Kultur : Kurzmeldungen

Technik ist Kunst – diese Botschaft machte sie weltberühmt: Die Düsseldorfer Fotografen Bernd und Hilla Becher dokumentieren seit vierzig Jahren Anlagen und Geräte der Schwerindustrie. Jetzt widmet ihnen die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen eine großartige Retrospektive Fördert die Türme!

Bernhard Schulz

Es hat sich eingebürgert, die Fotografien von Bernd und Hilla Becher im Kontext von minimal art und Konzeptkunst zu sehen. Die endlosen Reihen gleichförmiger Objekte, als die sie ihre Aufnahmen aus der Welt der Großindustrie präsentieren, legten früh schon den Vergleich mit den künstlerischen Untersuchungen eines Donald Judd oder Carl Andre nahe; dies umso mehr, als Andre bereits 1972 eine entsprechende Bemerkung zu „den“ Bechers veröffentlichte und sie gewissermaßen in den Adelsstand des Künstlers erhob. Das geschah in jenem Jahr, als Fotografien des Duos erstmals bei der Kasseler documenta ausgestellt waren.

Für Bernd und Hilla Becher spielt die Zuordnung keine Rolle. Sie sind seit nunmehr vierzig Jahren unermüdlich damit beschäftigt, Bauten und Großgeräte insbesondere aus Bergbau und Hüttenindustrie zu fotografieren oder genauer, zu dokumentieren. Die Zuordnung zur Kunst, innerhalb dessen sie zu Fixsternen des internationalen Betriebs aufgestiegen sind, sehen sie distanziert. „Es ist reizvoll, dass man schwer einzuordnen ist“, erklärt Hilla Becher: „Mir hat das immer gut gefallen. Es zeigt, dass unsere Arbeit nicht kategorisierbar ist.“ Wichtiger ist die Definition der eigenen Arbeit: „Für mich ist eine objektive Betrachtungsweise das Wesen der Fotografie. Objektivität heißt noch lange nicht Wahrheitsfindung. Aber es heißt, dass man dem Gegenstand, den man darstellt, ein Mitspracherecht einräumt.“

Das ist poetisch gesagt; und umso poetischer, als die fotografierten Gegenstände alles andere als Poesie für sich in Anspruch nehmen können. Fördertürme, Aufbereitungsanlagen, Hochöfen, Kühltürme, Kohlebunker und endlich ganze Industrielandschaften sprechen die Prosa harter Arbeit, von „Maloche“, wie man im Ruhrgebiet sagt. Ähnlich kraftvolle Ausdrücke wird es ebenso in den Industriegebieten von Belgien, Wales, Lothringen oder dem rust belt der USA geben, wo die Bechers bei zahllosen Reisen fotografiert haben.

Nicht zuletzt, weil diese technischen Großgeräte Symbole sind für entbehrungsreiche Arbeit, sind sie in aller Regel ohne Bedauern beseitigt worden, nachdem die Produktion zu Ende ging. Das war zum Teil bereits Ende der fünfziger Jahre der Fall, so im Siegerland, der Heimat des 1931 geborenen Bernhard Becher. Dann folgten die weniger ergiebigen Reviere Walloniens und Lothringens, schließlich das Ruhrgebiet, eben noch als Motor des „Wirtschaftswunders“ gefeiert. So sind die Aufnahmen der Bechers nicht allein Dokumentation einer technischen Hochblüte, sondern zugleich des Verschwindens eines umfassenden sozialen Zusammenhangs.

Es geschieht also mit Recht, dass ihre Aufnahmen im Museum gezeigt werden. 34 Jahre nach ihrer ersten größeren Einzelausstellung in der Düsseldorfer Kunsthalle ist es jetzt die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, die in ihrer Dependance „K21“ mit den „Typologien industrieller Bauten“ das Werk der Bechers erstmals wieder in deren rheinischer Wahlheimat vorstellt, so umfassend wie nie zuvor. Unter „Typologie“ verstehen die Künstler „die wissenschaftliche Beschreibung und Einteilung eines Gegenstandsbereiches nach Gruppen von einheitlichen Merkmalskomplexen“. Geordnet zu Tableaux von 9, 12, 15 oder 16 Aufnahmen zeigen sie die ungeheure Vielfalt innerhalb eines gleichförmigen, durch seine Funktion scheinbar ein für alle mal festgelegten Objekttyps. Förderturm ist nicht gleich Förderturm, Hochofen nicht gleich Hochofen – ja es scheint, als ob das räumlich enge Nebeneinander völlig gleichartiger Industriekomplexe nicht ein einziges Mal zur Wiederholung der äußeren Form einer erprobten Konstruktionsweise geführt habe. Die typologischen Tafeln, die die Bechers aus den stets im Format von 30 mal 40 Zentimeter vergrößerten Aufnahmen ihrer 13x18-Plattenkamera zusammengestellt haben, widersprechen eher der Zuordnung zur minimal art: denn während es den entsprechenden Künstlern darum ging, die Individualität einer Handschrift zu tilgen, belegen die Bechers umgekehrt gerade den überbordenden Reichtum der individuellen Gestaltung durch anonyme Ingenieure.

Bezeichnenderweise haben sie ihre Typologien nicht nach funktionellen, sondern durchaus nach ästhetischen Merkmalen geordnet. Bernd Becher spricht vom „Klang“ der von links oben nach rechts unten sorgsam geordneten Tafeln. Hilla Becher – 1934 in Potsdam gebürtig und als Berufsfotografin ausgebildet, ehe sie 1954 in den Westen übersiedelte – betont den „ästhetischen Gesichtspunkt“ gegenüber dem dokumentarischen als gleichrangig.

