Kultur : Kurzmeldungen

Vor 100 Jahren wurde die „Wiener Werkstätte“ als Handwerksbetrieb für edle Dinge gegründet. Sie gilt als eine Keimzelle des modernen Designs. Doch die gewaltige Übersichtsausstellung des Wiener Museums MAK zeigt, wie auf den grandiosen Auftakt der allmähliche Niedergang folgte In Schönheit leben

Bernhard Schulz

Mit der Klage über „das grenzenlose Unheil, welches die schlechte Massenproduktion einerseits, die gedankenlose Nachahmung alter Stile andererseits auf kunstgewerblichem Gebiete verursacht“ hätten, hebt die Programmschrift der „Wiener Werkstätte“ von 1905 an. Zwei Jahre zuvor gegründet und bald darauf mit großzügigen Arbeits- und Ausstellungsräumen versehen, trat die „WW“ selbstbewusst an die Öffentlichkeit. Mit ihrem auf jedem ihrer Produkte, auf jedem Geschäftsbrief verewigten Logo des ineinander verschachtelten Doppel-W wurde sie schnell zum Markenzeichen.

Es waren keine Gebrauchsgegenstände im Alltagssinne, die die Wiener Werkstätte herstellte, sondern höchst verfeinerte Dinge für eine ästhetisch sensible Oberschicht. Gleichwohl wollte die WW mit den schönen Dingen auch die handwerkliche Arbeit selbst aufgewertet wissen und darum einen damals unerhörten Arbeitsplatzstandard verwirklichen. „Gewiss keiner hat je unter so vorzüglichen Bedingungen gearbeitet“, lobte ein Kritiker 1904. So entstanden die streng rechtwinkligen Möbel in schwarzer Eiche mit weiß eingerieben Poren als aufwändige Maßanfertigungen, die ebenso wie die zahllosen Objekte aus quadratisch gelochtem, versilbertem, vernickelten oder weiß lackierten Metall zum Markenzeichen wurden. „Quadratl-Hoffmann“ – wie Wiener Schmäh ihn nannte – entwarf darüberhinaus Häuser in jenem formal reduzierten Stil, der dank makelloser Bauausführung erst recht das Ideal ultimativer Eleganz erfüllte. So entstanden Privathäuser mit oft über 1000 Quadratmetern Wohnfläche, mit Musik- und Theatersalons, Wirtschaftshöfen und Automobilgaragen.

Wien war einer der Brennpunkte der kulturellen Erneuerung an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Inmitten der an ihren inneren Widersprüchen krankenden Donaumonarchie begann die Moderne: in Kunst und Wissenschaften, von der „Secession“ bis zur Psychoanalyse. Das Fin de siècle war in Wien weniger Abgesang denn Aufbruch – eines Aufbruchs freilich, der sich auf die kulturellen Eliten beschränkte und durch und durch ästhetisch blieb.

So war auch die Wiener Werkstätte ein Aufbruch zu verloren gegangener Schönheit. „Unser Bürgerstand hat seine künstlerische Aufgabe noch lange nicht erfüllt“, nennt das Programm von 1905 den Adressaten (und erhofften Kunden). Als Maxime schärft sie ihm ein, dass alle Gegenstände des täglichen Umgangs „in schlichter, einfacher und schöner Art den Geist unserer eigenen Zeit versinnbildlichen“ sollen. Die Wiener Werkstätte antwortete auf das Protzgehabe der Ringstraßenarchitektur und der im Makart-Stil vollgestopften Salons. Doch setzte sie auf dieselbe Klientel des vermögenden Bürgertums. So sind denn fortschrittliche Fabrikanten wie Karl Wittgenstein oder Robert Primavesi die ersten und wichtigsten Auftraggeber des neuen Kunsthandwerks; der Textilkaufmann Fritz Waerndorfer war als Mitbegründer der Werkstätte der Dritte im Bunde.

