Kultur : Kurzmeldungen

Frank Noack

CITY LIGHTS

Wir glauben sie alle zu kennen – jene Defa-Filme wie „Spur der Steine“ und „Das Kaninchen bin ich“, die 1965/66 verboten wurden und erst nach 1989 ihre Premiere erlebt haben. Die anfängliche Begeisterung hat sich schnell gelegt. Dem westlich sozialisierten Betrachter fällt es zunehmend schwer, die Gründe für das Verbot nachzuvollziehen. Mit ein paar Schnitten hätte man doch alles retten können. Was für eine Offenbarung ist dagegen Siegfried Kühns Das zweite Leben des Friedrich Wilhelm Georg Platow . Dieser Film wurde 1973 nicht direkt verboten, sondern unauffällig und ohne großes Presseecho gestartet. Das kam einem Verbot gleich. Kühns Film hat sein Schicksal verdient. Er ist unrettbar subversiv. Schon die ersten Bilder verstören: Autos im Stau, Benzinqualm, Chaos. Ein fauler alter Bahnbeamter schafft es nicht, die Schranke zu bedienen. Und das alles in einem Dorf, das Luege heißt. Kühn erzählt das Leben des 1913 geborenen Schrankenwärters Platow als Schelmenroman und ohne jegliches Klassenbewusstsein. Fritz Marquardt spielt ihn betont unfreundlich und von der Kamera weg. Als er vom Sieg über den Faschismus erfährt, steht Platow in Frauenkleidern auf der Bühne eines Gefangenenlagers in der Taiga. Die DDR wird durch schusselige Bürokraten repräsentiert, sogar Bananenknappheit kommt vor. Viele freche Filme kippen irgendwann um und enttäuschen ihr Publikum mit einem moralischen Schluss. Dieser nicht. Siegfried Kühn müsste viel bekannter sein. Er hat einen Sinn für skurrilen Humor, aber er liefert auch große Kino-Bilder (heute, Freitag und Sonntag im Filmkunst 66).

George Cukors Transgender-Komödie Sylvia Scarlett (1936) musste nicht verboten werden. Kritiker und Publikum fühlten sich dermaßen abgestoßen, dass das Werk von selbst für Jahrzehnte in der Versenkung verschwand. Als Tochter eines Kriminellen, die sich als Junge verkleidet, um nicht von der Polizei erkannt zu werden, betrat Katharine Hepburn eigentlich kein Neuland. Ihr und Cukors Vergehen bestand jedoch darin, die Maskerade nicht für komische Zwecke auszunutzen. Sylvia alias Sylvester sorgt bei ihren Mitmenschen für ernsthafte sexuelle Verwirrung. Der Film verwandelt sich zwischendurch in eine Tragödie, um dann wieder komisch zu werden. Das sorgt noch heute für Irritation (Mittwoch in der Urania).

1939 begann in den USA die Jagd auf vermeintliche Kommunisten innerhalb der Filmindustrie – ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt, um John Steinbecks Roman Früchte des Zorns zu verfilmen. Schließlich geht es da um eine arme Farmerfamilie in den Wirren der Depression, die am Ende gerade mal überlebt, ohne wirklich glücklich zu werden. Doch der Film wurde ein kommerzieller Erfolg und brachte dem Regisseur John Ford einen Oscar ein. In Ungnade fiel das antikapitalistische Drama ausgerechnet in der Sowjetunion: Dort wunderten sich die Zuschauer darüber, dass selbst die ärmsten Amerikaner ein Auto besitzen (heute und Freitag im Babylon Mitte).

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