Kultur : Kurzmeldungen

Heute sind Wahlen in Tschetschenien. Die Kriegsregion wird auch bei der Frankfurter Buchmesse mit dem Schwerpunkt Russland ein Tabuthema sein. Die Menschenrechtlerin Lipchan Basajewa wirft Europa Feigheit vor. Explosionen jenseits des Horizonts

Caroline Fetscher

Im Mai 2002 schreibt der Lyriker Apti Bisultanov „Das erste Gedicht nach dem Verlassen Tschetscheniens“. So betitelt er die eine, knappe Strophe. Wie fast alle Intellektuellen seines Landes ist er ins Ausland gegangen: „Mit beiden Händen das Herz fassen / Diesen alten Igel / Und alle Wunden mit einer Schusterahle / Fest vernähen wie einen alten Stiefel / Und reisen in alle Himmelsrichtungen“. Bisultanovs Gedichte, übersetzt von Ekkehard Maass, sind metaphernschwere Versuche, aus Trauer und Verlust, Brandschatzung, Elend und Ruinen noch Reste an Sinn zu ziehen. Zynisch flüstert eine Stimme dem Dichter zu: „Lad zu Tisch den Mörder deines Vaters, sagt sie / Nähr dich an den Brüsten seiner Mutter, sagt sie.“

Gemeint ist die Stimme Russlands, dessen Armee und Söldner die "abtrünnige Kaukasusprovinz" mit Verschleppungen, Folter und staatlich sanktioniertem Terror zur Raison bringen sollen. Das Gegenteil geschieht. Ethnisierung und islamischer Radikalismus dringen in das zerfurchte Gelände ein. In Russland, „Schwerpunktland" der diesjährigen Frankfurter Buchmesse, wird man keine Tschetschenen finden. Tschetschenien ist dort tabu. Keiner will Putins Riesenstaat düpieren. Doch Russland hat Probleme. Die Transformation zu Demokratie und Kapitalismus hat derzeit 900 000 Alkoholtote pro Jahr zur Folge. Seit einiger Zeit liegt die Sterberate um siebzig Prozent höher als die Geburtenrate. Arbeitslosigkeit wird auf 25 Prozent geschätzt. Freie Medien existieren mehr auf dem Papier, als in der Wirklichkeit.

Wo aber Probleme wachsen, da suchen amoralische Eliten nach Sündenböcken. Für Russland, so analysiert Michael Ryklin vom Institut für Philosophie an der Moskauer Akademie der Wissenschaften, haben diese Rolle inzwischen die Tschetschenen übernommen. Heute gibt es den Witz: „Die Juden können wieder ruhig schlafen. Wir haben ja die Tschetschenen.“ Stereotypien über Tschetschenen als Terroristen, rückständige Bergbewohner und Rebellen durchziehen seit Beginn der Neunziger die russische Trivialkultur. Ryklins Essay „Das Bild der Tschetschenen in der russischen Kultur“ erschien in der sorgfältig edierten Suhrkamp-Anthologie „Der Krieg im Schatten“ (hrg. von Florian Hassel). In Literatur wie Film und Fernsehen ortet Ryklin Propaganda-Klischees einer konstruierten, uralten Erzfeindschaft zwischen Russen und Tschetschenen. „Die jungen, kräftigen Männer befassen sich mit Raub und Diebstahl, die Frauen gebären ihnen im Akkord Banditennachwuchs“, zitiert er einen populären Autor, und erläutert das Dilemma dieser Sichtweise. „Einerseits will man Tschetschenien um jeden Preis im russischen Staatsverband halten, da man überzeugt ist, dass eine Abspaltung eine Kettenreaktion auslösen würde (...). Daraus folgt, dass die Tschetschenen privilegierte Bürger sind, die man mit allen Mitteln davon zu überzeugen sucht, Russland treu zu bleiben.“ Doch: „Andererseits werden die Tschetschenen als Feinde seit Urzeiten dargestellt, ihnen werden die für alle Bürger geltenden, verfassungsmäßigen Rechte entzogen.“

