorian Gray“ rollt die Kultmaschine. Eine Technoversion des „Orion“-Themas hämmert durch die Kulisse, ein paar Showtänzer hüpfen die mit Lambada-Hüftschwüngen modernisierte Version des Orion-Tanzes „Galyxo“.

Peter Thomas macht den Rummel mit, ist aber längst mit neuen Projekten beschäftigt. Neulich rief Quentin Tarantino bei ihm an, der gerade George Clooney bei dessen neuem Film beriet. Dort kann man nun auch Peter Thomas hören. Für eine Edgar-Wallace-Satire mit dem geschmackvollen Titel „Der Wixxer“ stand Thomas selbst vor der Kamera, und dann ist da noch ein Filmprojekt mit Helge Schneider. Dazu kommen die aktuellen musikalischen Eigenmächtigkeiten: Humperdincks Oper „Hänsel & Gretel“ verfremdet Thomas gerade als Musical, mit einem Berliner Sinfonieorchester studiert er Kurzversionen von Klassikstücken ein. Geplanter Titel: Sinfonie der Dritten Art. Wahrscheinlich wird Peter Thomas auch mit diesen Eigenmächtigkeiten wieder den Feind besiegen, – und vielleicht irgendwann Nachruhm ernten, vielleicht. Ihm ist es egal. Denn dies ist ein Märchen von übermorgen.

„Raumpatrouille Orion – Rücksturz ins Kino“ läuft in Berlin im CinemaxX Potsdamer Platz, in der Kulturbrauerei und im Titania Palast. Bundesweiter Kinostart ist am 24. Juli. Die neue CDs des Peter Thomas Soundorchesters heißt „Raumpatrouille – The complete Music“ (Bungalow). Die CD-Single „Barfuß im Weltall“ (Ringmusik) erscheint am 28.Juli.

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