Kultur : Kurzmeldungen

Silvia Hallensleben

CITY LIGHTS

Europa: ein Sammelsurium. Europa: ein kinematografisch immer mehr entgleitender Kontinent unterschiedlicher Filmsprachen, mitunter aus multinationalen Fördergeldern zu schauerlichem Europudding zusammengerührt. Dabei hat uns das Kino unserer Nachbarn viel zu sagen, wenn es denn überhaupt ins Kino kommt. Drei Berliner Häuser – das Blow Up, das Eiszeit und das Filmkunst 66 – schließen noch bis kommenden Mittwoch diese Lücke mit dem Festival des Europäischen Films und zeigen bisher nicht regulär verliehene Dokumentar- und Spielfilme, die in den letzten Jahren von Litauen bis zur Schweiz produziert worden sind.

Europa ist neuerdings auch ein antiamerikanischer Kampfbegriff. Doch etwa der Franzose Jean-Pierre Melville war kein „europäischer“ Regisseur, sondern ein amerikanophiler Cinéast, dessen melancholisch unterkühlte Melodramen sich ebenso sehr aus amerikanischen Genre-Traditionen speisen, wie sie französischem Denken – und auch nationaler Geschichte – verpflichtet sind. Dabei wandelte Melville mit radikalem Stilwillen auch immer an der Grenze zwischen leidenschaftlicher Sinnsuche und filmästhetischer Innenschau, heftiger Nostalgie und entspannter Leere.

Melville starb am 2. August 1973 mit nur 55 Jahren, seine Filme verschwanden nach einem langen heftigen Nachbeben in den Neunzigern in den Regalen der Filmarchive. Vielleicht widersprach ihre existentialistische Ernsthaftigkeit zu sehr dem geschäftig amüsierten Zeitgeist jener Jahre. Vielleicht aber auch ändert sich das jetzt: Im Londoner British Film Institute jedenfalls wird der Meister anlässlich des runden Todesjahrestags gerade mit einer Retrospektive geehrt. Wir hier müssen uns mit einer – fast – symbolischen Hommage an den Meister begnügen und gedenken seiner anlässlich der wiederholten Aufführung eines seiner bekanntesten und stilbildendsten Filme: Alain Delon als Der einsame Engel (Le samourai, Frankreich/Italien 1967) am Donnerstag im Arsenal, leider nur in der deutsch synchronisierten Fassung.

Einen Tag vor Melville war im damaligen Ostberlin auch Walter Ulbricht gestorben, ausgerechnet während einer Veranstaltung, die der Jugend der Welt die farbenfrohe und fröhliche Seite des Sozialismus präsentieren wollte. Überall wird derzeit mit beträchtlichem Aufwand der „X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten“ gedacht, die vor 30 Jahren die Hauptstadt der DDR für ein paar tolle Tage in die Metropole von „Solidarität, Frieden und Freundschaft“ verwandeln sollten. Auch das Babylon erinnert an das Ereignis mit einer Filmreihe, die anhand diverser west- und ostdeutscher Beispielfilme die damalige politische und kulturpolitische Atmosphäre beider Staaten beschreiben soll. Neben den üblichen Kandidaten wie Heiner Carows Geschichte von Paul und Paula und Fassbinders Bitteren Tränen der Petra von Kant wird dabei als besonderes Schmankerl auch der offizielle Weltfestspiel-Film der DDR dem geneigten Publikum zur Ansicht gebracht. Das Werk Wer die Erde liebt dürfte endlich all das Originalmaterial in 72-minütigem Überfluss bieten, das in „Good Bye, Lenin!“ und „Sonnenallee“ nur in mundgerechten Appetit-Häppchen serviert wurde. Regie hat ein Doktor Joachim Hellwig geführt, schließlich sind wir in einem echten Arbeiter- und Bauernstaaat. Im Babylon am Freitag, danach Gespräch mit Ronald Trisch, dem ehemaligen stellvertretenen Leiter des Kulturprogramms. Moderator ist Knut Elstermann.

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