Wenig verwunderlich ist es, dass – im ohnmächtigen Impuls wider die Propaganda – die Verse des Dichters Apti Bisultanovs viele Charakteristika eines klagenden, folkloristischen Habitus aufweisen. Der 1959 geborene Autor ist nicht nur „Stimme seines Volkes“, er ist auch ein Symptom von dessen Verzweiflung und Stagnation. Die Gesellschaft, die er besingt, existiert kaum noch. Eine Million Tschetschenen gab es, als 1999 der zweite Tschetschenienkrieg angezettelt wurde. Grosny ist inzwischen eine Ruinenwüste, „die vielleicht zerstörteste Landschaft weltweit“, sagt Thomas de Waal vom Londoner „Institute for War and Peace Reporting“. 50000 bis 100000 Zivilisten starben an den Folgen des Krieges. Bis heute, da der Krieg offiziell für beendet erklärt ist, „verschwinden“ Jugendliche wie Erwachsene, verschleppt von russischen Rollkommandos. Hunderttausende Tschetschenen leben im Exil.

„Es ist für uns schmerzhaft, zu erleben, wie Wladimir Putin in Washington oder Berlin mit allen Ehren empfangen wird, wie man seinen Lügen glaubt“, erklärt die Menschenrechtlerin Lipchan Basajewa. „Der Westen nimmt uns nicht wahr, dabei ist es bei uns schlimmer, als es im Kosovo je war.“ Tschetschenen passen in keine politische Agenda. Vor wenigen Tagen besuchte die 55-jährige Basajewa Berlin, um Bewusstsein für den „Vergessenen Krieg“ zu wecken. Jede Reise, jede Veröffentlichung, ist für die studierte Philologin, die an der Universität Grosny 23 Jahre lang Russisch unterrichtete, ein Risiko: „Dass ich überhaupt noch Visa erhalte, wundert mich.“ Trotzdem erzählt sie gern die wahre Geschichte des russischen Soldaten Sergej, der eine Familie in einem Bergdorf rettete – gegen den Befehl seiner Armee. Den Exilort ihrer beiden jungen Söhne hält sie geheim.

In Berlin besuchte Basajewa das Paul-Gerhard-Stift, das zur Zeit achtzig tschetschenische Flüchtlinge beherbergt. Umringt von Frauen, die ihre Angehörigen verloren, die Brüder, Söhne, Väter, Neffen suchen, erklärt die Aktivistin, was sie bewirken kann: wenig. Basajewa spricht über die zunehmende Macht islamistischer Gruppen, die aus Pakistan oder Saudi-Arabien Direktiven erhalten und Radikalität verbreiten, wie sie im Tschetschenien des traditionell gemäßigten Islam keineswegs üblich waren. Erst Jelzins und nun Putins Terror hat die Geister einbestellt, die er beschwor, und wer als Tschetschene Verhandlungen, Gespräche, Menschenrechte verteidigt, läuft nun auch Gefahr, aus den eigenen Reihen attackiert zu werden. Am heutigen Sonntag sind Wahlen in Tschetschenien, Russlands „Strohmann“ Kabyrow wird diese „durch und durch gefälschten Wahlen“, wie Basajewa sagt, wahrscheinlich gewinnen, und damit Putin erlauben „weiter seine demokratische Maske zu tragen“.

Eine Buchmesse ohne Tschetschenen, also. Auch Anna Politkovskaja, Journalistin und Russlands prominenteste Kritikerin der Tschetschenien-Politik (Die Wahrheit über den Krieg, Köln, DuMont Verlag, 2003), wird nicht auf der Frankfurter Messe sein, wenngleich sie von der Heinrich-Böll-Stiftung für ein Podium vorgesehen war. Seit es bei der Finanzierung ihrer Reise Verzögerungen und Missverständnisse gab, fühlt sich die mehrmals inhaftierte Politkovskaja verfolgt. Sie, die Europa „Feigheit“ angesichts dieser „Enklave der Gesetzlosigkeit“ vorwirft, hat, so vermuten manche mit Bedauern, das Tschetschenien-Syndrom: Zorn gemischt mit Argwohn. Und mit Resignation.

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