„Wir gehen vom Zweck aus, die Gebrauchsfähigkeit ist uns erste Bedingung“, so das stets als Beleg ihrer Modernität zitierte Credo der Werkstätte mit ihren beiden „Entwerfern“, Josef Hoffmann (1870-1956) und Koloman Moser (1868-1918). Beide, der eine von Hause aus Architekt, der andere Maler, waren Professoren der Kunstgewerbeschule: Keimzelle der Wiener Moderne. Sie wirkten auch als Gestalter und blieben einander in ihren Entwürfen so ähnlich, dass die Autorschaft bisweilen kaum zu entscheiden ist. Die Anfangszeit bis gegen 1910 bezeichnet die Hochblüte der Werkstätte; was später kam, nach dem Ersten Weltkrieg, bleibt in Ausstellungen gewöhnlich ausgespart.

Das Wiener Museum für Angewandte Kunst (MAK), Hüterin des umfangreichen Archivs der Werkstätte, würdigt jetzt deren 100. Geburtstag mit einer breit angelegten Ausstellung. Doch mochte sich das MAK lange nicht zu seiner Pflicht bekennen. Spät erst begann ein Parforceritt, der jetzt in einer mit 1200 (!) Objekten vollgestellten, chronologisch geordneten Ausstellung mündete. Dazu wird ein kiloschwerer Katalog gereicht.

Das MAK versucht, mit dieser Überfülle die These zu veranschaulichen, die Werkstätte sei mitnichten die Keimzelle der modernen Gestaltung gewesen, sondern ebenso ein Lieferant überaus heterogener und im Laufe der Zeit qualitativ nachlassender Dekorationsstücke. Dass die Objekte der Ausstellung in die Form eines das WW-Logo nachzeichnenden Gerüstes gezwängt wurden, verstärkt den Eindruck der visuellen Kakophonie. Ohne den gedruckten Grundriss ist sie kaum verständlich.

Das Chaos hat Methode – wie auch der mehrdeutige Ausstellungstitel „Der Preis der Schönheit“. Kurator Christian Witt-Dörring verweist auf die von Anfang an umstrittene Position der Werkstätte, Modernität – das Zentralthema um 1900 – durch die Erneuerung von Stil und Stilwollen zu erreichen.

So erging es auch der Wiener Werkstätte insgesamt. Am Anfang stand das Gesamtkunstwerk großbürgerlicher Wohnkultur, wie es Hoffmann und Moser zelebrierten; sehr früh bereits in der Berliner Wohnung der Wiener Fabrikantentochter Margaret Wittgenstein, deren streng rechtwinklige Möbel einen Glanzpunkt der jetzigen Ausstellung bilden.

Wirtschaftlich bedeutender wurde indessen die Manufaktur von Schmuck und Geschirr, Keramik und Dekorationsstücken, Stoffen und Damenmode. Kolo Moser, entnervt von Sonderwünschen der launischen Kundschaft, zog sich bereits ab 1906 sukzessive zurück, just als Hoffmann mit dem für Wien entworfenen, doch in Brüssel bis 1911 fertig gestellten Palais Stoclet dem Ideal der gemeinsamen Arbeit von Künstlern und Kunsthandwerkern am nächsten kam. So werden im MAK sieben Entwürfe des „Secessions“-Mitbegründers Gustav Klimt für den Mosaikfries im Hause Stoclet gezeigt.

Es ist für die seit Jahrzehnten fest gefügte Rezeptionsgeschichte der Wiener Werkstätte bezeichnend, dass das New Yorker Privatmuseum Neue Galerie – Museum for German and Austrian Art derzeit unter dem Titel „Wiener Silber. Modernes Design 1780-1918“ eine Ausstellung erlesener Einzelstücke zeigt. Diese Ausstellung behauptet eine durchgängige Entwicklung vom Biedermeier als dem ersten bürgerlichen Stil bis zu dessen Apotheose in den kostbaren Luxusprodukten der Wiener Werkstätte. So wird in New York noch einmal die herkömmliche These unterstrichen, die Werkstätte habe dem Funktionalismus avant la lettre gehuldigt.

