Kultur : Kurzmeldungen

Silvia Hallensleben

CITY LIGHTS

Zweihundert Menschen wurden allein letztes Jahr an den Küsten um die südspanische Stadt Tarifa tot geborgen. Die wahre Anzahl der Flüchtlinge, die bei dem riskanten Versuch, die Meerenge von Gibraltar zu überqueren, ihr Leben lassen, dürfte deutlich höher liegen. Denn viele der Flüchtlinge sind Nichtschwimmer, und der andalusischen Küste sind unzählige Riffs und Klippen vorgelagert, die die wackeligen Schlauchboote kentern lassen. Die Einheimischen leben mit dem Tod vor der Haustür. Doch für die Weltöffentlichkeit findet das Sterben im Verborgenen statt. Denn wenn die Touristen morgens zum Baden an den Strand kommen, sind die Leichen geborgen und die Spuren der Todeskämpfe in den Wellen versunken.

Gegen diese Unsichtbarkeit will der deutsch-spanische Regisseur Joakim Demmer mit seinem Dokumentarfilm Tarifa Traffic Bilder und Zeugnisse setzen. Lange hat Demmer in Südspanien recherchiert und Menschen gefunden, die bereit sind, vor der Kamera auszusagen: Mitarbeiter von Hilfsorganisationen und der Küstenwache, auch Hinterbliebene. „Tarifa Traffic“ ist ein im besten Sinne aufklärerisches Filmprojekt. Trotzdem hat besonders eine Szene des Films, die ausführlich die Landung eines Flüchtlingsboots zeigt, dem Regisseur den Vorwurf voyeuristischer Zurschaustellung der Flüchtlingsschicksale eingebracht. Wer sich sein eigenes Urteil bilden will, hat dazu am Samstag Gelegenheit, wenn Demmer seinen Film persönlich im Babylon vorstellen wird (Wiederholung am Sonntag).

Fast enzyklopädischen Charakter hat ein mit beeindruckender Breite und Tiefenschärfe angelegtes Projekt des Kino Arsenal, mt dem dort einen ganzen Monat lang versucht wird, Das Politische und das Kino in so vielfältige wie grundsätzliche Beziehung zueinander zu setzen. Drei Programmblöcke wollen dem Publikum – mit ausschließlich zeitgenösischen Filmen – die „Vielzahl von Formen, Ansätzen, Themen und Wechselbeziehungen“ dieses Verhältnisses eröffnen: Jeder von ihnen wäre allein schon eine Herausforderung. „Dokumentieren“ bezieht sich dabei auf die wohl vertrauteste Variante eines politischen Kinos, das versucht, das filmische Medium in klassisch aufklärerischem Sinn für die Vergegenwärtigung unbekannter Welten zu nutzen. „Aktivismen“ bringt den Film – zumindestens virtuell - aus dem Kino hinaus zu den Initiativen und Polit-Kollektiven, die ihn immer öfter als Mittel künstlerischen und gesellschaftlichen Eingreifens nutzen. Und „.Die Ästhetik der Intervention“ präsentiert Filmemacher und Filmemacherinnen, die die überlieferten Erzählweisen mit künstlerischem Eigensinn umformen, um sie durch den Filter der individuellen Perspektive „zur politischen Intervention nutzbar zu machen“ (Programmtext).

Hierzu gehört auch Peter Watkins La Commune – Paris 1871 (1999), mit dem das Programm am Montag eröffnet wird, eine fast sechsstündige kollektive Rekonstruktion des blutigen Aufstandes aus heutiger Perspektive. Am Montag im Arsenal mit einer Einfürung von Andree Korpys (Wiederholung am Mittwoch).

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben