Kultur : Kurzmeldungen

Die jüdischen Baumeister Berlins: Eine Tagung an der FU sucht Verbindungen zwischen Beruf und Berufung Flüchtige Gemeinschaft

Michael Zajonz

Als Luise Mendelsohn am Morgen des 31. März 1933 erwacht, wird ihr endgültig klar, dass sie Deutschland so schnell wie möglich verlassen muss. Vor dem Haus am Rupenhorn, das ihr Mann, der bekannte Architekt Erich Mendelsohn, vor wenigen Jahren gebaut hatte, skandiert eine Klasse von Grundschülern antisemitische Parolen. Ihr geliebtes Instrument hat die ausgebildete Cellistin bereits bei einer Freundin in der Schweiz deponiert. Den Mendelsohns gelingt es noch am selben Tag, aus Berlin zu flüchten. Ihr Exil führt das Paar über Amsterdam nach Großbritannien, Palästina und schließlich ab 1941 in die USA.

Im renommierten „Hatje-Lexikon der Architektur des 20. Jahrhunderts“ heißt es über das dort entstandene Werk des Architekten lapidar: „Mendelsohn erreichte nach seiner Emigration aus Deutschland die Originalität seiner frühen Arbeiten nicht mehr.“ Selbst dem, der diese stereotype Einschätzung nicht teilen mag, drängen sich Fragen auf: etwa nach den verlorenen soziokulturellen Milieus; oder nach dem baukünstlerischen Äquivalent einer – wie auch immer gearteten – jüdischen Identität. Anders gefragt: Lassen sich Religion, Weltanschauung und familiäre Tradition eines Architekten in seinem Werk erkennen? Oder reagiert Bauen vorrangig auf Pragmatisches?

„Architektur und Assimilation. Die jüdischen Baumeister Berlins“: Die so getitelte Tagung der Freien Universität Berlin suchte deutsch-jüdische Architektenbiografien des 19. und 20. Jahrhunderts mit kunstwissenschaftlichen Methoden zu systematisieren. Doch selbst die besonders oft in die Emigration gezwungene Generation der zwischen 1880 und 1890 Geborenen lässt sich auf keinen gemeinsamen Nenner bringen.

Damit war die von Harold Hammer-Schenk (Berlin), Sylvia Claus (Zürich) und Ulrich Maximilian Schumann (Karlsruhe) erdachte Fragestellung jedoch keineswegs gescheitert. Am Einzelbeispiel konnte anschaulich nachvollzogen werden, was die Geschichtswissenschaft für andere Berufsgruppen schon längst nachgewiesen hat. Steffi Jersch-Wenzel (Berlin) verwies darauf, dass preußische Juden infolge der Stein-Hardenbergschen Reformen nominell zwar den christlichen Bevölkerungsgruppen vergleichbare Berufschancen besaßen. Faktisch wirkten aber gerade in den für Akademiker wichtigen Bereichen von Verwaltung und Universität bis weit ins 19. Jahrhundert antijüdische Netzwerke der Verhinderung.

Oliver Sander (Koblenz) stellte Salomo Sachs vor, den ersten ordentlich vereidigten preußischen Baubeamten jüdischen Glaubens. Sachs brachte es bis 1809 zum Mitglied des Oberhofbauamts und zum Dozenten an der Bauakademie. Gegenüber König Friedrich Wilhelm III. klagte er: „Ich büße für meinen Glauben!“ War das nun Sachsens Dichtung oder antisemitisch motivierte Wahrheit? Denn er war streitlustig. Von devoter Dankbarkeit jedenfalls keine Spur.

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts in saturierte bürgerliche Verhältnisse hineingeborene Baumeister wie der von Wilhelm II. verehrte Alfred Messel oder Richard Wolffenstein sahen ihre Herausforderung im Privatbau. Die Bürogemeinschaft Cremer & Wolffenstein gehört zu den produktivsten Architekturfirmen der jungen Reichshauptstadt. Isabel Haupt (Zürich) bewertete gerade die Verbindung eines weltläufig urbanen Berliner Juden mit einem rheinischen Katholiken als Erfolgsmodell: Das Büro baute sowohl Kirchen als auch Synagogen.

Mehr oder weniger assimiliert erscheinen die meisten der vorgestellten Architekten, Baubeamten und Architekturkritiker – zuweilen auch überassimiliert. Der Publizist und Ministerialbeamte Walter Curt Behrendt propagierte zwischen 1907 und 1933 unermüdlich den „Sieg des neuen Baustils“ – so der Titel seines Buches zur Stuttgarter Weißenhof-Ausstellung 1927. Doch dieser, so betonte Kai Gutschow (Pittsburgh), sei für Behrendt noch in den Zwanzigerjahren nicht Folge zunehmender künstlerischer Internationalisierung, sondern Signum der überlegenen deutschen (Kultur-)Nation gewesen.

Die jüdischen Baumeister Berlins – der Sammelbegriff bleibt zwangsläufig ungenau. Sicher engagierten sich etliche von ihnen im liberalen „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“, jüngere auch in der zionistischen Bewegung. Und fraglos lassen sich private Netzwerke ausmachen. Regina Stephan (Darmstadt) verdeutlichte minutiös, wie stark sich Mendelsohns wohlhabende jüdische Klientel bis in seine Tätigkeit in Eretz Israel hinein aus dem Reservoir eines Salons rekrutierte. Doch auch katholische oder sozialistische Architekten pflegten ihre Kreise. Der Literaturwissenschaftler Gert Mattenklott (Berlin) brachte das Dilemma auf den Punkt: „Das Jüdische ist im 20. Jahrhundert nicht die Erfindung eines Stereotyps gewesen, sondern hat eine sehr präzise Geschichte geschrieben.“ Gemeinschaft als erzwungene Option: Viele Berliner Architekten jüdischer Herkunft teilten bereits im April 1933 die Erfahrung der Emigration.

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