Kultur : Kurzmeldungen

Endlich hat der Berliner Senat das Gesetz für eine Opernstiftung beschlossen. Am 1. 1. 2004 ist es soweit. Aber wer wird Generaldirektor? Fünf Töchter

Frederik Hanssen

Der Herr Generaldirektor darf seine Schuhe ruhig anbehalten. Wenn der Chef der Berliner Opernstiftung, die nun tatsächlich zum 1. Januar 2004 ihre Arbeit aufnehmen kann, mit seinem Stiftungsvorstand zusammensitzt, und sich die Herren Intendanten in den Haaren liegen, dann muss er nicht den Chruschtschow machen und wie dieser am 14. Oktober 1960 in der UN-Vollversammlung mit dem Schuh auf den Tisch hauen. Statt dessen kann er lächelnd auf Paragraf sechs des Opernstiftungsgesetzes verweisen: „Kommt ein Beschluss des Stiftungsvorstandes über eine vom Generaldirektor eingebrachte Beschlussfassung nicht zu Stande, so gilt diese gleichwohl als beschlossen, wenn der Generaldirektor dies erklärt.“

Die Gesetzesvorlage zur „Stiftung Oper in Berlin“, die der Senat in seiner gestrigen Sitzung gebilligt hat, soll nämlich nicht nur langfristig den Bestand der hauptstädtischen Musiktheater sichern, sondern auch gewährleisten, dass die Kooperation der drei Häuser endlich funktioniert. Darum wurde ein „doppelstöckiges Modell“ erarbeitet, das die Opern als künstlerisch eigenständige Tochtergesellschaften unter dem Dach einer Holding vereint, die „wesentliche Controlling- und Steuerungsfunktionen“ übernimmt. Oder, weniger juristisch formuliert: Der neue Generaldirektor wacht darüber, dass sich die Staatsoper, die Deutsche Oper und die Komische Oper an den Stiftungszweck halten. Und der besteht darin, so kostengünstig und so qualitätsvoll wie möglich „Opern-, Operetten- und Ballettaufführungen in der Tradition des Ensemble- und Repertoirebetriebs“ anzubieten. Im Stiftungsrat werden die Wirtschaftspläne erstellt und Tarifverträge gebilligt. Zudem soll eine gemeinsame Öffentlichkeitsarbeit der bislang erbittert konkurrierenden Bühnen etabliert werden.

Was diverse Kultursenatoren versucht haben, ist nun dank des Berliner Haushaltsnotstandes endlich vom aktuellen Amtsinhaber Thomas Flierl durchgesetzt worden. Dass neben den Intendanten zwar die Geschäftsführenden Direktoren (also die Verwaltungsleiter) der Häuser Sitz und Stimme im Stiftungsvorstand haben werden, nicht aber die Musikchefs, wird die ebenso kommunikations- wie konfliktfreudigen Maestri Daniel Barenboim (Staatsoper) und Christian Thielemann (Deutsche Oper) nicht gerade erfreuen.

Doch die rechtliche Konstruktion ist vor allem eine Anti-Blockade-Strategie. Um eine „Lähmung der Stiftung und Alleingänge der Häuser“ verhindern zu können, hat der Senat den Generaldirektor mit einer beeindruckenden Kompetenzfülle ausgestattet.

Als Trostpflaster für ihren Machtverlust bekommen die Intendanten und Generalmusikdirektoren künftig Fünf-Jahres-Verträge über ihre Subventionen. Das bringt jene Planungssicherheit, die bei der Oper so wichtig ist. Durch das Stiftungsgesetz soll es zudem leichter werden, Spenden von Dritten einzuwerben: Sowohl Sponsorengelder großer Unternehmen als auch Erbschaften begüterter Opernfans. Eine Fusion zweier Opern ist nur durch ein neues Gesetz möglich. Alle Altschulden werden den Häusern beim Übertritt in die neue Rechtsform erlassen. Und was die dringend nötige Renovierung der Staatsoper betrifft, so ist ein weiteres Engagement des Bundes durch die Stiftungsgründung „nicht ausgeschlossen“.

Insgesamt fünf Tochtergesellschaften treten unter das Dach der Stiftung: Neben den drei Opern eine Bühnenservice- und eine Ballett-GmbH. Zur Bühnenservice-GmbH werden alle Werkstätten zusammengeschlossen (einschließlich die des Deutschen Theaters und des Maxim Gorki Theaters), mit dem Ziel, dass sich die Intendanten ganz genau überlegen müssen, welche Arbeitsleistung sie wirklich in Anspruch nehmen wollen. Zum anderen erhofft man sich, dass sich durch Privataufträge eine partielle Eigenfinanzierung der Werkstätten erreichen lässt. Die vereinten Balletttruppen werden dagegen zunächst dem Generaldirektor direkt unterstellt – bis klar ist, wie sich die nach der Auflösung des Balletts der Komischen Oper verbliebenen Tänzer neu formieren.

Organisatorisch teilt sich der Stiftungsvorstand die Arbeit mit dem Stiftungsrat, einem Gremium, das immer dann befragt wird, „wenn Interessen des Landes berührt sind“. Wenn der Generaldirektor also von seinem Recht Gebrauch macht, einen kontrovers diskutierten Vorschlag als beschlossen zu deklarieren, kann der Stiftungsrat angerufen werden. In dem sitzen der Kultur- und der Finanzsenator sowie fünf weitere Mitglieder, die vom Senat benannt werden. Da dürfte es für die einzelnen Häuser schwer werden, Partikularinteressen durchzuboxen.

Für die Angestellten der drei Opernhäuser ändert sich zunächst einmal nichts. Ihre Beschäftigungsverhältnisse gehen nahtlos auf die Stiftung über. Allerdings wird ausdrücklich darauf verwiesen, dass „bestehende Dienstvereinbarungen“ (wie Sondervergütungen) maximal noch zwei Jahre weiterbestehen dürfen. Denn natürlich soll mit der Stiftung auch gespart werden. Dank großzügiger Bundeshilfe nur 16,8 Millionen Euro bis 2009 (statt der vom Finanzsenator geforderten 33,2 Millionen Euro), so dass die Zuschüsse für die Opernstiftung von derzeit 113,6 Millionen Euro in den kommenden sechs Jahren auf 96,8 Millionen Euro sinken. 152,5 Stellen (was 9,6 Millionen Euro entspricht) können sie abbauen, sagen die Opern. Für einen Abfindungsfonds stehen 2004 und 2005 jeweils gut sechs Millionen Euro zur Verfügung, ebenfalls vom Bund gestiftet. Doch selbst wenn es gelingt, die betreffenden Mitarbeiter zum Gehen zu bewegen, bleibt immer noch ein Defizit von 7,2 Millionen Euro übrig. Wie sich diese Gelder aus den Etats herausquetschen lassen, ist noch genauso ungeklärt wie die Frage, wer denn nun Generaldirektor der Stiftung werden soll. Namen werden bislang keine gehandelt. Zunächst gelte es, ein verlässliches „Jobprofil“ zu erstellen. Viel Zeit bleibt Berlin dafür allerdings nicht.

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