Kultur : Kurzmeldungen

Frank Noack

CITY LIGHTS

Wir erleben derzeit einen Russen-Boom. Neue Literatur aus Russland stand im Zentrum der Buchmesse, demnächst soll Wladimir Kaminers Bestseller „Russendisko“ verfilmt werden, und verschiedene Berliner Programmkinos präsentieren russische Filme. Eine ganze Woche lang sind im Russischen Haus in der Friedrichstraße Produktionen der „Mosfilm“ zu sehen, die vor 80 Jahren gegründet worden ist. Die Firma besaß ein eigenes Logo, das sich hinter den Markenzeichen der kapitalistischen Konkurrenz nicht zu verstecken brauchte: Das 24 Meter hohe Denkmal „Arbeiter und Kolchosbäuerin“ eröffnete seit 1947 jeden Vorspann einer Mosfilm-Produktion.

Neben Klassikern wie Die Kraniche ziehen (1957), dem Oscar-Gewinner Krieg und Frieden (1967) und Solaris (1972) präsentiert die Reihe zwei Deutschlandpremieren. Zur Eröffnung am Sonnabend läuft Stanislav Goworuchins Gott segne die Frau , die Geschichte eines jungen Mädchens, das sich in einen älteren Armeeangehörigen verliebt und lernen muss, den strapaziösen Alltag einer Soldatenfrau zu meistern. Der Regisseur und seine Hauptdarstellerin Svetlana Chodtschenkowa werden als Gäste erwartet. Zum Abschluss am 24. Oktober findet eine weitere Deutschlandpremiere statt: Wadim Abdraschitows Magnitnyje buri schildert den trostlosen Alltag in der Provinz, wobei hier ein Metallkombinat die einzige Attraktion am Ort ist. Die Präsentation der insgesamt 11 Filme wird von einer Plakatausstellung ergänzt (Russisches Haus, Friedrichstraße 176 - 179, mehr unter www.progress-film.de ).

Als die „Mosfilm“ nach etlichen Startschwierigkeiten ins Leben gerufen wurde, hatten sich russische Emigranten längst im deutschen Film etabliert. 1921 drehte Dimitri Buchowetzki das Revolutionsdrama Danton mit den beiden größten deutschen Schauspielern ihrer Zeit drehen, mit Emil Jannings in der Titelrolle und Werner Krauss als Robespierre. Den anspruchsvollen Aufgaben in Deutschland folgte noch eine Hollywoodkarriere, dennoch ist Buchowetzki ein geheimnisvoller Mann geblieben. Kein Lexikon nennt ein genaues Sterbedatum (Sonntag im Babylon Mitte).

Der berühmteste russische Filmregisseur ist nach wie vor Sergej M. Eisenstein. Nach mehrjähriger beruflicher Kaltstellung durch Stalin gelang ihm 1938 ein triumphales Comeback mit dem Historienfilm Alexander Newski . Sergej Prokofjew musste gegen seinen Willen eine melodiöse Partitur schreiben, die der Fabrikarbeiter auf dem Weg nachhause pfeifen konnte – und wohl gerade deshalb ist dieser Film sein populärstes Werk geblieben. Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin präsentiert gemeinsam mit dem Ernst-SenffChor und der Solistin Marina Domaschenko ein ungewöhnliches Konzert: Es wird live zum Film auf einer Großleinwand gespielt. Da der überlieferte Filmton technische Mängel aufweist, kann erst jetzt dank der neu editierten Partitur Prokofjews Klangkonzept gewürdigt werden (heute im Konzerthaus, Kartenbestellungen unter Telefon 202 987 15).

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