Kultur : Kurzmeldungen

Neues Bauen in Berlin: Léon Wohlhage Wernik sanieren und ergänzen das einstige Borsig-Verwaltungsgebäude Kaum gebohrt

Jürgen Tietz

Fest wie die Zähne eines Gebisses reihen sich überall in Berlin die Häuser entlang der Blockränder auf. Von einzelnen Lücken abgesehen, die Krieg und Nachkriegszeit gerissen haben – was sich durchaus nicht immer zum Nachteil der Wohnqualität auswirkte. Denn wie bei schmerzhaften Weisheitszähnen, die schmerzhaft auf die übrigen Zähne drücken, so herrschte in etlichen Berliner Innenhöfen einst erdrückende Dichte, die nach Auflockerung verlangte.

Eine solche Blockrandbebauung kennzeichnet auch die Chausseestraße. Dass hier vor dem Oranienburger Tor in der Mitte des 19. Jahrhunderts Berlins wichtigstes Industrierevier lag, ist nur noch an wenigen Bauten abzulesen. Bereits um 1900 war die Umnutzung des Areals zum Wohnquartier in vollem Gang. Um so kostbarer sind die letzten Zeugnisse der industriellen Vergangenheit dieses Quartiers. Ein besonderes Juwel stellt dabei das 1899 von Konrad Reimer und Friedrich Körte errichtete Borsig-Verwaltungsgebäude in der Chausseestraße 13 dar. Zusammen mit den angrenzenden Bauten, die nahezu einen halben Block umfassen, haben es die Architekten Léon Wohlhage Wernik (LWW) für das Versorgungswerk der Zahnärztekammer Berlin feinfühlig hergerichtet und ergänzt.

Der rote Clou

Das Ergebnis ist eine Synthese aus Neu und Alt, einem kunstvollen zahnärztlichen Eingriff nicht unähnlich: So haben LWW mit ihren Neubauten die Lücken im Blockrand geschlossen und dabei das für ihre Arbeit so charakteristische Spiel von asymmetrisch verteilten Wandflächen aus – hier freundlich gelbem – Beton und dunklen Fensteröffnungen bei den neuen Bauteilen zu einem skulpturalen Spiel mit beeindruckender Wirkung gesteigert. Ein Spiel, in das sie auch die Fassade des alten Wohnhauses in der angrenzenden Schlegelstraße einbezogen haben, das von den Neubauten eingefasst wird. Mit seiner karierten Putzfassade sucht es nun den Dialog mit seinen neuen Nachbarn.

Herzstück dieser erfolgreichen Intervention am Bestand ist das viergeschossige Borsighaus selbst mit seiner hellen Sandsteinfassade im Stil der Deutschen Renaissance. Ein Schmiedehammer im zentralen Giebelfeld sowie die Figur eines Schmiedes über dem Eingangsportal machen zusammen mit der Inschrift „A. Borsig“ jedem Passanten unmissverständlich klar, wem das Haus seine Entstehung verdankt.

Auch im Inneren nahezu komplett erhalten, stellte das Gebäude LWW vor eine besondere Herausforderung, war doch ein schonender Umgang mit dem Bestand gefordert. Entsprechend wurde die Sandsteinfassade zwar gereinigt, nicht aber ihrer Patina beraubt. So wird noch immer deutlich, dass es sich um ein historisches Bauwerk handelt.

Dass dieser behutsame und intelligente Umgang mit einem Denkmal nicht bedeutet, dass die Architekten auf eigene Akzente verzichten müssen, wird im Inneren des Hauses ersichtlich. Doch auch hier haben LWW Wert darauf gelegt, die Spuren der Geschichte zu bewahren. Notwendige neue Einbauten wurden als „kontrastierende Additionen“ (Konrad Wohlhage) ausgeführt. Dabei herrscht einmal mehr die Farbe Rot vor, die den Architekten bereits bei der Bremer Landesvertretung sowie der Indischen Botschaft als Leitmotiv diente. Der rote Linoleumboden korrespondiert im Borsighaus mit den roten Supraporten über den mahagonifarben lasierten Türen. Und rote Teppiche auf dem Holzboden markieren „Arbeitsinseln“ unter den Schreibtischen. Den roten Clou aber bilden die Versorgungsboxen, die in die Berliner Zimmer eingestellt wurden. An allen Seiten mit Türen versehen, sind es wahre Multifunktionskisten, in denen Teeküche, Garderobe, Waschraum und Server-Leitungen Platz finden.

Die Herausforderung, in dem denkmalgeschützten Gebäude möglichst wenig originale Substanz durch Eingriffe in die Wände oder die Böden zu zerstören, haben die Architekten als Chance begriffen. So konnten schmerzliche Bohrungen auf ein Minimum reduziert werden. Frei geführte Kabeltrassen in metallisch grauer Aluminiumverkleidung durchqueren jetzt die Räume horizontal, nur von beinahe transparenten Abnehmern unterbrochen. So wird die notwendige Versorgung der Arbeitsplätze gewährleistet, ohne übermäßig in den Bestand einzugreifen. Darüber hinaus entsteht eine zweite Raumschicht, die dem historischen Bauwerk eine zeitgemäße technische Nuance verleiht. Das gebaute Ergebnis ist eine gelungene Synthese, die intelligente Denkmalpflege und moderne Architektur miteinander verschränkt.

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