Kultur : Kurzmeldungen

Ulrike Baureithel

INTERNATIONALES LITERATURFESTIVAL BERLIN

Auf ein Mikrofon verzichtet sie. Dann perlen ihre Worte in den Raum, und über dem Hochzeitssaal in den Sophiensälen liegt Totenstille, damit auch nichts verloren geht, was diese zurückhaltende Frau mit der leisen Stimme zu sagen hat. Sie spricht von Fremdheit und Ausgrenzung. Davon weiß sie aus Erfahrung, denn ihren ungewöhnlichen Vornamen verdankt die Inderin Anita Desai ihrer deutschen Mutter, die es aus Liebesgründen nach Indien verschlagen hat. Doch 1937, Anitas Geburtsjahr, war Deutschland bereits keine gute Adresse mehr, und so vermied es die anpassungsbestrebte Mutter, außerhalb der vier Wände mit ihren Kindern deutsch zu sprechen. Das galt als gefährlich. So wuchs das Mädchen englischsprachig auf, einem Englisch allerdings, das indische Erfahrung aufbewahrt. Nur so, sagt Anita Desai, könne sie über Indien schreiben.

Die Tugenden eines Schriftstellers, sagt Desai, deren Bücher auf Deutsch im Zürcher Unionsverlag erscheinen, seien Schweigen, Geheimniswahrung und List. Vielleicht sind es auch die Tugenden, die das Überleben in der Fremde ermöglichen und die es ihr verbieten, in den USA, wo sie am MIT creative writing unterrichtet, Stellung zu beziehen. Was sie über die Politik des Gastlandes denkt, ist nur zwischen den Worten zu erahnen. Anita Desai: eine flüchtige Stunde nur auf diesem Festival der Literaturen – und ein unvergesslicher Eindruck. Heute um 19 Uhr ist Anita Desai im Filmkunsthaus Babylon noch einmal nach der Vorführung von Ismail Merchants Film „Uhr In Custody“ zu erleben, zu dem sie die Romanvorlage geschrieben hat.

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