Kultur : Kurzmeldungen

Seit der Bund mit im Boot ist, steht der Berliner Opernstiftung nichts mehr im Weg. Fehlt nur noch der rechte Chef. Eine Stellenbeschreibung Der Zauberflötist

Frederik Hanssen

Vielleicht gibt es ihn nur in der Oper: Den Mann, der Berlins Musiktheaterlandschaft zu neuer Blüte führen kann, die Idealbesetzung für den Posten des Generaldirektors der geplanten Opernstiftung. Unter einem Dach sollen Staatsoper, Deutsche Oper und Komische Oper ab Januar 2004 endlich wirklich kooperieren. Zu der Dachorganisation werden außerdem die Werkstätten als eigene, gewinnorientierte Abteilung gehören sowie die erstmals autonomen, aber in ihrer Zahl empfindlich reduzierten Tanzensembles der Opernhäuser. Für diese heikle Konstruktion sucht Berlins Kultursenator Thomas Flierl derzeit den geeigneten Kandidaten. Eine Persönlichkeit „die in besonderer Weise mit dem Kunstbetrieb vertraut ist und ein großes Unternehmen leiten kann“, wie er sich sibyllinisch ausdrückt. Einen Tausendsassa, der alles kann: leiten, lenken, leiden, lieben. Einen Menschen wie Tamino aus der „Zauberflöte“.

Ja, der Held aus Mozarts meistgespielter Oper (die in Berlin natürlich in drei verschiedenen Inszenierungen zu erleben ist) verkörpert den Typus, den Thomas Flierl braucht. Tamino, ein Prinz aus gutem Hause, ist unsterblich verliebt in Pamina (die drei Berliner Opern). Diese Pamina ist die Tochter der Königin der Nacht (des hauptstädtischen Publikums) und wurde von Sarastro (dem Berliner Senat) geraubt – aus der Überzeugung, dass die Mutter allein die Erziehung Paminens nicht bewerkstelligen kann. Also beschließt der aufgeklärte Herrscher Sarastro (dessen dunkle Seite in der Oper von Monostatos, in Berlin von Thilo Sarrazin verkörpert wird), dem Mädchen einen Gefährten zur Seite zu stellen, der sie bei ihrem Reifeprozess unterstützt: eben Tamino.

Diplomat erwünscht

Was bei Mozart über diesen Tamino gesagt wird, gilt auch für den künftigen Opern-Koordinator: Zunächst soll er „Tugend“ besitzen. Und „Verschwiegenheit“. Außerdem muss er sich „wohltätig“ zeigen, fordern Sarastros Priester. Viel diplomatisches Geschickt wird er in der Tat mitbringen müssen, gilt es in Berlin doch drei Generalmusikdirektoren mit starkem Selbstverwirklichungsdrang (und charakterlich ähnlich gestrickten Intendanten) zu einer Trias zusammenzuschweißen, die stolz die Insignien der Mozartschen Opern-Bruderschaft tragen kann: „Vernunft“ (nämlich bei der Gestaltung des Spielplans), „Natur“ (bei der organischen Auswahl der fürs jeweilige Haus ideal geeigneten Werke) und „Weisheit“ (im Umgang mit Politik und Publikum).

Kurzum: „Ein holder Jüngling, sanft und schön“ muss her. Kein Häuptling Silberlocke, dem man noch einen letzten Honoratiorenposten zuschanzt, bevor er sich in den Ruhestand verabschiedet. Dieser junge Mensch muss den Ehrgeiz haben, Pamina (also die Opern) zu erobern – und gleichzeitig doch demütig genug sein, sich den Reife-Prüfungen zu unterziehen, die ihm Sarastro auferlegt. In Mozarts Oper schickt der Herrscher dafür drei Knaben aus, die Tamino Ratschläge einflüstern: „Sei standhaft, duldsam und verschwiegen.“ In Berlin spielt Thomas Flierl diese Tripelrolle.

„Die Weisheitslehre dieser Knaben sei ewig mir ins Herz gegraben“, singt Tamino bei Mozart – und auch der oberste Berliner Opernchef sollte sie beherzigen, wenn es ihm in den Fingern juckt. Denn er muss trotz seines Titels stets der zweite Mann in der Berliner Musiktheaterlandschaft bleiben, eine Art Bundespräsident mit hohem Rang aber wenig eigenem Gestaltungsspielraum. Er soll uneitel koordinieren, diplomatisch zwischen den Stiftungsmitgliedern vermitteln, zuerst wirtschaftlich, dann künstlerisch denken (und trotzdem auf beiden Gebieten gleichermaßen kompetent sein).

Liebhaber gesucht

Vielleicht sollte der Berliner Kultursenator seinen Tamino darum gar nicht erst in Deutschland suchen, sondern in einem Land, wo es Kulturmanager gewohnt sind, mit diversen Kontroll- und Geldvergabe-Gremien auszukommen. Vielleicht ist der Opernstiftungs-Tamino in Großbritannien zu finden, wo Kunst seit Maggie Thatcher vor allem von Überzeugen-Können kommt, vielleicht auch in den USA, wo ohne programmatische wie persönliche Geschmeidigkeit im music business noch nie etwas ging.

Bei dem neu zu schaffenden Job an der Stiftungsspitze kommt es nämlich weniger auf beeindruckende Karrieredaten an als auf den Charakter des Kandidaten. Darum wäre ein Mann vom Schlage des jungen August Everding ideal, der wie Tamino rückhaltlos seiner Pamina – der Oper – in Liebe verfallen ist: „Dies Etwas kann ich zwar nicht nennen – doch fühl ich’s hier wie Feuer brennen!“

Nur ein Entflammter mit sanften Führungsqualitäten kann die endlose Oper um die Berliner Opern noch zum Happyend führen. Nur mit so einem Liebhaber an der Hand kann Thomas Flierl am Ende den Skeptikern und Lobbyisten entgegentreten, um ihnen zu antworten wie Sarastro seinen Priestern: „Wird Tamino auch die harten Prüfungen, so seiner warten, bekämpfen? Er ist Prinz!“ – „Mehr noch: Er ist Mensch.“

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