Kultur : Kurzmeldungen

Alle reden vom Dialog der Kulturen. Doch UN-Berichte sehen die islamische Welt als „Unwissensgesellschaft“. Was also passiert dieser Tage auf der Buchmesse in Beirut? Arabische Küche

Andrea Nüsse

„Arabien“ wird das Schwerpunktthema der nächsten Frankfurter Buchmesse sein, und die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung will sich gleichfalls 2004 der „Arabischen Poesie“ widmen. Die arabische Welt gerät so als politischer Konfliktherd auch kulturell wieder schärfer in den Blick. Dabei mangelt es der Region von Kairo bis Kuwait nicht an eigenen Buchmessen. Der Libanon, in dem die Gedankenfreiheit am größten und die Dichte von Druckhäusern am höchsten ist, leistet sich sogar drei Messen im Jahr.

Dennoch haben hier Bücher einen schweren Stand. Diesen Schluss lässt schon ein Blick auf den Veranstaltungsort der „47. Internationalen arabischen Buchmesse“ zu, die bis zum 17. November in Beirut läuft: Sie findet im Parkhaus einer Bürgerkriegsruine statt, die einst das Hotel „Holiday Inn“ war. Von dem Gebäude nahe der ehemaligen grünen Linie, die Beirut in seine christliche und seine muslimische Hälfte teilte, ragen heute nackte Stahl- und Betonstrukturen etwa zehn Stockwerke hoch in den strahlenden Novemberhimmel. Wenige Ortsunkundige würden vermuten, dass hier im Erdgeschoss Kultur verhandelt wird. Die älteste Buchmesse der Stadt findet im wahren Sinne des Wortes im Underground statt.

Auch Nabil Sader, der libanesische Verleger und Mitbegründer des Arabischen Verlegerverbandes ist über diesen Standort nicht glücklich. „Wir senden das falsche Signal aus, wenn wir uns in dieses Parkhaus verkriechen.“ Aber viele Verleger haben angesichts der Wirtschaftskrise in Libanon kein Geld, um 17 Tage lang einen Stand woanders zu bezahlen. Verkürzen wollen sie die Messe auch nicht. Denn anders als in Frankfurt ist sie nicht in erster Linie ein Treffpunkt der Branche. Sie ist eine Verkaufsschau von 148 libanesischen und 48 weiteren arabischen Verlagen, die mindestens über drei Wochenenden laufen soll, damit möglichst viel Publikum zum Kaufen kommt. „Bazar“ nennt das Nabil Sader, denn es gibt bei allen Titeln 20 bis 30 Prozent Rabatt auf den Ladenpreis.

„Es leuchtet vielen kleineren Verlegern nicht ein, dass auch sie auf längere Sicht mehr davon profitieren werden, wenn die Branche sich besser koordinieren würde", klagt Sader. Die Probleme beginnen schon beim Vertrieb, weil es dafür weder im Libanon noch in den anderen arabischen Ländern eine zentrale Institution gibt. So sind viele Titel nur in großen Buchläden der Hauptstädte der Länder zu haben. „Ich verkaufe meine Bücher nur an Buchhändler, die ich selber kenne“, macht Ziad Muna als Leiter des kleinen syrischen Cadmus-Verlags klar, der hauptsächlich wissenschaftliche Geschichtswerke und politische Literatur übersetzt. „Da die Zahlungsmoral schlecht ist, würde ich sonst nur in verschiedenen Ländern meinem Geld hinterherrennen.“ So aber zirkulieren Bücher zwischen den 22 arabischen Ländern, in denen 270 Millionen Menschen arabisch sprechen, nur langsam und in kleinen Mengen.

Hinzu kommt überall das Problem staatlicher Zensur – auch wenn die Verleger fantasievoll damit umgehen. So hat Cadmus 1999 nicht nur in Damaskus, sondern auch zugleich in Beirut ein Verlagshaus eröffnet: für die Werke, die es in Syrien nicht drucken darf. Der libanesische Verleger Bashar Chebaro, der Übersetzungen eigentlich unverdächtiger Kochbücher von Gräfe und Unzer, medizinische Ratgeber und die gesamte Literatur von Microsoft vertreibt, hat sich bereits daran gewöhnt, von vielen Werken zwei Versionen zu drucken. „Mein größter Markt ist Saudi-Arabien, dort verkaufe ich 50 Prozent.“ Aus Rücksicht auf Empfindlichkeiten müssen dann aus der amerikanischen Medizin-Ratgeberserie „Mayo Clinic“ Zeichnungen von Frauenbrüsten getilgt werden: „So mache ich eben eine Sonderausgabe.“

Ein Gang über die Beiruter Buchmesse zeigt, welche Genres sich am besten verkaufen: Es dominieren Kinderliteratur und Lehrbücher, darunter schön gemachte Pop-up-Bücher und arabisch-englische Kinderlexika des Maarif-Verlages, die teilweise in Vietnam gedruckt und umgerechnet für nur vier Dollar verkauft werden. Es folgt religiöse Literatur – dazu finden sich in Beirut auch ein Stand mit Bibeln und christlichen Werken sowie Kindercomputer für zehn Dollar, die das Auswendiglernen des Korans erleichtern sollen. Selbst die islamistische Hisbollah hat einen Stand, an dem man Videos mit Gesprächen des Generalsekretärs der politisch militanten Bewegung kaufen kann.

