Kultur : Kurzmeldungen

Hanns-Josef Ortheil wagt „Die große Liebe“ – und hat in seinem neuen Roman keine Angst vorm Happy End Der glückliche Blick

Rainer Moritz

Ein bezeichnender Reflex: Wenn ein angesehener Literaturverlag den neuen Roman eines deutschen Autors ankündigt, der den Titel „Die große Liebe“ trägt, wittert man sofort Ironie und glaubt sich befähigt, den – natürlich – traurigen Ausgang dieser Geschichte vorherzusagen. Die deutschsprachige Gegenwartsliteratur – so zumindest ihr hartnäckig verbreitetes Image – tut sich schwer mit positiven Gefühlen und überlässt die „happy endings“ willenlos den leichten bis seichten Unterhaltungsproduzenten, die selten ästhetische Absichten verfolgen. Wo Literaten, die nach höheren Weihen streben, von Liebe erzählen, reihen sie meist triste Schicksale aneinander: Vielleicht erzählen sie von heftigen sexuellen Begegnungen, die indes nicht verhindern, dass zwischen den Liebenden bald alles „schwierig“ wird und das Ende der Geschichte ein unschönes ist.

Die aktuelle Literaturkritik ist in weiten Teilen mit solchen Texten groß geworden, und sie hat deren trostlose und oft trostlos vorgetragenen Desaster und Debakel als selbstverständliche Folge dessen akzeptiert, was ästhetische Theorien des 20. Jahrhunderts als Norm verkündeten. Die großen Beispiele der klassischen Moderne gaben diesen Ton vor, und je stärker sich die historische Entwicklung als Abfolge von Krieg und Gewalt erwies, desto klarer schien es, dass ernst zu nehmende Literatur vornehmlich vom Scheitern zu berichten habe. Noch 2002 wollte die in dieser Tradition stehende Kritikerin Dorothea Dieckmann dies in ihrem Essay „Sprachversagen“ als Wesen des Literarischen bestimmen: „Wer schreibt, ist ein Versager. Er versagt sich das Sprechen. Er spricht vom Versagen der Kommunikation und der Konvention.“

Hanns-Josef Ortheil, der promovierte Literaturwissenschaftler, kennt diese Debatten, hat sich selbst wiederholt an diesen beteiligt – und kümmert sich in seinen eigenen belletristischen Arbeiten immer weniger um die gestrengen Vorgaben der Literaturasketen. Sein neuer Roman „Die große Liebe“ will der deutschen Literatur ihre Grundangst nehmen: die Angst vor „großen“ Gefühlen, vor Leidenschaften, die nicht automatisch zu Not und Elend führen, vor Geschichten, die „gut ausgehen“, und vor dem Sinnlichen. Er entführt seine Leser, verzaubert sie und bewahrt sie gleichzeitig vor dem Verdacht, einem billig inszenierten Rührstück beizuwohnen.

Ein Münchner Fernsehjournalist, Ende dreißig, macht sich an die italienische Adriaküste auf, genauer: in den touristisch gut ausgestatteten Badeort San Benedetto del Tronto. Recherchearbeiten führen ihn dorthin; er will Eindrücke sammeln für einen Film, der „vom Meer erzählen“ soll, „nicht auf spektakuläre Weise, sondern ganz einfach, mit Hilfe von guten, genauen Beobachtungen“. In einem meeresbiologischen Museum lernt er die schöne Dottoressa Franca kennen, und von der ersten Minute an ist beiden klar, dass sie ihre jäh entfachte Leidenschaft zügellos ausleben wollen. Alle Widerstände, die sich auftun, werden beiseite geschoben: Francas Verlobter, ein staubtrockener Wissenschaftler, muss klein beigeben, und auch die Feindseligkeit, die sich bei den Einheimischen zeigt, bildet kein Hindernis für die frisch Entflammten. Und selbst am Ende, als der Erzähler zurück nach München fährt, geschieht kein Unglück, haben alle bösen Mächte zu schweigen.

