Kultur : Kurzmeldungen

New Yorks Stadtverwaltung ist wieder mal pleite, und viele Bewohner des Big Apple wünschen sich bereits den „Helden des 11. September“. Ex-Bürgermeister Rudolph Giuliani zurück. Doch gleichzeitig boomt in New Yorks Museen und Galerien die Kunst: ein aktueller Streifzug Bagdad am Central Park

Sabine Heymann

Wer in der schwülen Hitze des New Yorker Sommers auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen ist, wird in diesen Tagen auch Sarah Jessica Parker begegnen. Mit digital ins Endlose verlängerten Beinen räkelt sie sich über die Breitseite zahlloser Busse und sieht sehr cool, sehr sexy aus. Die Busse werben so für die sechste Staffel von „Sex and the City“. Doch trotz 13 Emmy-Nominierungen wird sich Sarah nur noch eine Saison lang räkeln. Denn nach der sechsten Serie ist Schluss mit dem Sex. Das ist auch gut so, meint die „New York Times“, denn die City habe sich verändert und das Thema sei auch ein wenig abgestanden. Noch immer aber gibt es Agenturen, die „Sex and the City“-Kult- und Shopping-Touren durch die einschlägigen New Yorker Restaurants und Läden anbieten.

Allerdings dürfte die aktuelle Wirtschaftskrise die Neigung zu Carries hippen Outfits und 400 Dollar teuren Miu-Miu-Pumps ohnehin etwas mindern. Mit 8,8 Prozent ist die Arbeitslosigkeit in New York inzwischen über zwei Prozent höher als der amerikanische Durchschnitt. Nach den Anschlägen vom 11. September hat die Stadt eine Viertelmillion Arbeitsplätze verloren. Und die New Yorker sind enttäuscht von ihrem neuen Bürgermeister Michael Bloomberg. Der milliardenschwere Chef des eigenen Finanz- und Medienkonzerns hatte das Amt vor zwei Jahren mit dem Versprechen angetreten, er werde die Stadt leiten wie ein erfolgreiches Unternehmen. Jetzt aber ist New York einmal mehr pleite. Die Kosten für Verwaltung, öffentliche Schulen, medizinische Versorgung und Terror-Prävention explodieren. Im 40-Milliarden-Dollar-Haushalt für 2004 klafft eine Lücke von 3,8 Milliarden. Um die eigenen Gehälter mitzufinanzieren, sind Verkehrspolizisten nun angewiesen, die absurdesten Strafzettel auszustellen. Dennoch wird es in der Stadtverwaltung Entlassungen geben – bis zu 14500 Personen, und betroffen sind auch Polizisten und die Lieblinge der Nation: New Yorks Feuerwehrleute.

Ex-Bürgermeister und Nine-eleven-Held Rudolph Giuliani hat sich erst kürzlich zurückgemeldet. Vom Prostatakrebs geheilt, stehe er für neue Aufgaben zur Verfügung. Allerdings sieht er heute viele Dinge gelassener, über die er sich früher aufgeregt hätte: zum Beispiel seine ironische Demontage in der Ausstellung „The American Effect“ im New Yorker Whitney Museum (bis 12. Oktober, Tagesspiegel vom 16. Juli). Den meisten Betrachtern werden auf dem Gemälde des chinesischen Künstlers Zhou Thiehai, das Giuliani als Superhero im Stil des Sozialistischen Realismus darstellt, die beiden Häufchen Elefantenkot am unteren Bildrand glatt entgangen sein. Die subtile Anspielung auf Chris Ofilis dungverzierte „Holy Virgin Mary“ erinnert an einen spektakulären Kulturkampf, in dem Bürgermeister Giuliani als autoritärer Kunstbanause aufgetreten war. Wegen der Ausstellung des von ihm als blasphemisch empfundenen Madonnenbildnisses hatte er 1999 das Brooklyn Museum of Art schließen wollen. Diesmal aber lockt die Provokation niemanden mehr hinterm Ofen vor. Die Stadt hat sich verändert.

Die Gewichtungen auch. Denn wer hätte 1997 schon geahnt, dass eine gediegene Antiken-Ausstellung für Schulklassen und Bildungsbürger politischen Sprengstoff bergen könnte? So weit reichen die Vorarbeiten zu der großen Mesopotamien-Ausstellung „Art of the First Cities“ zurück, die noch bis 17. August im Metropolitan Museum zu sehen ist. 400 Ausstellungsstücke aus 50 Museen der ganzen Welt sollen die einzigartige Hochkultur präsentieren, in der bereits im 3. vorchristlichen Jahrtausend komplexe Gesetzeswerke das soziale Leben regelten und die Schrift erfunden wurde. Nur: Diese Wiege unserer Zivilisation ist das Land zwischen Euphrat und Tigris – und heißt heute Irak.

