Kultur : Kurzmeldungen

Frank Noack

CITY LIGHTS

Zu den Höhepunkten von Peter Weirs „Master and Commander“ – siehe Kritik auf dieser Seite – gehört eine Sturmsequenz, die selbstverständlich mit Hilfe digitaler Technik entstanden ist. Warum auch die Gesundheit von Darstellern aufs Spiel setzen, wenn das Unwetter am Computer erzeugt werden kann? Anders in den Pioniertagen des Kinos: Da gab es derartige Möglichkeiten noch nicht. Der schwedische Regisseur Victor Sjoström, bekannt als Hauptdarsteller aus Bergmans „Wilde Erdbeeren“, drehte inmitten echter Sandstürme ein Drama, das ebenso schlicht wie passend Der Wind hieß. Der Stummfilm von 1927 ging angesichts der Tonfilmrevolution völlig unter und wurde erst Jahrzehnte später als Meisterwerk entdeckt. Lillian Gish verkörpert eine Großstädterin, die einen Farmer (Lars Hanson) heiratet und ihm in die Prärie folgt. Bedroht wird die junge Frau von Sandstürmen und einem Vergewaltiger, den sie in Notwehr tötet. Wie der Wind die von ihr verscharrte Leiche freilegt und Lillian Gish dazu einen – stummen – Schrei ausstößt, das muss man gesehen haben (Freitag und Sonntag im Filmmuseum Potsdam mit Live-Begleitung).

Apropos Stumme: Jane Wyman spielt in Jean Negulescos Schweigende Lippen (1948) eine taubstumme Farmerstochter, die nach einer Vergewaltigung schwanger wird, den Vater des Kindes tötet und sich vor der Polizei nicht erklären kann. Jane Wyman, damals noch Mrs. Ronald Reagan, erhielt einen Oscar für die Rolle. Sehenswert ist der Film auch wegen seines Drehorts fernab von Hollywood, an der kanadischen Atlantikküste (Dienstag im Babylon Mitte).

Nach dem Zweiten Weltkrieg drehte Hollywood gern an europäischen Originalschauplätzen – auch weil die Techniker billiger waren als zu Hause. Der erste deutsche Kameramann vor Michael Ballhaus, der sich dabei profilierte, war Georg Krause: Er gestaltete 1953 das Kalte-Kriegs-Drama Ein Mann auf dem Drahtseil visuell so vorzüglich, dass ihn Stanley Kubrick für „Wege zum Ruhm“ engagierte. Der Film ist ein Kuriosum in Elia Kazans Werk: keine Vorlage von Tennessee Williams, kein Method Acting, keine Melodramatik, stattdessen fast dokumentarisch der Blick auf den Alltag einer tschechischen Zirkustruppe, die in den Westen fliehen will (heute im Babylon Mitte).

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