Kultur : Kurzmeldungen

An seinem neuen Film arbeitete Quentin Tarantino so versessen, dass zwei daraus wurden. Sechs Jahre nach seinem letzten Streich kommt jetzt „Kill Bill Volume 1“ ins Kino. Gewalt ist eigentlich kein Thema, findet der Kultregisseur. Im Jahr des Schwerts

Christina Tilmann

Er ist doch irgendwie ein Gentleman. Gleich die erste Frage aus der Journalistenrunde hatte ihm nicht gefallen, die Frage nach der Gewalt in seinen Filmen. Ob er nicht das Gefühl habe, Jugendlichen damit ein schlechtes Vorbild zu geben? „Das ist doch Blödsinn“, bellt er zurück – mit einer unglaublich tiefen, heiseren, fast tonlosen Stimme. Spricht er immer so? Ist er erkältet? Bekifft? Verkatert? Auf jeden Fall ist er bei der „Kill Bill“-Präsentation in Berlin schlecht gelaunt. Man wird doch noch mal fragen dürfen, rechtfertigt sich die Radio-Journalistin. Bei einem Film, in dem Menschen so mir nichts dir nichts mal ein Arm abgehackt wird, oder der Kopf, und das Blut an die Decke spritzt. Geht das nicht zu weit? „Niemand in Amerika hat mich das gefragt“, beschwert er sich. „Wenn die Kids in der Highschool anfangen, sich mit Samurai-Schwertern zu töten, können wir noch einmal darüber sprechen.“ Ende des Themas. Oder doch nicht? Ein paar Minuten später kommt Tarantino noch einmal darauf zurück: „Ich wollte Ihnen nicht den Kopf abreißen. Das ist härter herausgekommen, als ich es meinte. Nehmen Sie mir es bitte nicht übel“, bittet er die überraschte Journalistin. Am Ende ist sie die Einzige, von der er sich mit Handschlag verabschiedet.

Seinem Ruf macht er alle Ehre. Tarantino, der Hardcore-Regisseur in schwarzer Lederjacke. Der finstere Vordenker. Der mit seinem Debütfilm „Reservoir Dogs“ (1991), dem Drehbuch zu „Natural Born Killers“ (1993) und seinem Meisterwerk „Pulp Fiction“ (1994) eine neue Gewaltdebatte in Amerika ausgelöst hat. Kein Wunder, dass er allergisch reagiert: Gewalt ist der erste Gemeinplatz, der einem zu Tarantino einfällt. Das nächste Klischee folgt sogleich: Tarantino, der Filmfreak. Der in zwanzig Minuten Interview-Zeit mehr Filme erwähnen kann, als der Durchschnitts-Kinobesucher im Leben gesehen hat. Der mit gleicher Leichtigkeit über den italienischen Giallo, den japanischen Samurai-Film und deutsche Edgar-Wallace-Verfilmungen doziert – und im Anschluss ein leidenschaftliches Plädoyer für „Terminator 3“ und James Camerons „Titanic“ hält: Die Stunts seien wunderbar gelungen, und davon sei er mehr beeindruckt als von vielen digitalen Tricks. Tarantinos Lieblingskino derzeit ist allerdings eindeutig das asiatische: die wilden, gewalttätigen japanischen Filme eines Takashi Miike, Kiyoshi Kurosawa oder Takashi Ishii und die koreanischen Filme der letzten Jahre: „Korea hat den Platz von Hongkong eingenommen, was aufregendes, innovatives Kino angeht.“

Auch sein neuer Film, „Kill Bill“, der erste nach über sechs Jahren, ist ein cineastischer Rundumschlag, eine leidenschaftliche Hommage an Sergio Leone und Akira Kurosawa, an Italo-Western, Kung-Fu, Yakuza und Martial Arts, Manga und, nicht zuletzt, den Krankenhausfilm. Eine Killerin, genannt „Die Braut“, rächt sich an ihren früheren Kolleginnen, und der Film blättert kapitelweise durch die Genres. Beginnt in Pasadena, in einem heruntergekommenen Suburb, und wechselt dann nach China und Japan. „Kill Bill Teil 2“ wird seinen Showdown in Mexiko erleben. Und so wie „Pulp Fiction“ dem damals nicht so gut disponierten John Travolta, wie „Jackie Brown“ der ehemaligen Blaxploitation-Queen Pam Grier zu einem grandiosen Comeback verhalf, gräbt auch „Kill Bill“ einige Kinolegenden aus: die Fernsehikone der Siebzigerjahre David Carradine als Bill, Michael Parks als Sheriff und den japanischen Schwertmeister Sonny Chiba, der in „Kill Bill“ eine Gastrolle spielt und das Schwert für die Braut schmiedet.

