Kultur : Kurzmeldungen

Zu den Defekten Adolf Hitlers gehörte: Er konnte nicht reden. Also nahm er 1932 Sprech- und Schauspielunterricht. Jetzt erscheint das Tagebuch seines Lehrers in einer Neuausgabe. Es liest sich wie ein groteskes Zweipersonenstück Die Posen des Bösen

Christian Schröder

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Christian Schröder

Der „Führer“ spricht. Aufrecht, mit eisern durchgedrücktem Rücken steht er hinter dem Mikrofon, eine Hand umklammert das Koppelschloss, die andere baumelt neben dem Saum seiner Uniformjacke. „Meine Arbeitsdienstmänner“, beginnt er sehr leise, „zum ersten Mal seid ihr zum Appell vor mir und dem ganzen deutschen Volk angetreten“. Er dehnt die Vokale und zernuschelt die Konsonanten, will er eine Stelle betonen, stellt er sich auf seine Zehenspitzen. „Ihr repräsentiert eine große Idee und ihr wisst, dass für Millionen eurer Volksgenossen die Arbeit nicht mehr ein trennender Begriff, sondern die Allgemeinheit verbindend ist.“ Er kommt in Fahrt, fuchtelt mit dem rechten Arm, auch die Stimme flattert jetzt. „So wie ihr in stolzer Ergebenheit Deutschland dient, so wird Deutschland mit stolzer Freude seine Söhne in euch marschieren sehen.“ Sein Brüllen geht in „Heil!“-Rufen unter.

Die Szene stammt aus Leni Riefenstahls 1934 entstandenem Parteitagsfilm „Triumph des Willens“, sie zeigt Hitler bei einer Ansprache vor jungen Männern, die gerade für den „Reichsarbeitsdienst“ vereidigt wurden. Hitler steht wie aufgesockelt auf der sandsteinernen Tribüne des Nürnberger Parteitagsgeländes, seine Zuhörer blicken zu ihm auf. Am Anfang des Films ist er wie ein Erlöser in einer JU 52-Maschine aus den Wolken in der alten Reichsstadt gelandet. Religiöse Ikonografie mischt sich mit „Wochenschau“-Ästhetik. Die Zuschauer sind immer wieder in den geometrischen Mustern militärischer Formationen zu sehen, manchmal holt die Kamera einzelne Köpfe heran.

Trommeln, Sammeln

Dazwischengeschnitten: Hitlers Gesicht, das mit angespannter Backenmuskulatur Entschlusskraft zu signalisieren versucht und merkwürdig maskenhaft erscheint. Überhaupt fällt an Hitlers Rede siebzig Jahre später vor allem eines auf: ihre unfreiwillige Komik. Der Text ist hölzern und voller Floskeln („mit stolzer Freude“), die Gestik wirkt hochfahrend, die Stimme bellt. Aber die „Arbeitsdienstmänner“ haben nicht gelacht, sie sind für ihren „Führer“ in den Krieg marschiert. Hitler war kein großer Redner, aber ein großer Verführer.

„Ich bin nichts als ein Trommler und Sammler“, hat Adolf Hitler über sich gesagt. Eine Rede sei ein „Ringkampf des Redners mit den zu bekehrenden Gegnern“, darin gab er sich als Naturtalent. Bertolt Brecht hingegen sah in Hitler eine Marionette, in seinem Stück „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ stellt er der Hitler-Karikatur Ui einen Schauspieler namens Basil an die Seite, der ihm beibringt, „edel“ aufzutreten. Brecht hatte Recht, auf gewisse Weise. Hitler war keineswegs das willige Geschöpf schurkischer Kapitalisten, doch es gab tatsächlich einen Darsteller, der ihm Unterricht erteilte. Der Operntenor Paul Devrient – in besseren Tagen hatte er in München, Barcelona und London gesungen – reiste 1932 mit dem wahlkämpfenden Politiker durch mehr als 100 Städte und gab ihm in Hotelzimmern, Gastwirtschaften oder auf Trockenböden Sprech- und Schauspielstunden.

Hitler war kurz davor, seine Stimme zu verlieren, sein Hals-Nasen-Ohren-Arzt attestierte eine „drohende Stimmbandlähmung infolge Überanstrengung“ und empfahl den Sänger als Stimm-Therapeuten. Der Patient ließ sich nur widerwillig auf den Vorschlag ein, die Sitzungen fanden in aller Heimlichkeit statt. Devrient führte Tagebuch über die Begegnungen mit Hitler, hielt diese Aufzeichnungen aber bis zu seinem Tod 1973 geheim, auch aus Scham darüber, ihm „zur Macht verholfen“ zu haben. Nach fast 30 Jahren erscheint das Tagebuch nun noch einmal in einer erweiterten Neuausgabe.

Es ist das groteske Dokument des Aufeinandertreffens zweier Menschen, die sich in einem Punkt wenig voneinander unterscheiden: Ihre Selbstüberschätzung kennt keine Grenzen. Hitler lässt sich jesusgleich von seinen Anhängern als „Mensch von gottbegnadetem seelischen und geistigen Format“ feiern. Für Devrient ist er eher eine Art Alleinunterhalter auf einer Wanderbühne, sich selber sieht er dabei in der Funktion eines Oberspielleiters. So liest sich das Buch streckenweise wie ein absurdes Drama.

