Kultur : Kurzmeldungen

Jörg Plath

INTERNATIONALES LITERATURFESTIVAL BERLIN

„Warum das Gras grün ist, oder warum unser Blut rot“, fragt John Donne in dem Gedicht „Vom Fortschreiten der Seele“. Etwas zupackender bekennt Deryn Rees-Jones am Mittwochabend ihr Interesse für tote Körper, um dann ein Gedicht mit Handlungsanleitungen für denjenigen Fall zu lesen, dass man einen solchen finde: Die Leiche ist genau zu betrachten und dabei soll man, wenn möglich, Tee trinken. Schließlich befindet sich das Lesepult, an dem Rees-Jones steht, im British Council . Das Kulturinstitut verwandelt sich für die Dauer des Internationalen Literaturfestivals fast allabendlich in ein „House of Science and Fiction“, in dem Filme, Lesungen und Gesprächsrunden mit britischen Künstlern, Journalisten und Wissenschaftlern die Berührungspunkten der Disziplinen erkunden. Wechselwirkungen gibt es ja nicht erst seit Durs Grünbeins „Schädelbasislektionen“ oder Gottfried Benns Nervenkunst, sondern schon seit dem Sturzflug von Ikarus.

„Ein Quark für Mr. Mark“ heißt die Anthologie mit 101 Gedichten über Wissenschaft, die neben dem berühmten metaphysischen Poeten des 17. Jahrhunderts, John Donne, die drei Lyriker des „House of Science and Fiction“-Eröffnungsabends versammelt: Deryn Rees-Jones, Julia Copus und Maurice Jordan . Sie alle lesen eigene und fremde Gedichte. Jordan, Mitherausgeber der Anthologie, erläutert sein Verfahren, die Sinne zu vertauschen und kämpft wacker mit John Donnes altertümlichem Englisch. Julia Copus spricht vom biografischen Hintergrund ihrer filigranen Antibiotika- und Atrophiepoeme, und Rees-Jones offenbart, dass sie ihre nekrophile Faszination derzeit in einem Kriminalroman in Versform sublimiert. Fragen mag Moderator Tobias Döring nicht, und so verwandelt sich das „House of Science and Fiction“ in rasender Schnelle in ein House of Football: Deutschland gegen Schottland in Großprojektion. Aber wir wissen nun, warum das Gras grün ist.

0 Kommentare

Neuester Kommentar