Kultur : Kurzmeldungen

Frank Noack

CITY LIGHTS

Keine Phase der deutschen Filmgeschichte ist so schlecht erforscht wie die zwischen Trümmer- und Heimatfilm – in den unmittelbaren Nachkriegsjahren. Der Trümmerfilm hatte ausgedient, im Westen wie im Osten Deutschlands, aber es gab auch noch keine neuen Erfolgsrezepte. In dieser Zeit allgemeiner Verunsicherung drehte Helmut Käutner für den Produzenten Artur Brauner ein auf anregende Weise gescheitertes Werk: Epilog – Das Geheimnis der Orplid handelt vom Untergang einer Luxusyacht und ging selbst nach seiner Präsentation auf den Filmfestspielen von Venedig im September 1950 sang- und klanglos unter.

Zu viel hat Käutner gewollt: die Warnung vor einem neuen Weltkrieg, opulente Ausstattung, dazu Zeitkritik kombiniert mit Kolportage. Fast unüberschaubar ist das Darstellerensemble, das sich aus jüdischen Emigranten, KZ-Überlebenden und NS-Mitläufern zusammensetzt: Fritz Kortner, Peter van Eyck, Blandine Ebinger und Camilla Spira speisen gemeinsam mit UFA-Stars wie Carl Raddatz und Irene von Meyendorff. Horst Caspar versucht als Journalist, den Untergang der Orplid aufzuklären, daneben wird Tango getanzt, geflirtet, betrogen und diskutiert. Der Ex-Kabarettist Käutner versucht sich als Philosoph und scheitert mit Anstand. „Epilog“ ist einer der besten misslungenen Filme aller Zeiten. (Montag im Babylon Mitte)

Ähnliches lässt sich auch von Sidney Lumets Südstaaten-Drama Der Mann in der Schlangenhaut (1960) sagen. Die Vorlage, Tennessee Williams’ Stück „Orpheus steigt herab“, war auf vielen Bühnen der Welt ein Reinfall. Der Film steigert die bedeutungsschweren Dialoge ins Absurde – durch Großaufnahmen, permanentes Stakkato-Sprechen und Bruno Kaufmanns expressionistische Ausleuchtung. Die Hauptdarsteller Marlon Brando und Anna Magnani haben sich übrigens gehasst: Das bekommt dem Film gut. Brando verkörpert einen Herumtreiber und Magnani eine Ladenbesitzerin, die ihn, als er nachts um zwei bei ihr anklopft, hereinlässt und als Aushilfe einstellt. Joanne Woodward ist als Nymphomanin zu sehen, die Brando auf einen Friedhof lockt, um ihn dort zu verführen. Das Thema? Irgendwie soll es um Intoleranz gehen und um Außenseiter, die gegen Normen verstoßen. Aber das eigentliche Thema ist der unfreiwillig komische Größenwahn seines Autors. Kein Bühnenautor ist dem Medium Film zu so viel Dank verpflichtet wie Tennesseee Williams: Etliche überdrehte Hollywood-Filme halten die Erinnerung an ihn wach. (Freitag im Babylon Mitte)

Größenwahn kann man John Ford nicht vorwerfen. Weil er jede künstlerische Tätigkeit als unmännlich empfand, inszenierte der irisch-katholische Einwanderer seine Filme, überwiegend Western, mit verblüffender Einfachheit. Für Kollegen wie Orson Welles, Ingmar Bergman, Akira Kurosawa und Elia Kazan war er der Größte, und der angehende Regisseur Peter Bogdanovich huldigte ihm 1971 mit dem Dokumentarfilm Directed by John Ford. Ähnlich wie Maximilian Schells „Marlene“-Porträt profitiert der Film von der Widerborstigkeit des Interviewten. Wenn ihm eine Frage missfällt, ruft er „Cut!“ Und wie er diese eine Actionszene gedreht habe? Antwort Ford: „Mit einer Kamera“. (Heute im Arsenal)

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