Kultur : Kurzmeldungen

Heute beginnt die Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt ihre Herbsttagung. Der neue Generalsekretär Bernd Busch will den Traditionsverein reformieren „An die Grenzen! “

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Alexander Kluge wird am Samstag von der Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt der BüchnerPreis 2003 verliehen. Ist es reiner Zufall, dass Sie im selben Jahr als Wahrnehmungs-Historiker neuer Generalsekretär der Akademie geworden sind?

(lacht) Reiner Zufall! Aber ich habe mich natürlich darüber gefreut – auch weil in dieser Entscheidung ein Selbstverständnis der Akademie erkennbar wird, in dem ich mich aufgehoben fühle. Kluges Geschichten eröffnen einen unverwechselbaren Zugang zu den Partikeln historischer Realität. Sie widersprechen den machtvollen Legenden der großen Erzählung, von der die Erfahrungen der Menschen zermalmt werden. Kluges Form erhellenden Humors, auch seine Skurrilität verführen uns zu höchst subtiler Erkenntnis.

In Bonn hatten Sie zuvor für die Bundeskunsthalle eine eigene Art von interdisziplinären Kulturprogrammen entwickelt: im Rahmen von Ausstellungen, bei der Erfindung der Filmmusikbiennale, bei der Konzeption von Kongressen etwa über „Die Sinne“. Die Akademie führt Sie nun zurück zur Germanistik: Ist dies das Ende der flottierenden Fantasie?

Die Bundeskunsthalle privilegierte eine visuelle Form der Auseinandersetzung. Dagegen hat es die Akademie vorrangig mit dem Wort zu tun. Beide Einrichtungen haben aber einen weiten Horizont. Sie sind nicht selbstgenügsam, sondern auf der Suche nach Verknüpfungen, nach den erhellenden Umwegen, darin liegt auch für Darmstadt ein großartiges Potential.

Aber die Aufgaben der Akademie sind –

– die Pflege und Förderung der deutschen Sprache und Literatur. Die Akademie ist eine nationale Institution, die international arbeitet. Sie hat sich immer verstanden als eine produktive Verdichtung von ästhetischer und wissenschaftlicher Kompetenz. Heute droht ja jede Kontinuität bei der Verfolgung geistiger Interessen und auch Leidenschaften den kurzatmigen Konjunkturen öffentlicher Aufmerksamkeit zu erliegen. Schon in ihrem produktiven Beharrungsvermögen bekundet die Akademie da eine eminent politische Haltung, ganz unabhängig von aller notwendigen Einmischung in gesellschaftliche Prozesse. Selbstverständlich versteht sich die Akademie auch als kritische Instanz.

In den letzten Jahren aber hat die Akademie kaum nach außen gewirkt – außer bei der Vergabe des Büchner-Preises. Ansonsten gilt Sie als ausstrahlungsarmer Honoratiorenverein.

Diese häufig vorgebrachte Kritik kann ich so nicht teilen. Unsere Schwierigkeit ist doch grundsätzlicherer Art: Die Beschäftigung mit Texten, mit Sprache eignet sich nicht unbedingt für spektakuläre Inszenierungen, die gerade heute von der Kultur eingefordert werden. Die Produktion und Rezeption von Texten sperrt sich noch heftiger gegen derartige Betriebsamkeit als Musik oder bildende Kunst. Trotzdem muss sich die Arbeit der Akademie in die Öffentlichkeit vermitteln.

Worin besteht in Ihren Augen das Besondere dieser Akademie?

In der Versammlung interessanter, spannender Personen – die Akademie trägt Züge einer Republik des Geistes, profaner gesprochen: Sie ist ein Verkehrsverbund des kritischen Denkens. Die in der Akademie entwickelte Kultur des Austauschs ist etwas sehr Kostbares – wenn sie sich nicht selbstgenügsam zurückzieht, sondern aus dieser Stärke heraus sich einmischt.

Als Einmischung versteht sich auch das Programm dieses Herbstes: arabische Poesie?

Es gibt arabisch-deutsche Dichtergespräche und eine lange Nacht der arabischen Poesie. Sogar der berühmte Fernsehsender Al Dschasira hat sich angekündigt und will aufzeichnen. Die Überlegungen dazu sind vor Jahren aus einer Autorenbegegnung im Jemen erwachsen, sind also wesentlich älter als der 11. September 2001 oder der Irak-Konflikt. Die Ereignisse haben die ursprüngliche Idee dann gleichsam überholt. Aber vielleicht ist diese Ungleichzeitigkeit auch ein Beleg dafür, wie wichtig die Literatur als ein verlangsamendes Element in der Begegnung der Kulturen ist. Dadurch kann sie ein Gegengewicht zur tagespolitischen Agenda.

Dennoch fragt man sich, was der Kulturbetrieb tatsächlich beitragen kann zum vielbeschworenen „Dialog der Kulturen“. Mit Blick auf die Demokratisierungs-Politik im Irak wird bereits darauf verwiesen, wie resistent sich kulturelle Einstellungen und Traditionen gegenüber aktuellen Einflüssen erweisen.

Das ist ein Problem, das unser aller Selbstverständnis als kritische kulturelle Öffentlichkeit betrifft. Der „Dialog der Kulturen“, der leider oft nur aus taktischen und legitimatorischen Erwägungen heraus befördert wird, endet rasch im beruhigenden Wiedererkennen der eigenen – positiven oder negativen – Fremdbilder, wenn er sich nicht Rechenschaft über seine Voraussetzungen ablegt.

Wo hätte ein solcher Dialog denn anzusetz en?

Erst einmal an den kulturspezifischen Sprach-, Wahrnehmungs- und Denkformen, den eigenen wie denen des Gegenübers. Ich nenne ein Beispiel: Die arabischen Kulturen haben keine in unserem Sinne phonetische Schrift und unterliegen damit nicht der bei uns gehegten Illusion, das Geschriebene sei eine – wenn auch versteinerte – Form des Mündlichen. Das hat Folgen, zum Beispiel für die gesellschaftlichen Modelle von Wahrheit und Erkenntnis. Oder: Der Irak zeigt, wie eine städtisch orientierte „Modernisierungsdiktatur“ Elemente des „Orientalischen“ weitergenutzt, sich aber hart von tradierten Formen der Religiosität abgesetzt hat. Insofern betreibt die Politik der Koalition in den Augen der traditionsgeleiteten Gruppen nur eine Fortsetzung der verachteten Saddamschen Säkularisierung.

Im Irak gilt bald jeder Ausländer als Feind.

Eine fürchterliche Entwicklung. Die Hoffnung vieler Intellektueller war ja, dass nach dem Ende der Kriegshandlungen relativ schnell die wissenschaftlichen und kulturellen Beziehungen mit dem Ausland neu aufgebaut werden könnten. Dies scheint im Moment sehr schwierig zu sein. Deshalb befinden sich viele Unterstützungsinitiativen in einer Art Wartestellung. Die Akademie wird sich an der Wiederausstattung der zerstörten Bibliothek des Germanistischen Instituts der Universität Bagdad beteiligen.

Was sind die eigenen Perspektiven der Akademie?

Die Akademie soll sich stärker zu einem kontinuierlichen Arbeits- und Diskussionsforum zu entwickeln. Es wird Arbeitsgruppen zu bestimmten Themenfeldern geben, etwa zur Frage, wie durch den Einfluss der neuen Medien, veränderter Rezeptionsweisen und gewandelter Strukturen des Literaturbetriebs sich unser Gegenstand verändert.

Das Verschwinden der Buchkultur?

D wi as Buch wird nicht verschwinden. Aber eine bestimmte Kultur des Lesens wird offenkundig von weitaus flüchtigeren Verhaltensweisen zurückgedrängt. Ein weiteres Thema ist das Verhältnis Sprache – Naturwissenschaften: Wie stellen Physik oder Neurowissenschaften in ihren Arbeitsprozessen Welt her? Lässt sich die Komplexität der Forschung sprachlich so weit reduzieren, dass „alle“ einen Zugang finden können? Die aktuelle Diskussion über die öffentliche Darstellung von Wissenschaft und Forschung steht sehr im Zeichen der Wissenschaftsvermarktung. Möglicherweise lassen sich wissenschaftlicher Disziplinen, die mit Modellierungen arbeiten, mit Algorithmen, mit mathematischen Verfahren, gar nicht mehr sprachlich einholen, allenfalls umschreiben, einkreisen.

Die Unkommunizierbarkeit socher Sachverhalte, ist das nicht ein hoffnungsloser Fall?

Nein, hoffnungslose Fälle will ich nicht akzeptieren! Aber ich vermute, dass diese Schwierigkeiten ein Widerhall davon sind, dass sprachliche Fantasie oder Kreativität sich in diesen für unsere Welt grundlegenden Bereichen immer weiter die Zuständigkeit dafür haben entziehen lassen, die Wirklichkeit zu begreifen. Sie haben ihre Rechte an andere Mitteilungsprozesse abgetreten: den Austausch von Modellen, Grafiken, Formeln, die sprachlich nur noch eingerahmt sind.

Die Akademie für Sprache müsste also nachdenken über die Grenzen der Sprache.

Ja, über die Grenzen der Sprache – beziehungsweise auch darüber, wofür wir die Sprache benötigen, um unsere Welt beschreiben und verstehen zu können.

Das Gespräch führte Sabine Heymann

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