Kultur : Kurzmeldungen

Silvia Hallensleben

CITY LIGHTS

Finstere Zeiten: Dunkler wird es dieses Jahr nicht mehr, jedenfalls schon in den frühen Abendstunden. Nächste Woche bereits scheint die Nachmittagssonne wieder zwei Minuten länger über die Häuserdächer. Deshalb wollen diese wintersonnenwendwärts gestimmten City Lights als Kontrapunkt einen cineastischen Lichterbogen schlagen durch die Höhe- und auch einige Dunkelpunkte aus gut drei Jahrzehnten klassischer Filmgeschichte. Heraus, ihr Bildungssuchenden und Wiederholungssüchtigen, heraus an den langen Winterabenden zum niemals enden wollenden Leinwandglück!

Den – chronologischen – Anfang macht dabei ein eher wenig erleuchteter, doch in seiner filmgeschichtlichen Wirkung umso folgenreicherer und erhellender Film: D. W. Griffiths 1915 gedrehter The Birth of a Nation (Freitag im Arsenal) kann ungefragt als die Mutter aller Propagandafilme durchgehen und wurde wegen seiner rassistischen Tendenzen schon zu seiner Entstehungszeit heftig angegriffen. So heftig, dass Griffith – so behauptet es jedenfalls die Filmgeschichtsschreibung – schon ein Jahr später mit Intolerance (auch im Arsenal, Sonnabend) einen flammenden filmischen Aufruf zur Toleranz nachlegte. Das Werk ist ein cineastisches Mammut, das allerdings mit seinen opulent inszenierten dreieinhalbstündigen Parallelmontagen quer durch die Unterdrückungsgeschichte einschläfernd darlegt, dass guter Wille nicht unbedingt spannenderes Kino bedeutet.

Das passendere Gegenbild zu der Ausgrenzungsparanoia von „The Birth of a Nation“ sind die exzessiven Katastrophenfantasien des Exil-Habsburgers Erich von Stroheim, der in seinen Foolish Wives (Donnerstag, Arsenal) ein amerikanisches Diplomatenpaar gewissermaßen dem alten Europa in den Rachen wirft. Mit den 148 Minuten, auf die er zusammengeschnitten wurde, kommt der Film fast ebenso zeitfressend daher wie Griffiths Opus Magnum, demonstriert aber überzeugend, wie man ausufernde production values subversiv einsetzen kann.

„Foolish Wives“ ist auch entstanden, weil Stroheim dachte, nach den harschen Erfahrungen des Ersten Weltkrieges sei das Publikum „des Süßholzraspelns müde“. Er hatte sich getäuscht, wie sich bald herausstellen sollte: Obszönität und ein allzu abstoßender Naturalismus wurden dem Film ebenso vorgeworfen wie sein maßloser Umgang mit dem Material. Und einen – gewonnenen – Weltkrieg später führt Frank Capra 1947 mit seinem amerikanischen Weihnachtsklassiker Isn’t Life Wonderful? (Filmmuseum Potsdam am Dienstag in der deutschen Fassung) noch einmal mit aller gebotenen Rührung und höchst erfolgsträchtig vor, wie auch unmittelbar nach Auschwitz und Hiroshima die Welt noch richtig in Ordnung sein kann.

Oder auch sein muss: Ein offensichtliches – und vielleicht das berüchtigtste – Beispiel für ein solches Bedürfnis nach kriegsbedingter Harmlosigkeit ist der Fall der deutschen Nachkriegssynchronisation von Michael Curtiz’ Casablanca 1952. Damals wurde für das deutsche Publikum bekanntlich der politische Résistance-Hintergrund der Handlung konsequent wegretuschiert, weil man meinte, ihn den Zuschauern nicht zumuten zu können. Über 20 Jahre sollte es dauern, bis die ARD 1975 eine Neusynchronisation realisierte. Seit ein paar Jahren ist der Film nun endlich auch in einer neu untertitelten, dem Original gerecht werdenden Fassung im Verleih (Sonnabend und Sonntag im Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz). As time goes by.

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