Die Lektüre dieses Romans sorgt für eine Hochstimmung, für die man sich anfänglich fast schämen möchte. Zu ungewohnt ist es, wie Ortheil von der ersten Seite an die Faszination des doch schon so oft beschriebenen Meeres einfängt. Zu eindringlich, wie er die kulinarischen Genüsse der Region Marken beschreibt, wie er Lust weckt, an den sprachlich perfekt visualisierten Tagliatelle mit Steinpilzen oder den gewöhnungsbedürftigen Kutteln in Weißwein teilzuhaben. Alkoholische Getränke werden dabei reichlich und zu jeder Tageszeit konsumiert, und wer diesen Roman zu lesen beginnt, sollte zuvor sicherstellen, dass sich im Kühlschrank nicht zu wenige Flaschen Verdicchio oder Chardonnay befinden.

Meer, Sonne, Strand und Wein begleiten das Liebespaar auf seiner Expedition ins uneingeschränkte Glück, und auch hier könnte die Messlatte nicht höher liegen: „Es ist die große Liebe, sagte ich, das ist es.“ Was der Erzähler zuvor nur „Theologen und Mystikern“ zubilligte, nimmt er über Nacht als Wahrheit hin, die Kopf und sein Herz erobert. Die intellektuellen Bedenken und die biografische Vorgeschichte des Erzählers zählen nichts mehr; es gilt sich dem Unfasslichen hinzugeben, und Hanns-Josef Ortheil tut dies so, dass man plötzlich geneigt ist, an die Realisierung des Unmöglichen zu glauben.

Natürlich ist Ortheil kein naiver Autor, der planlos vom Glück erzählt. Die Erzähltricks der Moderne und Postmoderne sind ihm bestens vertraut, und so grundiert er seinen Text mit unauffälligen Signalen, die Doppelbödigkeit andeuten. Das Gesehene wird darauf geprüft, ob es als Filmmotiv taugt, und beim Austernessen meint der Erzähler den „Tang und die Algen zu kosten“, das „Meer, pur“. Das konkrete sinnliche Detail weist über sich hinaus und fügt den Geschehnissen dezente transzendente Töne bei. Und auch die rotblonde Schönheit Francas bleibt nicht ohne symbolische Überhöhung: Bei einem Ausflug ins Hinterland gelangt ihr Liebhaber nach Montefiore dell’Aso, wo er ein Gemälde des Renaissance-Künstlers Carlo Crivelli bewundert. Dessen Figur der Heiligen Magdalena (die sich auch auf dem Schutzumschlag der „Großen Liebe“ wiederfindet) ähnelt Franca frappierend, und so wird deren betörende Erscheinung in guter moderner Erzählmanier auf ein existierendes Kunstwerk bezogen.

Gelegentlich tut Hanns-Josef Ortheil zu viel des Guten, um seinen Roman mit Subtexten anzureichern. Dass der Protagonist seine Eindrücke in therapeutischer Absicht aufnotiert, mag man akzeptieren, doch wenn er beginnt, das Erlebte als von ihm zu schreibenden Roman zu deuten, der so einsetzt wie Ortheils „Große Liebe“ selbst, dann erscheint dieser – hinlänglich bekannte – Zirkel als überflüssige Zutat.

„Wir befinden uns aber in einem Roman, sagte ich, Franca und ich – wir schreiben gleichsam an einem Roman, es ist ein beinahe klassischer Liebesroman in nuce, wenn Sie so wollen“ – diese poetologische Botschaft formuliert mit Augenzwinkern, dass auch Romane, die vom Glück erzählen, nur Romane sind. Und wer diese Passage überliest, nimmt auch keinen psychischen Schaden. Denn Hanns-Josef Ortheils „Die große Liebe“ ist ein hocherfreuliches Buch, das allen schwerblütigen Kostverächtern im Magen liegen wird, der Gegenwartsliteratur ein sinnlich gefühlsstarkes Glanzstück schenkt und Antipathien ihr gegenüber vorbeugt. Wäre es nicht schön, den nächsten Urlaub in den Marken zu verbringen, vielleicht sogar in San Benedetto?

Hanns-Josef Ortheil: Die große Liebe. Roman. Luchterhand Verlag, München 2003. 317 Seiten, 22,50 €.

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