Die geringe Rolle anspruchsvoller neuer belletristischer Literatur bestätigen die Angaben des jüngsten UN-Berichts zur Entwicklung der arabischen Welt, der die ideologischen und religiösen Hindernisse für die Entwicklung offener Wissensgesellschaften in den Ländern der Region analysiert. Über 20 Prozent der aktuellen Literatur sind eher simple Lehrbücher, 12 Prozent sind religiöse Werke – im Vergleich zu anderen Weltregionen überdurchschnittlich viel. Und während die arabischen Länder fünf Prozent der Weltbevölkerung stellen, produzieren sie nur 1,1 Prozent der weltweit verlegten Bücher. Autoritäre Erziehungssysteme und die Einschränkung politischer Freiheiten sorgen dafür, dass die arabischen Länder in Forschung, Wissenschaften und Bildung immer weiter ins Hintertreffen geraten.

Sehen die meisten Verleger in Beirut die Lage auch ähnlich pessimistisch, so widersprechen sie doch der UN-Angabe, dass jährlich nur 330 internationale Titel ins Arabische übersetzt würden. „Ich allein lasse jedes Jahr 150 Bücher übersetzen", sagt Bashar Chebaro. Und der Beiruter Verlag Dar An-Nahar hat Jürgen Habermas übersetzt und arbeitet gerade an einer arabischen Heidegger-Ausgabe. Eine Vorreiterrolle bei der Verbreitung ausländischer Werke spielt die kuwaitische Staatliche Verlagsanstalt: „Wir übersetzen jährlich 25 Titel ins Arabische“, erklärt Vizedirektor Abdullah al-Mutairi. In seiner Reihe „Wissen der Welt“ ist Katharina Mommsens „Goethe und die arabische Welt“ vertreten ebenso wie Bill Gates’ „The Road ahead“. Ein Bestseller ist dort auch die Übersetzung der 1996 in Deutschland erschienenen „Globalisierungsfalle“ von Hans-Peter Martin und Harald Schumann. Die erste Auflage betrug 100000 Exemplare, die zweite noch 44000.

Für den arabischen Buchmarkt, wo ein gut laufender Titel zwischen 2000 und 3000 Exemplaren Auflage macht, sind das fast astronomische Zahlen. Die Broschur-Ausgaben der Reihe „Wissen der Welt“, die mit ihren schlichten Einbänden an die Reclam-Hefte erinnern, kosten dank 13 Millionen Dollar jährlicher Unterstützung des Erdölstaates allerdings nur einen Dollar. Initiiert hatte dieses in der arabische Welt wohl einmalige Programm 1973 der ehemalige kuwaitische Kulturminister Abdel Azziz Hussein unter dem Motto „Gute Bücher für alle“. Verlagsmanager al-Mutairi: „Religiöse Bücher lesen die Leute sowieso – wir übersetzen die anderen Bücher!" Oder wenigstens einen kleinen Teil davon.

Da zahlreiche andere Verlage ausländische Titel auch ohne Lizenz übersetzen, entspricht die ernüchternde Statistik des UN-Berichts noch etwas weniger der Realität. Trotzdem fehlt es am internationalen Austausch. Der einzige nichtarabische Stand ist in Beirut die Ecke der Frankfurter Buchmesse. Und die wichtigste Veranstaltung des zusammen mit Goethe-Institut und dem Regionalbüro der Konrad-Adenauer-Stiftung organisierten kulturellen Rahmenprogrammes ist ein Vortrag unter dem Titel „How to do Frankfurt“. Die Entscheidung, Arabien zum Schwerpunktthema der nächsten Frankfurter Buchmesse zu machen, sei eine „immense Chance“, gängige Klischees im Westen zu widerlegen, erklärt Frankfurts Buchmesse-Pressesprecher und stellvertretender Direktor Holger Ehrling. Im Gespräch mit Verlegern und der Regierung in Beirut betont er die Notwendigkeit, ein Programm zur Förderung von Übersetzungen zu etablieren.

„Gute deutschsprachige Übersetzer literarischer Werke aus dem Arabischen kann man an zwei Händen abzählen“, meint Ehrling. Daher wäre er schon froh, wenn anlässlich der Frankfurter Messe 15 bis 20 zusätzliche Titel aus dem Arabischen übersetzt würden. Verleger Bashar Chebaro hat dazu bereits eine Idee: Er will seine „Arabische Küche. Schritt für Schritt“ bis nächstes Jahr auf Deutsch herausbringen.

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