Demgegenüber belegt das MAK mit seiner Objektfülle, dass sie ihr ursprüngliches Ziel der umfassenden Geschmackserziehung alsbald aufgeben musste, um überhaupt fortzubestehen. Denn der Luxus verlor seine wirtschaftliche Grundlage mit dem Kriegsausbruch 1914. Mehr und mehr bestimmen Auftragsarbeiten das Bild, etwa in den Bereichen Glas und Keramik. Ja, die Werkstätte nahm überhaupt Fremdprodukte in ihren Vertrieb auf, den sie über immerhin drei Ladenlokale an besten Wiener Adressen forcierte. So quellen denn die Ausstellungsregale von tausenderlei Nippesfiguren über, von Tafelaufsätzen und Blumenkörbchen. Man begreift, dass derlei dekorative Nutzlosigkeit bereits im Stilwillen der WerkstattGründer Hoffmann und Moser angelegt war. Einzelheiten zu den Objekten übrigens muss der Besucher der von Beschriftung freien Ausstellung in einem zwar logisch gegliederten, jedoch unhandlichen Verzeichnis suchen.

Erstaunlich genug: Während des Weltkriegs, als die Materialknappheit zur Abkehr von Edelmetall und Preziosen zwang, eröffneten Dependancen in Berlin, Marienbad und Zürich, um neue Kunden zu gewinnen. Patriotisch, wie man war, forderte eine Plakat von 1917 zur Zeichnung von Kriegsanleihen auf. Mit Dagobert Peche, der 1915 zur Werkstätte stieß, wandelte sich der Auftritt des Unternehmens. Er entzündete in den wenigen Jahren bis zu seinem frühen Tod 1923 ein wahres Feuerwerk dekorativer Einzelstücke, so eine mit aus dem Holz herauswachsenden Köpfen versehene Schrank-Skulptur. Anderes gestaltete er in chinesisch angehauchtem Neo-Rokoko.

Mehr und mehr traten Kunstgewerblerinnen in den Betrieb ein, deren Stoffentwürfe das wirtschaftliche Rückgrat bildeten. Nur war da der lebensreformerische Impuls der Anfangsjahre bereits verflogen. Ein Werbeplakat der Zwanzigerjahre von Mathilde Flögl annonciert unter dem Markennamen der Wiener Werkstätte lediglich „Mode Kunstgewerbe Stoffe“.

1932 ging die stets von Finanznöten gebeutelte Werkstätte endgültig zugrunde. Fünf Jahre zuvor hatte der Architekt und unerbittliche Kulturkritiker Adolf Loos, der Verfasser der Programmschrift „Ornament und Verbrechen“ und Schöpfer des ob seiner Dekorlosigkeit angefeindeten „Hauses am Michaelerplatz“ von 1911, seine jahrzehntelangen Einwände in dem Vortrag „Das Wiener Weh. Eine Abrechnung“ zusammengefasst. Modern war zu dieser Zeit, Ende der Zwanzigerjahre, das Bauhaus in Dessau, dessen Motto „Kunst und Technik – eine neue Einheit“ die Gegenposition zum Wiener Kunsthandwerk markiert.

So bleibt als Fazit nach der Sichtung von 1200 Objekten im MAK, dass die Wiener Werkstätte nach großartigem, stilsicherem Auftakt in dekorativer Beliebigkeit verflachte. Sie stand 1903 am Beginn der Moderne – und hinkte alsbald hoffnungslos dem hinterher, was unter dramatisch gewandelten Umständen tatsächlich modern, nämlich an der Zeit war.

Wien, MAK, Weiskirchner Str. 3, bis 7. März. Katalog bei Hatje Cantz, 448 S. m. 790 Abb., in Ausstellung und Buchhandel 49,80 €. – New York, Neue Galerie, 1048 Fifth Avenue, bis 16 Februar. Katalog bei Hatje Cantz, 400 S. m. 501 Abb., deutsche Ausgabe geb. 49,80 € .

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