Kultur : Kurzmeldungen

Shashi Tharoor findet sich überall zurecht: In London geboren, in Indien aufgewachsen, ist er als Romanautor wie UN-Botschafter gleichermaßen erfolgreich. Am Mittwoch eröffnet er das 3. Internationale Literaturfestival in Berlin Diesen Kuss der ganzen Welt

Jörg Plath

Es ist erstaunlich, wie einfach mit dem Schriftsteller, der am Mittwoch das dritte Internationale Literaturfestival Berlin eröffnet, ein Telefoninterview zu verabreden ist. Schließlich leitet Shashi Tharoor im Haupt- oder im Nebenberuf, so genau weiß man das nicht, die 700 Mitarbeiter starke Abteilung der Vereinten Nationen für Öffentlichkeitsarbeit. Es ist dann weniger erstaunlich, dass eine gestresste Mitarbeiterin telefonisch den Termin bestätigt und bittet, sich kurz zu fassen: Mr. Tharoor sei „very busy today“.

Davon ist ihm allerdings nichts anzumerken. Blendend aufgelegt scheint er sich auf seinem Stuhl zurückzulehnen und aus dem Fenster auf das New Yorker Häusermeer zu blicken. Auf seiner Website www.tharoor.un-org seien einige Interviews zu finden, sagt er, aus denen ich zitieren könne. „Jetzt freue ich mich auf mir unbekannte Fragen.“ Offenbar staunt auch Mr. Tharoor gern.

Nun ist es außerordentlich schwierig, diesen Mann zu überraschen. Der 47-Jährige ist mit allen Wassern gewaschen. Er scheint zwei Leben zu führen – und jedes ganz. Neben zahlreichen Artikeln hat er fünf Bücher veröffentlicht: Das Epos „Der große Roman Indiens“ (1989, Suhrkamp 1998), die Romane „Aufruhr. Eine Liebesgeschichte“ (2001, Insel 2002) und „Show Business“ (1992, unter dem Titel „Bollywood“ verfilmt), einen Band Erzählungen und das Sachbuch „Indien. Zwischen Mythos und Moderne“ (1997, Insel 2000). Ein produktiver, mehrfach ausgezeichneter Autor.

Zugleich machte Tharoor Karriere in den Vereinten Nationen: Ab 1978 hilft er vietnamesischen boat people, zuletzt als Leiter des Büros des UN-Flüchtlingskommissariats in Singapur. Von 1989 bis 1996 versucht Tharoor, friedenserhaltende Maßnahmen im ehemaligen Jugoslawien durchzusetzen. 1997 und 1998 ist er Assistent von UN-Generalsekretär Kofi Annan, der ihn 2002 zum Leiter der Abteilung für Öffentlichkeit ernennt. Ein nordamerikanisches Magazin nannte ihn „the Global Leader of the Future“. „Mr. Tharoor, hat ihr Tag 48 Stunden?“

Shashi Tharoor lacht, obwohl ihm die Frage immer wieder gestellt wird. „Es gibt Tage, an denen ich zu wenig schlafe. Meine Lebensweise bringt natürlich Opfer mit sich. Ich habe keine Zeit für normale Freuden. Ich sehe kaum Fernsehen zur Unterhaltung, obwohl ich für die Medien arbeite. Filme gucke ich nur im Flugzeug, und Freunde beklagen sich. Vielleicht bereue ich irgendwann, nicht mehr Zeit an Rosen geschnuppert zu haben.“

Kosmopolitisch unruhig war schon Tharoors Kindheit und Jugend: geboren in London, aufgewachsen in Indien, Studium der Geschichte in Indien und der Jurisprudenz in den USA. Als Indira Ghandi den Ausnahmezustand erklärt, revidiert Tharoor seinen Wunsch, Beamter zu werden. Für ein Land, das die demokratischen Ideale zu Lasten der Armen verrät, will er nicht arbeiten. Der Eintritt in die Unitde Nations ist die Konsequenz von Prinzipien.

Besonders in seinem Heimatland Indien irritiert Shashi Tharoors Biographie viele. Immer wieder wird er gefragt, ob er entwurzelt sei. Die Distanz erlaube, antwortete Tharoor einmal, den Wald und nicht nur die Bäume zu sehen. Andererseits schätze man den Wald nur, wenn man ein Gefühl für die Bäume habe.

Dieselbe Antwort geben Tharoors Bücher, die alle von Indien erzählen. „Der englische Historiker E. P. Thompson hat einmal gesagt: Indien ist das wichtigste Land für die Zukunft der Welt. Er meinte, dass sich alle Probleme der Welt in Indien finden lassen: Brot gegen Freiheit, Zentralisierung gegen Förderalismus, Pluralismus gegen Fundamentalismus und Globalisierung gegen Selbstständigkeit. Die Antworten, die das indische Sechstel der Weltbevölkerung auf die Probleme findet oder nicht findet, werden Auswirkungen auf den ganzen Globus haben, und daher versuche ich, Indien in meinen Büchern zu erforschen.“

Das geht nicht ohne deutliche Kritik „an den Naipauls“ dieser Welt wie in dem Sachbuch „Indien. Zwischen Mythos und Moderne“. Und es geht nicht ohne Molière und seine Maxime, man müsse unterhalten, um zu erbauen. In „Der große Roman Indiens“ benutzt Tharoor das 2000 Jahre alte Heldenepos Mahabbarata als Folie für eine spöttisch-mythologische Version der indischen Geschichte im 20. Jahrhundert. Die Satire „Show Business“ schildert in Monologen, Regieanweisungen und Filmnacherzählungen das indische Filmwesen. Und „Aufruhr“ erzählt in Zeitungsmeldungen, Tagebucheintragungen, Briefen, Notizen und Gedichten von einer Entwicklungshelferin, die einen Inder liebt und in Kämpfen zwischen Hindus und Moslems ums Leben kommt. Drei Romane, drei Experimente und alle mit lustvoller Drastik.

„Aufruhr“ ist ein multiperspektivischer Roman, erzählt von den Personen ohne Vermittlung durch einen Erzähler. Tharoor lässt sich diese Gelegenheit nicht entgehen, seine Tätigkeitsfelder als natürliche Zwillinge darzustellen. Denn schließlich versöhne die Diplomatie nicht anders als der Roman einander widersprechende Positionen. Und: „Beide bauen auf der Dekonstruktion von Texten auf. Der Platz zwischen den Zeilen ist so wichtig wie der Text. Wie etwas gesagt wird, ist ebenso wichtig wie das, was nicht gesagt wird und warum es nicht gesagt.“

Man wird also die Rede genau lesen müssen, mit der Shashi Tharoor am Mittwochabend im Berliner Ensemble das dritte Internationale Literaturfestival eröffnet. Der Titel: „Globalisierung und die menschliche Einbildungskraft“. Tharoor wird, das legen seine Bücher nahe, die Autonomie der Phantasie gegen „Micky Mouse, Hollywood und MTV“ verteidigen.

„Ich will das Thema noch weiter fassen und über den Terrorismus sprechen: Jemand hat die Anschläge vom 11. September einen Protest gegen die Verwestlichung der Welt genannt. Was hat es damit auf sich? Zugleich ist es für mich als UN-Angestellter wichtig, global gehört zu werden. Wie überwinden wir also die digitale Teilung der Welt und den so genannten Zusammenstoß der Kulturen? Ich spreche als UN-Offizieller, dem es um die ganze Welt geht, und als Romanautor, der von seinen indischen Wurzeln herkommend über Dinge schreibt, von denen er hofft, dass sie die Welt als Ganzes betreffen.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben