Kultur : Kurzmeldungen

Charles Sheeler fotografierte Scheunen und Fabriken, Hochhäuser und Shaker-Möbel als Ausdruck einer eigenständigen amerikanischen Kultur. In Winterthur werden seine Bilder erstmals umfassend in Europa gezeigt Das Pathos der Dinge

Bernhard Schulz

Diagonal über die Bildfläche laufen zwei sich kreuzende Bauwerke – sie bergen Förderbänder –, dahinter ragen acht Schornsteine in die Höhe. Es ist die (Teil-)Ansicht einer Fabrik, des River Rouge-Werkes der Ford Motor Company, ein Architekturfoto also und doch viel mehr, nämlich eine Apotheose des Industriezeitalters. Das Bildmotiv lässt geradezu an eine Kathedrale denken, und so ist das Foto in der Zeit seiner Entstehung Ende der zwanziger Jahre denn auch oft bezeichnet worden.

Charles Sheeler, der Autor dieser Aufnahme, hat 1927 knapp vierzig Fotos von der riesigen Anlage in der Nähe von Detroit angefertigt. Mehr brauchte er nicht, um die Essenz dessen in Bilder zu fassen, was ihm und seiner Zeit als Ausdruck amerikanischer Schaffenskraft galt. Die Aufnahme der sich kreuzenden Förderbänder ist eine der am stärksten gestalteten Aufnahmen dieser Reihe.

Im Fotomuseum im schweizerischen Winterthur hängt neben dieser die zwei Jahre später entstandene Aufnahme sich kreuzender Strebebögen der Kathedrale von Chartres. Die Verwandtschaft beider Aufnahmen ist frappierend. Das Bild aus Chartres, wo Sheeler den berühmten Bau der französischen Hochgotik gleichfalls in einer Bildserie erkundete, wirkt allerdings weit weniger monumental. Es scheint, als habe Sheeler in Chartres die Konstruktion des Sakralbaus betont, bei Ford hingegen die Monumentalität der Industrie.

Doch erfolgt dieser Anflug von Pathos, der vor allem dem reifem Werk eigen ist, durch die unbestechliche Wiedergabe des Bildmotivs hindurch. Sheeler, 1883 geboren, wollte von früh an Maler werden und studierte ab 1903 an der renommierten Pennsylvania Academy of Fine Arts in seiner Heimatstadt Philadelphia. Sein künstlerisches Urerlebnis hatte er 1909 in Paris, als er mit der damals explodierenden Moderne, mit Fauvismus und Kubismus in Kontakt kam. Nicht die Doktrin, nicht einmal die besondere Motivik, wohl aber der analytische Blick des reifen Kubismus hat ihn geprägt.

Zurück in den USA, entwickelte er über viele Jahre hinweg in der ihn kennzeichnenden, ebenso bedächtigen wie beharrlichen Weise eine beispiellose Doppelkarriere als Maler und Fotograf. Als Maler zählt er zu den Protagonisten des Präzisionismus, jener amerikanischen Spielart dessen, was in der Weimarer Republik Neue Sachlichkeit hieß, als Fotograf geht seine Bedeutung über den Rahmen des „neuen sehens“ noch hinaus. Aus dem umfangreichen Nachlass des 1965 verstorbenen Künstlers, den die Lane Collection bewahrt und der am Bostoner Museum of Fine Arts bearbeitet wird, ist die vorzügliche und von einem exzellenten Katalog begleitete Ausstellung „Charles Sheeler – Amerikanischer Modernist“ erwachsen, die nach Zwischenstation in New Yorks Metropolitan Museum seit dem Wochenende im Fotomuseum Winterthur gezeigt wird. Sie stellt erstmals allein das fotografische Werk dieses Mitschöpfers der Kunst des 20. Jahrhunderts vor.