Ihrer ersten Veröffentlichung gaben die Bechers 1970 den Titel „Anonyme Skulpturen“. Darin ist der Gegensatz zwischen der unpersönlichen, funktionsbedingten Urheberschaft der Großanlagen und ihres zugleich skulpturalen, also künstlerischen Charakters aufgehoben. Bernd und Hilla Becher, die seit 1959 zusammenarbeiten und seit 1961 verheiratet sind – „Wir haben sehr ähnliche Vorstellungen“ –, verstanden ihre Arbeit, deren Ergebnisse von zeitloser Endgültigkeit sind, von Anbeginn als Wettlauf gegen die Zeit. „Wir haben unter dem Eindruck des völligen Verschwindens dieser Anlagen gearbeitet“, so Bernd Becher heute: „Das hat uns getrieben.“ Oft waren die Objekte ihres unbestechlichen Kamerablicks bereits verschwunden, als die sorgfältig ausbelichteten Abzüge vorlagen. Allerdings ist dieser Aspekt in den in „K21“ vorgestellten Arbeiten unkenntlich. Die Typologien versammeln, ihrer Bezeichnung gemäß, strukturelle, funktionale und formale Ähnlichkeiten, verweigern jedoch Auskunft über Historie und Chronologie. Aufnahmen der Sechzigerjahre können neben solchen der Neunziger stehen. Es geht um die Typen, die die Schwerindustrie hervorgebracht und zur Reife einer unübersehbaren Vielfalt geführt hat. Diese Vielfalt als Hervorbringung der téchne im Wortsinne, dem der Kunstfertigkeit des Menschen, vorzuführen, macht das stille, gleichsam gefrorene Pathos hinter den kühlen Bildern aus.

Im Überblick über die Gesamtheit der 53 jetzt in Düsseldorf gezeigten typologischen Tafeln mit ihren insgesamt rund 750 Einzelbildern wird deutlich, dass die stets gleiche Aufnahmetechnik der Bechers schiere Notwendigkeit bildet. Sie arbeiten ausschließlich in Schwarz-Weiß. Stets bannen sie ihren Gegenstand frontal aufs Bild, von leicht erhöhtem Standpunkt aus, um perspektivische Verzerrungen auszuschließen. Stets wählen sie Tage mit bedecktem Himmel, um Schatten zu vermeiden; am liebsten sogar leichten Nebel, um den Hintergrund in diffusem Grau zu verwischen. Die Verwendung von Plattenkamera, niedrigempfindlichem Film und langen Belichtungszeiten – meist um die zwanzig Sekunden – schließt die Wiedergabe von Bewegungen aus. Äußerstenfalls erscheint Schornsteinrauch wie ein Tupfen Watte. Auch er ist selten. Meist sind die fotografierten Anlagen bereits außer Betrieb; oft deuten Zeichen des Verfalls wie eingeschlagene Fensterscheiben auf den nahen Abbruch hin.

Auch aus diesem Grund sind Menschen beinahe nie zu sehen. Die Bechers dokumentieren keine Arbeitsprozesse, sondern dessen Gerätschaften. Die Dokumentarfotografie in ihrer zweiten Hochblüte der Nachkriegszeit suchte demgegenüber nach dem Menschen selbst oder dessen individuellen Spuren im „entscheidenden Moment“ des unwiederholbaren Augenblicks.

In zwei Vitrinen der Düsseldorfer Ausstellung werden Bücher aus der Bibliothek der Bechers gezeigt, darunter das berühmte Jahrbuch des deutschen Werkbundes von 1913, in dem Walter Gropius erstmals anonyme Ingenieurbauten vorstellte. In dieser Tradition sehen sich die Bechers; als Vorbild nennen sie insbesondere Albert Renger-Patzsch, der in den Zwanzigerjahren das Ruhrgebiet auf dem Gipfel seiner industriellen Bedeutung zeigte. Der Unterschied, betont Bernhard Becher, bestehe darin, dass damals die Funktion im Vordergrund gestanden habe: „Wir hingegen haben Kuriositäten dabei. Wir haben auch den ,calvinistischen Barock’ festgehalten.“ Mit Blick auf die vollständige Veränderung ganzer Landschaften durch Aufbau und Abbruch der Industrie spricht der Künstlerfotograf von „nomadischer Architektur“.

So sind die Fotografien von Bernd und Hilla Becher beides: ein großartiges Kunstwerk und eine überwältigende Dokumentation. So, wie August Sander – neben Renger-Patzsch als Vorbild verehrt – die Gesellschaft der Weimarer Epoche in seinem Lebenswerk der „Menschen des 20. Jahrhunderts“ verewigt hat, halten die Bechers die Industriekultur des 20. Jahrhunderts fest. Sie ist bereits verschwunden. Man wird sich an die ingenieurtechnischen Leistungen eines ganzen Säkulums nur mehr in den Fotografien der Bechers erinnern. Ihr Zehntausende von wohl archivierten Aufnahmen umfassendes Œuvre zählt zu den großen Kulturleistungen unserer Zeit.

Düsseldorf, K21 im Ständehaus, Ständehausstr. 1, bis 12. April. Katalog bei Schirmer/ Mosel, 30 €, im Buchhandel geb. 78 €.

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