Kultur : Kurzmeldungen

Silvia Hallensleben

CITY LIGHTS

Wie alles auf der Welt, so sterben auch unter Filmveteranen diejenigen langsam aus, die noch die Zeiten miterlebt haben, als Stars und Sternchen sich im Cabriolet durch die laue Berliner Juni-Luft berlinalewärts zum Zoo-Palast chauffieren ließen. 26 frostige Winter ist das jetzt her – und vielleicht ist dieser unendliche Sommer der richtige Zeitpunkt, um den zähen Mythos der beschwingten Sommerberlinale durch schwüle Hitzewallungen endgültig zu brechen. Sommerberlinale nennt sich die kleine Zusammenschau von Filmen der letztjährigen Filmfestspiel-Sektionen, die von den jeweiligen Programmleitern diese Woche im Freiluftkino am Friedrichshain vorgestellt werden. Neben Michael Winterbottoms Berlinale-Sieger „In This World“ und Murnaus „Nosferatu“ (Retrospektive) ist am Sonnabend auch das Kinderfilmfestival mit Jörg Grünlers Kinderbuchverfilmung „Der zehnte Sommer“ zu Gast, was gleichzeitig Anlass für ein weiteres bitter-fröhliches Ereignis gibt. Pünktlich zum Ferienende wird im Friedrichshain auch dies Jahr mit dem MondLichtFest dem Nachwuchs das Vergnügen nächtlichen Freiluftkinos gemacht. Einmal noch Spätaufbleiben, bevor es Montag wieder um halb sieben aus den Federn geht.

Beim Kinderpublikum der Berlinale soll "Der zehnte Sommer" ein Hit gewesen sein – die (leider) erwachsene Kritikerin möchte ihre Wahrnehmung lieber verschweigen und über einen anderen Film reden, der eine ähnliche Zeit an einem anderen Ort – und auch aus dem Kinderblick – beschreibt. Jan Hrebejk heißt der junge Regisseur, der in seiner retrospektiven Tragikomödie Gemütliche Nischen (Peliski, 1999) die spießigen Bewohner eines Prager Mehrfamilienhauses genüßlich boshaft durch die Umbrüche der sechziger Jahre treibt. Und dabei ist das damalige Lebensgefühl so präzise getroffen, dass es selbst bei Westlern einige Erinnerungen zum Klingen bringen dürfte. Dennoch bleibt der Film vor allem eine mit Sarkasmus lehrreich inszenierte Einführung in spezifische Problemlagen unseres östlichen Nachbarlandes. Da treffen sich sentimentale Patrioten und staatstreue Militärs im Mief von Weihnachtssritual und Schweinebraten und bestaunen andächtig die dahinschmelzenden High-Tech-Plastik-Kaffeelöffel aus ostdeutscher Produktion. Das Happy-End geht im Beben unter den Ketten der Invasionpanzer unter (am Mittwoch im Babylon-Mitte im Rahmen einer Reihe von Filmen über das Ende des Prager Frühlings).

Fast rituelle Züge hat die Tarkowski-Reihe angenommen, die alljährlich im Kino Arsenal die Augustwende markiert ( Solaris am Freitag, Serkalo /Der Spiegel am Dienstag). Ergänzt wird der Arsenal-Tarkowski durch Vorführungen im Babylon, das zum Abschluss einer Reihe über "Weinen und Lachen im sowjetischen Film" Stalker (Donnerstag und Sonnabend) und Solaris (am Sonntag) präsentiert, allerdings in der deutschen Fassung.

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