Kultur : Kurzmeldungen

Deutschlands Intendanten haben im Berliner Schiller Theater geklagt: „Theaterland wird abgebrannt“. Als Gast verlas Moritz Rinke einen etwas anderen Appell: Mensch, Margarete!

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Als Autor sitze ich den ganzen Tag da und versuche Zeitgenosse zu sein. Jeder Autor aber kennt die Worte: „Geh doch mal bitte zur Wäscherei, und dann kannst du auch noch gleich vorbei beim Schuster und bring’ Schollen aus der Fischhalle mit, du hast ja den ganzen Tag Zeit. Mehl fehlt auch!“

Ich habe das schon tausendmal gehört. Jedesmal sage ich: „Du, meine Arbeit ist auch wichtig, ich bin so eine Art Frühwarnsystem in unserer Gesellschaft, wie Günther Rühle einmal sagte, ich fange sofort an, wenn du da aus der Tür gehst, und ich höre auf, wenn die Sonne hinter den Häusern steht.“

„Ehrlich gesagt“ – sagt dann immer sie – „ich habe heute 17 Termine, ich weiß nicht, wie ich noch die Fischhalle dazwischen kriegen soll. Wenn bei dem, was du machst, am Ende wenigstens einmal irgendwas, entschuldige: Greifbares erkennbar wäre!“

„Was meinst du damit, irgendwas Greifbares? Meinst du etwa Wachstum?!“

„Mensch, nun fang’ nicht damit wieder an: Irgendwas halt, was sich mal auszahlt, es zahlt sich aber irgendwie nichts aus, wenn die Sonne hinter den Häusern steht. Du hast eine künstlerische Krise, und das war’s. Wir haben nicht mal Mehl!“

„Pass mal auf, ich arbeite gerade an einer Figur mit traumatischen Kindheitserfahrungen, eine Frau aus der Kommune 1 verliebt sich aus Versehen in einen, der mal Nazi war, die kriegen ein Kind, im zweiten Akt ist das Kind ein gestörter Mann, wenn das nicht wieder bei der Uraufführung postdramatisch zerstückelt wird, kann das ’ne Menge über die Gesellschaft begreifbar machen!“

„Ich weiß, und danach fällt in China eine Leiter um, und die Fischhalle ist auch zu.“

„Wie du redest! Da! Da ist er wieder! Der unbeflügelte, unpathetische, schillerlose Geist! Margarete, so wie du ausgerechnet hier in unserer eigenen Keimzelle denkst, so kommt das morgen als Bumerang von den Stadtkämmerern zurück, so funktioniert Kulturabbbau!“ Ich schreie: „KULTURABBAU! In den eigenen vier Wänden werd’ ich hier abgebrannt!“

„Du, ich wollte eigentlich nur mit dir eine Scholle essen.“

„Nee, du würdest einen gesellschaftlichen Auftrag übernehmen, wenn du mal in die Fischhalle gehst!, warum immer wir?!“ – an dieser Stelle wechsele ich immer zum Wir – „Was fällt dir ein, uns mit einer Leiter in China zu vergleichen, was kommt denn bei euren 17 Terminen raus, außer dass die Termine stattgefunden haben? Wenn ich in eine Krise gerate, falle ich in ein kreatives Loch. Du legst da einfach Termine rein, aber ich fülle es mit der Infragestellung meiner Frühwarnsysteme! Wenn ich Mehl kaufen gehe, schiebe ich das Loch nur vor mir her!“

„Mein Gott, seid ihr Künstler humorlos, wenn man euch mal in Frage stellt!“

„Ich und humorlos?!? Die Kunst und der Humor, die können vielleicht erst Jahre später ihre Wirkung erzielen, guck dir Goethe an, den hat keiner in die Fischhalle geschickt! Der hat seine Löcher subventioniert gekriegt! Und es hat sich für die Gesellschaft gelohnt am Ende. Wenn du jetzt sagst, es war ein Fehler, Goethe zu subventionieren oder Lessing, dann weiß ich auch nicht mehr, dann scheuer ich dir eine, dann lass uns einfach das Gute, Wahre, Schöne abschaffen mit dem Rasenmäher, wie Hans Eichel sagt, dann ist das wenigstens eine Entscheidung, dann ist Schluss mit der Erziehung des Menschengeschlechts, Ende der Sinnstiftung, Aufwiedersehen, da brauchen wir hier übrigens auch nicht mehr im sanierten Altbau herumsitzen! – Mensch, Margarete, das bisschen, was wir an Subvention brauchen, das ist der Schlenker der Gesellschaft zur Fischhalle, um uns ’ne Scholle mitzubringen, das ist ja wohl nicht zu viel verlangt, wenn da am Ende vielleicht der ,Faust’ bei rauskommt oder ,Nathan der Weise’! Das, was man subventioniert, muss nicht immer pünktlich kommen, guck dir die Bahn an, die wird auch subventioniert, man denkt immer: Na, kommt sie wohl noch?, aber meistens kommt sie doch irgendwann.

Wir Theaterleute, Margarete, wir sind ein bisschen wie die Deutsche Bahn, na und? Wir berufen uns auf eine große Tradition, gewissermaßen auf die Klassik, wir beharren stur auf unseren Prinzipien, sind nicht immer effektiv, öfters auch mal künstlerisch bedingt unfreundlich, und hin und wieder fahren und debattieren wir am Publikum vorbei, aber auf jeden Fall kostet das was, das muss etwas kosten, weil ohne uns kommt die Gesellschaft in einigen Jahren vielleicht nirgendwo mehr an, und wenn sie irgendwo ankommt, dann besser zu spät, als gar nicht und ohne totale Luftverschmutzung. Und jetzt sag´ ich dir mal was: Weißt du überhaupt, wofür alles Geld ausgegeben wird, und keine Sau fragt, wo da irgendwas Greifbares liegt?

Margarete, geh zum Bund der Steuerzahler, da tauchen wir nämlich merkwürdigerweise gar nicht auf, nicht mal Bob Wilson oder die Operngagen oder die Lampenfieberentschädigungen bei Orchestern, da werden abstruse Ampelanlagen quer durchs Land gebaut, Raketenabwehrsysteme für 157 Millionen, die wir gar nicht benutzen! Unsere Jungregisseure zerstören wenigstens noch inszenatorisch ihre teuren Bühnenbilder, das macht Sinn, aber die Gartenerde fürs Kanzleramt wurde für Millionen ausgetauscht, weil sie kein Wasser durchließ, was ist denn da los bei der Ausstattung? In SchleswigHolstein hat die Regierung für die gesamte Polizei Uniformen in ,Moosgrün’ bestellt, die Polizei will aber bei ihrem traditionellen ,Olivgrün’ bleiben, Scheiße, und jetzt hat das Bundesinnenministerium die gesamten Uniformen in ,Moosgrün’ im Rahmen der ,Polizeilichen Aufbauplanung für Afghanistan’ von Schleswig-Holstein nach Kabul geschickt, und da regt ihr euch auf, wenn Zadek sich seinen Anzug vom BE schneidern lässt? Erzähl du mir noch was von Leitern in China, morgen geh ich zur Fischhalle, heute du, lass uns endlich die ,Einheit der Vernunft’ begründen, wie es Hans Eichel oder Günther Rühle sagte, wenn du mir heute den SCHLENKER DER GESELLSCHAFT schenkst, schenk ich dir morgen einen Denkanstoß, wenn’s gut läuft, heute, bevor die Sonne hinter die Häuser sinkt.“

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