Kultur : Kurzmeldungen

Silvia Hallensleben

CITY LIGHTS

Am 26. Oktober starb mit Elem Klimow einer der bekanntesten sowjetischen Filmkünstler der Nachkriegszeit in einem Moskauer Krankenhaus. Zum Held der westlichen Öffentlichkeit wurde Klimow Mitte der achtziger Jahre mit Werken wie „Komm und sieh“ und „Abschied von Matjora“, die das cineastische Begleitprogramm zu Gorbatschows Perestrojka zu liefern schienen. Doch der 1933 geborene Regisseur, dessen Filme – wie etwa „Agonia“ – lange in die Regale der Zensur verbannt waren, hatte schon 1964 mit seinem Abschlussfilm an der Moskauer Filmhochschule mit einem ganz eigenen Ton brilliert. Ein anderes dieser Frühwerke ist jetzt am Sonntag im Begleitprogramm zur unlängst eröffneten Moskau-Berlin-Ausstellung im Kino Arsenal zu sehen: Die Abenteuer eines Zahnarztes (1965) ist sowohl satirische Beschreibung des provinziellen Krankenhausalltages als auch die „groteske Parabel einer Rebellion“ (Oksana Bulgakowa), die am allgemeinen Wunsch nach Normalität scheitert.

Bald zu Ende geht die Ausstellung „body.city“, die sich im Haus der Kulturen der Welt dem zeitgenössischen Indien widmet. Auch sie wird – noch bis zum 16. November – von einem umfangreichen Filmprogramm begleitet, das Bollywood ebenso präsentiert wie kritische Dokumentarfilme oder Fernseh-Soaps. Jari Mari – Of Clothes and Other Stories, vor zwei Jahren von Surabhi Sharma gedreht (und heute im Arsenal zu sehen), ist eine insistierende Reportage und das Porträt einer Slumsiedlung, deren Häuschen sich zwischen dem internationalen Flughafen von Bombay und den Ruinen untergegangener Textilfabriken zum Gassengewirr zusammenfügen. Für die Exportfirmen ist es günstiger, sich die T-Shirts und Hemden hier in Heimarbeit zusammenschneidern zu lassen. Jetzt sollen die Anwohner fort, und das Gelände soll für eine Flughafenerweiterung geräumt werden.

Die Jungs in Dil Chahta Hai (Heart’s Desire, Regie: Farhan Akhtars, Indien 2001) wohnen zwar auch in Bombay, sausen in ihrer Freizeit aber lieber im Mercedes-Cabrio oder mit Rennmotorbooten durch die Gegend. Und die Jumbos sehen sie nicht von unten an, sondern nehmen in den breiten Sesseln der Business-Class Platz. Der sich extrem entspannt dahinschlängelnde Dreistünder feiert den Lifestyle der indischen Oberklasse im Gewand eines Bollywood-Musicals und könnte ohne weiteres auch als riesiger Werbeclip durchgehen. Nur selten wird’s doch richtig schön überdreht – und das mit bunt schillernden Seifenblasen und Mondsichelschaukeln.

In ihren zweiten Monat geht auch die Retrospektive einer der interessantesten deutschen politischen Filmemacherinnen im Arsenal. Erst kürzlich wurde im Rahmen einer der zahlreichen Diskussionen um Margarethe von Trottas „Rosenstraße“ der Filmemacherin vorgeschlagen, nach der Berliner Hilfsaktion doch nun auch die Vergewaltigungen deutscher Frauen zum Kriegsende einmal zum Filmthema zu machen. Doch diesen Film gibt es schon, wenn auch nicht als Trottasches Heldenstück, sondern als breit angelegtes dokumentarisches Filmessay: Als Helke Sanders‘ Befreier und Befreite Anfang der Neunziger auf die Leinwand kam, war die Thematisierung deutschen Kriegsleidens noch nicht vom wiedervereinigten medialen Mainstream gedeckt. Nicht nur deswegen fand Sanders‘ Film auch heftigen Widerspruch: Wohl zu Recht muss die Regisseurin sich auch heute den Vorwurf gefallen lassen, dass sie die Trennung in Opfer- und Tätervölker allzu simplizistisch durch eine in Opfer- und Tätergeschlecht ersetzt. Sehenswert ist ihr Film allemal.

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