Kultur : Kurzmeldungen

Das3.InternationaleLiteraturfestivalBerlin lockte diesmal 32000Besucheran.Die Finanzierungfür2004wackeltnoch Kaleidoskop der Schrift

Jörg Plath

Mitten in die denkbar schönste Stimmung auf dem internationalen Literaturfestival Berlin platzte die Nachricht, dass die Stiftung Deutsche Klassenlotterie den Antrag auf 430000 Euro für die Fortsetzung im nächsten Jahr abgelehnt hat. Der Festivalleiter Ulrich Schreiber erzählte es im Autorenzelt auf dem Hof der Sophiensäle, guckte bedrückt in die Runde und fing sich wieder. „Das Geld kommt eben von anderen Sponsoren.“ Im Festival ist eben vor dem Festival.

Nun endet es erst einmal, das 3. Internationale Literaturfestival, und wer sich die turbulenten Tage noch einmal zu vergegenwärtigen sucht, nimmt bald Abstand von der Magie des Wortes – und Zuflucht zu der der Zahlen. Denn seit der Eröffnung am 10. September im Berliner Ensemble sind so viele Gedichte, Erzählungen, Romanauszüge, Essays, Statements vorgetragen worden, waren mit den Nobelpreisträgern Günter Grass und Imre Kertész, mit Martin Walser, Jonathan Franzen, Hanif Kureishi, Lars Gustafsson, Leon de Winter und Alessandro Barrico so viele Stars und noch mehr hierzulande Unbekannte anwesend, dass diese Fülle nur noch quantitativ fassbar scheint: zehn Tage mit mehr als 320 Veranstaltungen an 60 Orten in der Stadt von 9 Uhr morgens bis Mitternacht, gut 130 Autoren aus aller Welt, deutlich über 32000 Besucher, ein Drittel davon Kinder und Jugendliche. Geiz mögen Kaufleute für geil halten. Das Literaturfestival verführt – ohne jede aristokratische Attitüde – durch Überfluss.

Zu Recht nannte sich die Mammutveranstaltung international. Der naheliegenden und kostensparenden Versuchung, Berliner Autoren einzuladen, war Ulrich Scheiber nicht erlegen. „Unseren Kofi Annan“ nannte ihn der nordamerikanische Essayist Eliot Weinberger prompt. Echten weltliterarischen Zuschnitt besaß hier jeder gewöhnliche Wochentag, zumindest was die Herkunftsländer der Autoren anging. Auch Vielleser, etliche davon aus dem Bundesgebiet angereist und oft jünger als das übliche Lesungspublikum, kamen ins Staunen. Allerdings schien die eine Stunde, in der Musik, Autorenvorstellung, Lesung in der Originalsprache, Lesung der Übersetzung und Gespräch aufeinander folgten, meist zu knapp bemessen.

Überfluss ist in diesen an knappe Kassen und Subventionskürzungen gewöhnten Zeiten ein seltenes Gut. Niemand, auch kein kritischer Beobachter der Eventkultur möchte daher auf das Festival verzichten. Das war bei der Premiere vor drei Jahren noch anders. Damals fragten sich viele, ob es in Berlin nicht schon genug Lesungen gebe. Ulrich Schreiber, ein ehemaliger Maurer und Gymnasiallehrer, der schon die Peter-Weiss-Gesellschaft gegründet hat und ihr vorsitzt, ließ sich nicht beirren. Das erste Festival organisierte er in seiner Privatwohnung und arbeitete nebenher als Bauleiter. Den bürgerlichen Beruf hat der freundliche Berserker inzwischen aufgegeben, und dem Improvisationsstadium ist das Festival längst entwachsen.

Damit wachsen jedoch die Ansprüche, denen es genügen muss. Zu Recht klagen viele Besucher über ein fehlendes Konzept. In Orientierungslosigkeit stürzt weniger das Rahmenprogramm – Literaturverfilmungen, Kurse zum kreativen Schreiben, Diskussionen sowie ein Symposium über die Welt nach dem Irak-Krieg – als vielmehr die Fülle der Lesungen. Die von einer internationalen, elfköpfigen Jury zusammengestellten „Literaturen der Welt“, das von der Festivalleitung verantwortete „Kaleidoskop“, die unter „Specials“ versammelten Gäste zahlreicher ausländischer Kulturinstitute, der Länderschwerpunkt (dieses Jahr Griechenland) und die Stipendiaten des Deutschen Akademischen Austauschdienstes – all das ist kaum zu unterscheiden. Wie jede Reihe durch eigene Veranstaltungsorte, eine besondere Präsentation und ein spezielles Programmheft Kontur erhält, macht die Berlinale erfolgreich vor. Das Literaturfestival könnte zudem unbekannte Autoren auf seiner Homepage mit Auszügen aus Rezensionen und aus den für die Lesungen bestellten Übersetzungen vorstellen.

Dass solche Änderungen Geld kosten, dürfte kein Argument sein. Unter pekuniären Gesichtspunkten hätte das Festival niemals stattfinden können. Das gewaltige Programm wurde mit einem Minietat von 450000 Euro gestemmt; 375000 stammen allein von der Bundeskulturstiftung. Zum Glück ist Ulrich Schreiber ein Freundschaftskünstler: Er erwärmt die Herzen der hektischsten Manager, bis sie Papier, Kopiergeräte, Alkoholika, sogar Autos stiften. Auf einer ganzen Seite präsentiert das Programm „Hauptpartner“, „Förderer“, „Unterstützer“, „Medienpartner“ und „Partner“.

Darunter könnten auch die Namen vieler Künstler stehen, dazu die von Moderatoren, Übersetzern, Musikern und Schauspielern wie Susanne Lothar, Vadim Glowna oder Christian Brückner. In der Regel arbeiten sie nämlich zu einem Freundschaftspreis oder gleich kostenlos. Da wirkt es schon fast selbstverständlich, dass mehr als 100 junge Menschen unbezahlt den Löwenanteil der Arbeit erledigen. Ulrich Schreiber hat das amerikanische Praktikantenmodell importiert. Das Literaturfestival ist ein Hochkulturereignis mt den Mitteln der Off-Kultur.

Das Modell ist gefährlich: Es liefert Gegnern städtischer Kulturförderung Argumente frei Haus. Festivalleiter Ulrich Schreiber weiß, dass es so nicht weiter geht. Fünf feste, schlecht bezahlte Mitarbeiter gehören inzwischen zum Team, kurz vor dem Festival kamen weitere 15 hinzu. Um die personelle Kontinuität zu sichern und die gewachsenen Kontakte nutzen zu können, sei endlich mehr Geld vonnöten.

Wer freilich angesichts der jüngsten Absage auf eine grundlegende Besserung der Situation hofft, muss ein heilloser Optimist sein. Oder Ulrich Schreiber heißen. Klein beigeben und das Programm verkleinern, kommt für ihn nicht in Frage. Das Festival sei jetzt jenen in Toronto, London, Mantua, Amsterdam oder Medellin vergleichbar, es brauche eine gewisse Größe. Schreiber will stattdessen exportieren: In Wien sind die Verträge für eine Festivalwiederholung unterschriftsreif, in China und Südkorea besteht großes Interesse. Die Expansion nach Guggenheim-Art soll ein Festival sichern, dessen Existenz noch immer prekär ist – ungeachtet seiner Qualität und seines Erfolgs.

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