Kultur : Kurzmeldungen

Früher, als Flötist im Zürcher Opernorchester, kam er sich vor wie ein Kellner, der die Bourgeoisie bedient. Jetzt seziert der Dirigent und Konzeptkünstler Christian von Borries die Resonanzräume Deutschlands – im Palast der Republik Soundtrack zum Untergang

Peter Laudenbach

Christian von Borries sieht etwas erschöpft und ziemlich glücklich aus. Seit zwei Jahren verfolgt der Dirigent zusammen mit Amelie Deuflhard, der Leiterin der Berliner Sophiensäle, eine abenteuerliche Idee: Er will den Palast der Republik mit künstlerischem Leben füllen. Jetzt kündigte er bei einer improvisierten Pressekonferenz in der gespenstischen Ruine des einstigen DDR- Prachtgebäudes an, dass er hier, an diesem bunker-ähnlichen Ort, ein nicht ganz unkompliziertes Musik-Projekt realisieren wird. Es ist das erste Mal, dass die Palast-Überbleibsel künstlerisch bespielt werden. Ob dem weitere Kunstprojekte am ungewöhnlichen Ort folgen werden, weiß derzeit niemand.

Was der Musiker, Jahrgang 1961, im entkernten Palast vorhat, ist ungewöhnlich genug. Am kommenden Montag und drei weiteren Tagen wird von Borries mit dem Brandenburgischen Staatsorchester aus Frankfurt an der Oder zwischen rohen Betonwänden und angedreckten Glasfassaden Musik Richard Wagners zur Aufführung bringen. So wurde Wagner vermutlich noch nie gespielt: als Collage mit unterschiedlichsten anderen Musiken, von Gustav Mahler bis zu Kompositionen aus dem zwanzigsten Jahrhundert, geloopt und verfremdet, montiert mit Musique concrète und Elektro-Beats. Wobei zum Beispiel die Loops Strukturen in Wagners Musik fortschreiben: „Es wiederholen sich Passagen endlos lang. Takte, die es bei Wagner dreimal gibt, kommen zehnmal. Das hat etwas trancehaftes“, erklärt von Borries. „Genau das wurde Wagner ja vorgeworfen von Leuten wie Hanns Eisler: Wenn man Wagner hört, wird man auf einen anderen Planeten geschossen – als wenn man Drogen nähme.“

Die Wagner-Gemeinde dürfte ihren Meister im Palast der Republik nur schwer wiedererkennen. Dafür wird aber vielleicht etwas anderes erkennbar. „Was ich mache, ist eine Bohrung in die historische Tiefenschicht des Ortes.“ Und das meint nicht nur die untergegangene DDR, die sich mit dem Palast einen sozialistischen Repräsentationsbau errichtet hat, sondern auch das Preußische Schloss, auf dessen Fundamenten der Palast steht. Seltsame Vorstellung: Ausgerechnet Musik als eine Art U-Boot in die Abgründe der Geschichte, durch den Collage-Fleischwolf gedrehte Großklassiker des 19. Jahrhunderts als Treibstoff für die Exkursion in den Zeittunnel. Klingt, als würde es kein Abend für Kulinariker werden. Dafür sorgen schon die Aufführungsbedingungen. Es gibt keine Sitzplätze, sondern abgesperrte Bereiche, die sich über mehrere Etagen erstrecken. Es gibt auch keine ideale Sicht auf das Orchester, dafür kann man durch die getönten Scheiben auf die Stadt schauen und während des Konzerts umhergehen, um die Musik unterschiedlich zu hören.

Für Musik als Mittel des unreflektierten Genusses hat von Borries ohnehin nichts übrig. Als er noch Flötist im Orchester der Oper Zürich war, kam er sich in seinem schwarzen Frack „immer vor wie ein Kellner oder ein Butler, der die Züricher Bourgeoisie bedient.“ Und noch heute beschleicht ihn bei seltenen Besuchen in der Philharmonie das Gefühl, in einem „Tresor der Kunst“ gelandet zu sein, abgedichtet gegen die Wirklichkeit.

Mit seiner Konzert-Reihe „Musikmissbrauch“ versucht von Borries seit Jahren, andere Formen der Klassikrezeption zu erproben. Zum Beispiel so: „Sie hören jetzt den Beginn der Pastorale – im Stil von Karajan.“ Es folgen die ersten Takte. Nächste Ankündigung: „Sie hören jetzt den Beginn der Pastorale – im Stil von Furtwängler.“ Und so weiter, bis alle Dirigenten von Abbado bis Scherchen abgehakt sind.

„Psychogeografie“ nennt von Borries, eher Konzeptkünstler als detailverliebter Dirigent, seine Projekte, an ungewöhnlichen Orten Musik aufzuführen. Nach einem Konzert in der riesigen Brandenburger Produktionshalle des Cargo-Lifters ist der „Wagnerkomplex“ im Palast die zweite Folge. Was von Borries hier vorhat, ist ein musiksalisches Palimpsest, eine Art Gewebe sich überlagernder und aneinander reibender Schichten von Musik, auch eine Art Gesamtkunstwerk, in dem Musik und Raum zueinander in ein Spannungsverhältnis geraten. Am liebsten wäre es ihm gewesen, seinen „Wagnerkomplex“ schon vor einem Jahr aufzuführen. Damals waren die Arbeiten an der Asbestsanierung noch in vollem Gang, und man hätte, „zusammen mit der Musik den Eigenklang des Gebäudes hören können.“

Überhaupt ist der Aufführungsort weit mehr als eine schicke Location: „Was ich mache, ist ein Soundtrack zu einem bestimmten Raum, der emotional extrem aufgeladen und codiert ist.“ Der Medienwissenschaftler Friedrich Kittler, der bei der Pressekonferenz den intellektuellen Sparring-Partner für von Borries gibt, sagt es so: „Die Palast-Ruine ist das Bayreuth des einundzwanzigsten Jahrhunderts.“ Wie mit der Palast-Demontage Geschichte neu definiert und ausgelöscht wird, setzt von Borries den Wagner-Kult einer analytischen Dekonstruktion aus: Wagner ist für ihn „die Repräsentationsmusik schlechthin. Adorno hat nicht umsonst gesagt, das ist eine Art von Schattenregierung, was da in Bayreuth stattfindet. Da fahren immer die Regierenden hin. Der Kaiser war bei der Uraufführung des ,Rings‘, Hitler ist hingefahren und jetzt war der Bundeskanzler auch da. Diese Art der Verknüpfung von Musik und Politik gibt es in keinem anderem Land so konzentriert auf einen Ort, wie das Bayreuth ist.“ Und das will gründlich und subversiv seziert werden.

Dafür, dass erst gar kein Verdacht aufkommt, hier handle es sich nur um einen hippen neuen Szenetreffpunkt, sorgt eine keine, fiese Zugangsbeschränkung: „Hörerinnen und Hörer, die Kleidung oder Schuhe von Nike tragen, sind vom Besuch der Veranstaltung ausgeschlossen. Just do it“, teilt die Einladung mit freundlichem Antikapitalismus mit.

Vorstellungen am 22., 23., 29. und 30. September. Karten: palast@sophiensaele.com oder Tel. 030/283 52 66.

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