Wegen des UN-Embargos war es schon vor dem 11. September und der Irak-Krise ausgeschlossen, Stücke aus dem Nationalmuseum von Bagdad in die USA zu holen. Dafür war von Anfang an vor allem an Exponate aus dem British Museum und dem Louvre gedacht. Dennoch wurden die Organisatoren von den Plünderungen in Bagdad und der hilflosen Reaktion der US-Armee im Monat vor der Ausstellungseröffnung kalt erwischt.

Von Hollywood nach Harlem

Philippe de Montebello, der Direktor des Metropolitan Museums, trat die Flucht nach vorne an und bekundete seinen Abscheu über das mutwillige Zerstörungswerk. Gemeinsam mit Kofi Annan und der UNO gehört de Montebello heute zu den nachdrücklichen Unterstützern aller Initiativen zur Rettung des verlorenen gegangenen irakischen Kulturgutes. Am 8. Mai, wenige Tage nach dem offiziellen Ende des Irak-Krieges, wurde die Ausstellung eröffnet, die am Central Park nun gleichermaßen als Publikumsmagnet wie zur Mahnung dient. Auch wenn inzwischen bekannt ist, dass wohl „nur“ 13000 Objekte aus dem irakischen Nationalmuseum verschwunden sind.

Ganz in der Nähe des Metropolitan wartet das Jewish Museum mit der bemerkenswerten Ausstellung „Entertaining America – Jews, Movies and Broadcasting“ auf (bis 14. September). Sachverständig und unterhaltsam wird hier der Einfluss von Juden und des „Jüdischen“ auf das amerikanische Showbusiness thematisiert. Das Ausstellungsplakat wirbt mit einer Montage von Groucho Marx. Ist dieser Nachfahre elsässischer Juden deshalb auch ein „jüdischer“ Schauspieler? Steckt in der anarchischen Energie seiner Filme etwas spezifisch „Jüdisches“? Und wurde Marilyn Monroe mit ihrem Übertritt zum Judentum vor der Heirat mit Arthur Miller zur „jüdischen“ Schauspielerin? Hat die Tatsache, dass die mächtigsten Hollywoodbosse, von Fox bis Goldwyn, Juden waren, zu einer „jüdischen Kolonisierung“ der amerikanischen Kultur geführt, und was ist – auf der breiten Skala von Babra Streisand bis Woody Allen und Steven Spielberg – überhaupt „Jewishness“? „Entertaining America“ gibt keine Antworten auf diese Fragen, regt aber mit Filmen, Fotos, interaktiven Installationen und in diversen virtuellen und realen Chat-Rooms zur Auseinandersetzung an. Mal wurde im US-Meltpot jüdische Identität bis zum Verschwinden assimiliert, mal melodramatisch oder heroisch zelebriert – oder selbstbewusst und selbstironisch vorausgesetzt wie in TV-Sitcoms der jüngsten Zeit. Vom Nickelodeon bis zu Seinfeld ist amerikanisches Showbusiness jedenfalls nicht denkbar ohne den Beitrag jüdischer Künstler.

Zehn Straßen weiter uptown zeigt das Museum of the City of New York die erstaunliche Karriere eines Stadtviertels. Nicht erst seit Bill Clinton dort sein New Yorker Büro aufmachte, ist Harlem zu einem begehrten Objekt der Immobilienmakler geworden. Die Ausstellung „Harlem Lost and Found“ skizziert bis zum 4. Januar die nahezu unbekannte Architekturgeschichte des afro-amerikanischen Stadtteils von Manhattan, der in den 50er- und 60er-Jahren noch von Armut und Gewalt beherrscht war. Inzwischen ist Harlem cool, es gibt schicke Shopping-Malls und vor allem das Schomburg Center for Research in Black Culture. Dort kann man noch bis 29. August mit dem Living-History-Program „Harlem is …“ 30 Bewohner des Viertels im Alter von 50 bis 100 leibhaftig kennen lernen; sie erzählen von ihren Beiträgen zum kommunalen Leben in Harlem: als Künstler, Musiker, Politiker, Sportler oder einfache Bürger.