120 der von Sheeler so ungemein sorgfältig behandelten Originalabzüge haben Theodore E. Stebbins, Gilles Mora und Karen Haas aus der Lane-Sammlung ausgewählt. Meist hat Sheeler in Serien gearbeitet. Sein fotografisches Werk beginnt mit der stillen Sensation der „Seitenwand einer weißen Scheune“ von 1915, einer völlig planen Ansicht weniger eines Gebäudes als dessen Struktur; eine Abstraktion, die kein Jota an der vorgefundenen Realität zurechtbiegt, sondern sich im Auge des Fotografen vollzieht. Von Anfang an konzentrierte sich Sheeler auf dezidiert amerikanische Sujets. Er ist Teil jener Strömung, die nach dem Ersten Weltkrieg eine eigenständige amerikanische Kultur schaffen will, fernab von der Nachahmung des alten Europa, fern auch von der Elegie der lost generation. Das puritanische Ethos der Ostküste prägt Sheelers Werk. Nach den bescheidenen, ohne künstlerischen Ehrgeiz geschaffenen Nutzbauten seiner Heimatregion wandte sich Sheeler ab 1919 parallel der Metropole New York zu, ihren Wolkenkratzern und Hochbahnen, dann der Industrie und in den dreißiger Jahren mehr und mehr der Volkskunst, dem traditionellen Kunsthandwerk und insbesondere den so ungemein noblen Erzeugnissen der tiefreligiösen Shaker.

Stets zeigen seine Aufnahmen die Gegenstände, wie sie sind, und zugleich in dem, was Sheeler als ihren Gehalt erkennt (die Nähe zur Ästhetik der Shaker ist bezeichnend). Er dokumentiert weniger, als dass er ein zuvor vor dem geistigen Auge geformtes Bild fest hält. Es sind geradezu provozierend wenige Fotografien, die so entstehen. Umgekehrt hat eine jede Aufnahme Gewicht und Bestand und ist ein Kunstwerk eigenen Ranges.

Zugleich hat Sheeler durchaus experimentiert, ohne doch je den Status eines Avantgardisten zu beanspruchen. Gemeinsam mit dem Fotografen-Kollegen Paul Strand schuf er 1920 einen achtminütigen Kurzfilm über New York, der später unter dem – Walt Whitman entlehnten – Titel „Manhatta“ in der Dada-Szene Europas Furore machte. Er wird in Winterthur leider nur auf kleinem Bildschirm gezeigt. Der Film reiht einzelne, meist sekundenkurze Sequenzen aus dem Alltag der Großstadt aneinander, in radikalen Bildperspektiven, die die Technik eines Walter Ruttmann oder Dsiga Wertow um Jahre vorwegnehmen. Interessanterweise überträgt Sheeler die filmischen Möglichkeiten auf die Fotografie. So wirken viele spätere Fotos wie gefrorene Augenblicke eines nie gesehenen Films. Steile Auf- und Untersichten, verkürzte Perspektiven, verunklarte Räumlichkeit; all das aber nicht um eines Effektes willen, sondern um die optische Qualität der abgebildeten Objekte in den Mittelpunkt zu stellen.

Dieselben Techniken wandte Sheeler in seinem malerischen und, nicht zu vergessen, zeichnerischen Werk an. Wenn die Winterthurer Ausstellung ein Minus hat, dann, dass sie die Gleichzeitigkeit des fotografischen und des künstlerischen Werks ausblendet, ihre wechselseitige Befruchtung und Verstärkung. Sheeler kämpfte zeitlebens um die Anerkennung als Künstler, während er seinen Lebensunterhalt überwiegend als Fotograf verdiente, ja in den dreißiger und vierziger Jahren als kommerzieller Fotograf höchsten Respekt genoss. Im Fotomuseum Winterthur – einer der ersten Adressen für Fotokunst in Europa – ist jetzt die fotografische Hälfte eines Œuvres zu bewundern, das in seiner stillen Radikalität zu den Eckpfeilern der klassisch gewordenen Moderne zu zählen ist.

Fotomuseum Winterthur, bis 2. November. Katalog (in englischer Sprache) bei Bulfinch Press, geb. 79 SFr.

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