Doch wer soll das alles kennen oder erkennen? Die gesunde Arroganz des Masterminds ist Tarantino durchaus eigen. Nicht umsonst wird er als universelles Film-Genie gefeiert. Dass das Publikum die Regeln der Genres, die er bedient, in den meisten Fällen nicht kennt, stört ihn kaum. Hauptsache, einige Spezialisten erkennen’s. Nächste Frage aus der Runde: Warum er seinen Film in zwei Teile unterteilt hat – Kill Bill Teil zwei läuft erst im Februar in den Kinos an. Tarantino beginnt mit einer lebhaften Schilderung, wie er mit einem 220-Seiten-Skript bei seinem Produzenten Harvey Weinstein auftauchte, wie er allein für die jetzt schon legendäre 20-Minuten-Kampfszene im „Haus der Blauen Blätter“ ein Jahr lang gearbeitet hat, wie auf dem Set bald Witze kursierten, dass er eigentlich zwei Filme parallel drehe, weil keiner sich vorstellen konnte, dass aus dem ganzen Material am Ende ein 90-Minuten-Film werden solle, und wie dann Harvey Weinstein mit der erlösenden Idee kam: „Mach doch zwei Teile daraus.“ Und übrigens: Filme in zwei Teilen seien doch eine gute deutsche Tradition, Fritz Lang habe das mit Dr. Mabuse und den Nibelungen vorgeführt. Eigentlich aber steckt etwas anderes dahinter: „Ich hatte das Gefühl, dass der Zuschauer nach ,Kill Bill 1’ eine Pause braucht. Ich bin ein Movie-Junkie, ich kann den Film von Anfang bis Ende sehen. Aber ein durchschnittlicher Zuschauer bekäme wahrscheinlich eine Überdosis.“ Wie gesagt: Professionelle Arroganz ist ihm durchaus eigen.

Am Ende kommt er auf seinen Star zu sprechen: Uma Thurman. Über ein Jahr hat er auf sie gewartet, bis die damals Schwangere wieder einsatzfähig war. „Kill Bill“ ist eine einzige Verbeugung vor Uma Thurman: Sie hat die Figur der „Braut“ erfunden und erhält dafür im Vorspann den Credit. Und sie ist so schön inszeniert wie noch nie: Uma Thurman im gelben Motorrad-Dress, wie sie durch die glitzernden Straßen Tokios rast. Uma Thurman, wie sie allein inmitten der Samurai-Gesellschaft landet. Uma Thurman im Schnee des japanischen Gartens – diese Szenen wird man nicht vergessen. Doch ohne die Motorrad-Kluft sieht man sie nie. Ob es ihn, der früher einmal in einem Sex-Kino arbeitete, nicht gereizt hätte, einmal einen Sex-Film zu drehen, wird der Regisseur gefragt. Tarantino lacht: Bislang seien seine Filme recht prüde gewesen. „Ich möchte Uma Thurman nicht überreden müssen, den Reißverschluss zu öffnen und den Overall auszuziehen.“ Natürlich, das Genre schätzt er sehr. Aber mit anderem Personal.

Bei Uma Thurman war es andersherum. Sie war ein Star, bevor Tarantino sie entdeckte. Er aber hat sie zur Schauspielerin gemacht. Für die Rolle der Mia Wallace in „Pulp Fiction“ war sie für den Oscar nominiert. Für „Kill Bill“ hat Tarantino extra ein Video-Programm für seine Schauspielerin zusammengestellt, um sie mit den Genres vertraut zu machen: John Woos „Killer“, Pam Griers „Coffy“, Sergio Leones Filme und „Lady Snowblood“, ein japanischer Samurai-Film. Uma Thurman hat Japanisch gelernt, und Fechten. „Seine Marlene“ hat Tarantino sie einmal genannt und hinzugefügt: „Glauben Sie, Joseph von Sternberg hätte, wenn er die Gelegenheit gehabt hätte, mit Marlene Dietrich zu drehen, eine andere Schauspielerin genommen, nur weil die Dietrich gerade nicht konnte? Die Filmgeschichte hat es ihm gedankt.“

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