Händefuchteln, Augenrollen

Anfangs fällt Devrients Urteil über Hitlers Aufritte vernichtend aus. „Hitler spricht falsch“, notiert der Tenor. „Er müht sich, seiner rasch nachlassenden Stimmkraft durch Gebärden zu begegnen, die er bis zum Exzess steigert: ein geradezu besessenes Sichhinundherbewegen, Händefuchteln, Augenrollen. Dazu eine anomal ,nasse Aussprache’, deren Speichelspuren man deutlich gegen das Scheinwerferlicht in den Raum fliegen sieht. Es ist jene Art Podiumshysterie, die man bei dilettantischen Schauspielern antrifft. Während die Menge ringsum mit gebannten, ja entrückten Gesichtern lauscht, schmerzt mich jedes Wort, jeder Ton.“ Und nach seinen Reden fragt der „Trommler“ seine Gefolgschaft: „Wie war ich?“ Kritik mag er nicht hören. „Ich erschüttere Tausende von Seelen! Das zählt, nicht Ihre ,edlen Sprechtöne’“, entgegnet er dem Lehrer. „Ich kann reden und lasse mir von Ihnen nicht einreden, dass ich womöglich nicht reden kann. Ich kann es! Verstehen Sie mich?“

Das Jahr 1932 markiert einen Wendepunkt in Hitlers Karriere. Die Weimarer Republik liegt in ihrer finalen Agonie, Hitler will die Macht erzwingen. Auf die Reichstagswahlen folgen Reichspräsidenten- und Landtagswahlen. Der Kandidat absolviert vier Auftritte pro Tag, den Wahlkampfflug stilisiert er zum „Freiheitsflug über Deutschland“. Er setzt auf den legalen Weg an die Macht, wirbt um bürgerliche Wähler. Da kommt ihm ein Schauspiellehrer gerade recht, der ihm beim Wechsel des Rollenfachs vom Hetzer zum Staatsmann hilft. Devrient will Hitlers „verborgenste Anlagen sichtbar machen“, im Hinterzimmer des „Fischerwirts“, einer Gaststätte im Süddeutschen, probt er mit ihm eine Szene aus dem Laienspiel „Der Wildschütz vom Hölltal“. Hitler improvisiert den Text und schreit als Wilddieb immer wieder „Rache!“

Es folgen Sprechübungen, bei denen der Schüler langgezogene Ü’s und Ö’s nachzusummen hat. Ein „Resonator“ wird herbeigeschafft, der hilft, die Obertöne klarer zu artikulieren. Hitler muss Reden stumm vorspielen oder Bierdeckel ziehen, auf denen Devrient „Gefühlsworte“ wie „Glück“, „Angst“ oder „Zorn“ notiert hat. Es geht – wie beim method acting – darum, die Körpersprache zu reduzieren und mit den Emotionen des Redners in Einklang zu bringen. Devrient ist mit den Fortschritten zufrieden: „Hitler gibt sich lässig und wirkt doch intensiv. Er ist wirklich ein guter Schauspieler.“ Persönliche Begegnungen entgleisen dem künftigen Diktator jedoch immer wieder. Von einem Besuch bei einem Fabrikanten, den er mit endlosen Monologen gelangweilt hat, kehrt er ohne Spende zurück. Devrient leistet Mänoverkritik: „Der Direktor wurde von Ihnen beinahe angebrüllt, bedroht, in die Enge getrieben.“ Sein Urteil ist ästhetisch. In jeder Rede sieht er einen „Auftritt“, den Applaus vergleicht er mit „Vorhängen“. Selbst ein Satz wie „Die Juden sind unser Unglück“, der den kommenden Massenmord ankündigt, ist für ihn bloß der übliche „Juden-Sermon“.

Herausgegeben hat das Tagebuch der altgediente Hitler-Biograf Werner Maser (81). Masers Obsession für Hitler strebt in penibelstes Detailwissen. So ist Devrients Text in ein System von Zitaten und Anmerkungen eingebettet, denen man etwa entnehmen kann, dass Hitler „starken Blumenduft nicht gut ertrug“. Eines fehlt dem materialreichen Band: eine genaue Analyse der Hitlerschen Rhetorik. Ausgerechnet Masers Intimfeind Joachim C. Fest hat die bislang schlüssigste Deutung des Redners Adolf Hitler geliefert. Hitler sei kein „opportunistischer Schönredner der Menge“ gewesen, schreibt Fest, sondern das „Mundstück abertausender Gefühle der Überwältigung, der Angst, des Hasses, die er gleichzeitig integrierte und in politische Dynamik verwandelte“.

Paul Devrient: Mein Schüler Adolf Hitler. Hrsg. v. Werner Maser, Universitas Verlag, Tübingen 2003, 185 S., 19,90 € .

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