Kultur : Kurzmeldungen

Frank Noack

CITY LIGHTS

Schriftstellernde Schauspieler gibt es mehr als genug, ganz zu schweigen von schriftstellernden Prominenten-Ex-Gattinnen. Seltener sind die Fälle von ernst zu nehmenden Schriftstellern, die sich als Darsteller vor die Kamera gewagt haben. In der Regel wirken sie blass. Oder sie benehmen sich so peinlich daneben wie Truman Capote, dass es schon wieder lustig ist. Offenbarungen in diesem Bereich sind selten. Franz Xaver Kroetz war eine. Lange vor ihm bewies der Georgier Wladimir Majakowski seine Leinwandpräsenz. Der Dichter, Plakatmaler und Happening-Künstler bleibt der Nachwelt durch Das Fräulein und der Rowdy (1918) erhalten, worin er natürlich den Rowdy gibt. Das Fräulein ist eine Lehrerin, in die sich der grobschlächtige Arbeiter verliebt. Majakowski hat sich die Rolle selbst auf den hoch gewachsenen Leib geschrieben und gemeinsam mit Jevgenij Slavinskij Regie geführt. Er soll mit dem Werk unzufrieden gewesen sein, was nichts an dessen Bedeutung ändert. 1930 schoss sich Majakowski, gerade mal 36 Jahre alt, ins Herz. „Das Fräulein und der Rowdy“ läuft zusammen mit dem 1925 entstandenen sowjetischen Kurzfilm Schachfieber (Sonntag im Babylon Mitte, Orgelbegleitung durch Jürgen Kurz).

Rowdys müssen nicht von unten kommen. Immer mehr Großverdiener – etwa Phil Collins und Madonna – wollen arm und prollig aussehen. Jeans, Holzfällerhemd und Tattoos sind nur der Anfang. So richtig unten ist man erst mit gebrochener Nase und Zahnlücken. Und die holt man sich im Fight Club . David Finchers Film, 1999 uraufgeführt, ist schon ein Klassiker. Dabei war der Kassenerfolg nur passabel und die Kritiken allenfalls gut genug, um in Ten-Best-Listen erwähnt zu werden. Aber darauf kommt es auch gar nicht an. Ein Film ist dann ein Klassiker, wenn er eine Epoche auf den Punkt bringt, wenn er ein bestimmtes Lebensgefühl besser trifft als jeder andere (heute im Freiluftkino Kulturforum am Potsdamer Platz).

Früher stiegen Männer noch in den Ring, um ihrer Familie eine schönere Wohnung zu finanzieren. Luchino Viscontis Rocco und seine Brüder (1960) handelt von zwei Brüdern, die auf diesem Wege ihr Geld verdienen. Alain Delon spielt einen von ihnen. Der Film ist aus den falschen Gründen gelobt worden. Angeblich handelt er von einer unschuldigen Familie vom Land, die in der Großstadt korrumpiert wird (Zivilisationskritik!). Tatsächlich zeigt Visconti, wie ein paar grobschlächtige Landeier in Mailand Schaden anrichten. Sehenswert ist der dreistündige Film wegen seiner Theatralik, von der sich sogar Fellinis Lieblingskomponist Nino Rota anstecken ließ. Bei Visconti sehen Arbeiterwohnungen wie Opernkulissen aus. Der Film ist Sonnabend und Sonntag im Lichtblick zu sehen – kleiner Vorgeschmack auf die Mitte September beginnende Retro im Arsenal, die die neue Visconti-Ausstellung im Filmmuseum begleitet.

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