Kultur : Kurzmeldungen

Saddam Hussein schien vom Erdboden verschwunden. Nun ist er unter der Erde wieder aufgetaucht, und die Bilder erzählen ein neues Märchen vom nackten Kaiser Der Schatten lebt

Peter von Becker

Hier gibt es ihn wieder: den historischen Augenblick. Der Moment, in dem sich ein Stück Welt verändert hat. Weil sich die Nachricht von Saddam Husseins Gefangennahme längst vor der Pressekonferenz von Paul Bremer und General Sanchez rund um den Globus verbreitet hatte, war der Satz „We’ve got him!“ nur die effektvolle offizielle Bestätigung. Doch noch nicht der Beweis. Erst als auf dem Videoschirm hinter dem General das Filmbild eines schwarz zersausten Mannes auftauchte, dem ein Mediziner mit weißen Gummihandschuhen im Haar nach Läusen (so sah es aus) oder nach einer Kopfverletzung zu suchen schien, waren die Anwesenden im Bagdader Pressezentrum für eine lange Sekunde wie erstarrt. Dann aber explodierte vor allem unter den irakischen Journalisten die Spannung – sie schrien den alten Mann, dem dort oben auf dem Bildschirm mittlerweile in den Mund geleuchtet wurde, mit einer Leidenschaft an, als stünde er leibhaftig im Raum. Ein historischer Moment. Der Bann eines 24 Jahre lang Allmächtigen war in diesem Augenblick, in diesem Anblick gebrochen.

Gebrochen durch die Macht eines Bildes. Nicht mit dem mühseligen Fall seiner Statuen im April war der Tyrann schon wirklich gestürzt. Durch sein zunächst spurloses Entkommen entzog er dem amerikanischen Sieg im Irak die (mehr als nur) symbolische Beglaubigung: das Gegenbild des Besiegten, tot oder lebendig. So wurde Saddam wie schon Osama bin Laden ein zweites Mal zum arabischen Mythos und der westlichen Kriegskoalition zum feindlichen Gespenst. Zu einer in jedem Terroranschlag gegenwärtigen Furie des Verschwindens.

Der absolute Herrscher, nicht einfach nur aus seinen Palästen und von der Macht vertrieben, sondern als verwilderter Kaspar Hauser einem Erdloch mit nichts als einer sogenannten Normalzeituhr (!) an der Lehmwand entstiegen: Solche Bilder eines kurz zuvor in seinem Land noch gottähnlich, also götzenhaft Entrückten hat es für die Mitwelt noch nie gegeben. Die Filmaufnahmen von Adolf Hitler kurz nach dem missglückten Attentat am 20. Juli 1944 zeigten zwar einen verletzten, leicht derangierten Diktator (mit dem zufällig gerade angereisten Staatsgast Mussolini). Doch da gebot Hitler, wenngleich sein Krieg militärisch längst verloren war, noch über eine Millionenarmee, und es rollten mehr Züge denn je nach Auschwitz, nach Treblinka. Oder Stalin und Mao: Von ihnen existieren überhaupt keine Bilder der Schwäche oder Götzendämmerung. Überhaupt zum Vergleich taugen nur die Aufnahmen von Nicolae Ceausescu am Ende der rumänischen Revolution im Dezember 1989.

Als die empörte Volksmenge den Diktator während seiner letzten Fernsehansprache vom Balkon der Parteizentrale vertrieben hatte und der Tyrann plötzlich untergetaucht war, stand die Wende tagelang auf blutiger Schneide: Bis plötzlich der Videofilm mit dem Diktatorenpaar im Armeegewahrsam auftauchte – und die Welt auch damals nie gesehene Bilder sah. Ceausescu saß, übernächtigt, aber noch immer im Pelz und mit feinem Anzug, in einem kahlen Raum, musste den Arm freimachen und sich von einem Arzt den Blutdruck messen lassen. Danach folgte das Militärtribunal, ein kurzer Prozess und die sofortige Exekution.

Auch hier sollten die eben noch unvorstellbaren Bilder dem eigenen Volk und der Welt beweisen: Macht und Magie des vermeintlich Allgewaltigen sind gebrochen. Der Kaiser ist nackt. Und wie jetzt bei Saddam Hussein war es eine gleichsam fürsorgliche Demütigung und Entzauberung, indem ein scheinbar Unberührbarer, Unsterblicher vor der Kamera zuerst von einem Arzt untersucht wurde. Ein Akt der doppelten Entmündigung. Denn der Arzt, ein Halbgott in Weiß, versetzt auch den Mächtigsten ohne offene Gewaltanwendung sofort zurück in die Wehrlosigkeit, in die Sterblichkeit. Kein Wunder, dass Tyrannen früher ihre Leibärzte, die als einzige ihre Schwächen kannten und deren Leben an dem ihres Patienten hing, zur Sicherheit mit in den Tod nahmen.

Niemand indes hätte diese Szene vorher ausmalen können. Der Mann, der sich als Nachfahre der babylonischen Könige feiern ließ und der mit Grausamkeit und Gerissenheit doppelt so lange wie Hitler geherrscht und der größten Weltmacht getrotzt hat, er haust mit Pistole, Normalzeituhr und 750000 Dollar in einem Rattenloch. Nahe dem Dorf, wo ihm als Kind einst sein Stiefvater die Härte eingeprügelt hatte. In seinen letzten Reden vor dem Krieg hatte er dann mit „Armeen von Selbstmordattentätern“ gedroht. Aber Saddam („der Standhafte“) hing offenbar bis zum Allerletzten, feig oder verrückt, am eigenen, verlorenen Leben. Das führt zu einem hier unverhofften Fall von irdischer Gerechtigkeit. Denn nun muss ihn die karitative Güte des Todfeindes so hegen und pflegen, dass die Welt bei dem kommenden Gerichtsprozess statt eines Mitleid erregenden Greises zumindest noch den Schatten des ehemals Fürchterlichen erkennt.

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