Nach Queens muss der europäische New-York-Besucher nicht nur wegen der aus Paris und London übernommenen Max-Beckmann-Retrospektive im provisorischen Museum of Modern Art (Tagesspiegel vom 26. 9. 2002). Teile der MoMa-Sammlung sieht man während der Renovierung der Manhattener Zentrale allerdings besser anderswo, nächstes Jahr auch in Berlin. Wirklich sehenswert sind derzeit jedoch Andy Warhols „Screen Tests“ (bis 1. September). 28 von nahezu 500 dieser zwischen 1964 und 1966 gedrehten kurzen Schwarz-Weiß-Portrait-Filme hat das MoMa-Department of Film and Media aus dem Archiv geholt: Da sitzen Leute wie Dennis Hopper, „Baby“ Jane Holzer, Susan Sontag, Salvador Dalí nach Warhols Regieanweisung viereinhalb Minuten unbeweglich Modell – und bewegen sich doch. Das Geheimnis ist, ob es sich um Slow-Motion-Filme oder Fotos handelt, die sich „langsam bewegen“.

Ein paar Straßen weiter bietet das P.S.1 Contemporary Art Center eine kleine, feine Hommage an den vor drei Jahren im Alter von nur 45 Jahren überraschend gestorbenen chinesischen Künstler Chen Zhen. Die bemerkenswerteste Ausstellung New Yorks aber, ebenfalls im P.S.1, heißt „The Innocents“ (bis Ende August).

Die Kunst des Justizirrtums

Seit zehn Jahren verhilft das Innocence-Projekt der Anwälte Peter Neufeld und Barry Scheck vermeintlichen Gewaltverbrechern, die unschuldig in die Mühlen der amerikanischen Justiz gerieten und Jahre oder Jahrzehnte in Gefangenschaft verbrachten, mit Hilfe von nachträglichen DNA-Analysen zur Freiheit. Im Sommer 2000 wurde die Fotografin Taryn Simon dann von der „New York Times“ beauftragt, die Betroffenen (meist Schwarze) zu interviewen und zu fotografieren. Herausgekommen sind neben einem Dokumentarfilm großformatige Portraits von Menschen, die zuvor allenfalls zum Schnappschuss für Fahndungsplakate oder Verbrecherkarteien taugten. Simon hat sie an dem Ort des Verbrechens, ihrer Festnahme oder ihres Alibis inszeniert, mal ganz realistisch, mal in gleißendem Licht, hübsch in Sonntagskleidern mit Gattin oder Mutter. Es sind beunruhigende, uneindeutige, zwischen Wahrheit und Fiktion changierende Bilder von verpfuschten, geretteten Leben. Ein Bild zeigt nur den Tatort. Der Protagonist ist vor dem Fototermin gestorben.

Für den Normaltouristen immer noch ein Geheimtipp, für Kunstkenner ein Muss: die Sommerausstellungen des Galerienviertels von Chelsea, direkt neben dem gigantischen Sportzentrum Chelsea-Piers am Hudson River. Ein Viertel, dessen Straßenzüge mit schäbigen Backsteinbauten, Kfz-Werkstätten, Parkhäusern, einem Frauengefängnis und dem MGM-Building auf den ersten Blick nicht attraktiv wirkt. Doch es ist das Quartier der 200 Galerien, von der West 19th bis zur 27th Street. Die meist ehemaligen Lagerhallen präsentieren im Innern aktuelle Kunst in edler Loft-Architektur. Es gibt Spezialisten für chinesische und afrikanische Kunst, es werden südamerikanische Collagisten, Jeff Koons-Epigonen oder noch immer Andy Warhols ausgestellt: für 10000 Dollar kann man Jimmy Carter als Siebdruck erstehen, für 750000 Dollar das Gemälde mit dem „$“-Zeichen. In zwei Jahren sei dieser Warhol das Doppelte wert, sagt der Galerist.

Eine Geldanlage der einfacheren Art ist zurzeit das Saddam-Kartenspiel mit den „most wanted“ Irakis, das Kultstatus genießt und bei eBay hohe Preise erzielt. Doch jeder Straßenhändler in New York, der etwas auf sich hält, hat es im Angebot. Die Preise schwanken zwischen 5 Dollar (5th Avenue) und 2 Dollar (verhandelbar, China Town). Das für manche ebenso begehrte Gegen-Quartett mit den amerikanischen „war profiteers“ ist indes auf geheimnisvolle Weise aus dem Umlauf verschwunden.

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