Kultur : Kurzmeldungen

Bernhard Schulz

Dichter haben die Stadt besungen, Wissenschaftler sie erforscht; zuletzt waren es, wie überall auf der Welt, die Touristen, die die Neugier nach dem Niegesehenen in die südostiranische Stadt Bam lockte. Jetzt, da die bereits vor 150 Jahren verlassene und seither dem Verfall preisgegebene historische Altstadt zerstört ist, erschrickt die Weltöffentlichkeit angesichts des – auch – kulturellen Verlustes, kommen die Hilfs- und Wiederaufbauofferten von überallher.

Auf der Liste des Unesco-Welterbes waren die Ruinen von Bam, anders lautenden Meldungen zum Trotz, nicht verzeichnet. Der Iran – das historische Persien – ist reich an historischen Stätten. Der wechselvollen Geschichte des Landes entsprechend, gehören diese Stätten höchst unterschiedlichen Zeiten und Kulturen an. Vier von ihnen sind auf der Unesco-Welterbeliste verzeichnet, aus achämänidischer, sassanidischer und safawidischer Zeit. Mit einem Mal greift jedermann zum Lexikon, um sich in die faszinierende, doch trotz west-östlichem Diwan im Okzident kaum bekannte Geschichte dieses mehrfachen Großreichs einzulesen.

Bam zählt(e) nicht zu den herausragenden Zeugnissen einer der persischen Epochen – die Stadt rechnet keiner einzelnen Zeit, keinem einzelnen Bauwillen zu. Ihre Einzigartigkeit liegt in der Kontinuität, die ihre Bauten verkörpern. Allenthalben ist von der „bald 2000-jährigen“ Zitadelle zu lesen, dem Wahrzeichen Bams, das nun dem Erdbeben zum Opfer gefallen ist. Das ist nur bedingt richtig. Sicher ist, dass die Ursprünge der Festung Arg-e-Bam bereits auf vorgeschichtliche Zeiten zurückgehen. Der Fels, auf dem sich die Zitadelle erhebt, überblickt die uralte Karawanenstraße durch den Südrand der Wüste Lut gen Osten – der Südroute der Seidenstraße. Andererseits ist der Ort durch einen Gebirgszug mit Wasser versorgt – ideale Bedingungen also für einen Außenposten, der Bam dann tatsächlich durch die Jahrhunderte war. Das Wort „Arg“ verweist auf eine Herrscherburg; und durch alle persischen Reiche hindurch hat hier ein Befehlshaber residiert, manch einer auch, der abgeschiedenen Lage halber, abtrünnig, mancher auf der Flucht; und so wurde denn, nachdem Afghanen die Festung eingenommen hatten, irgendwann nach der Mitte des 19. Jahrhunderts die dicht bebaute Altstadt aufgegeben.

Die Zitadelle von Bam bildete eines der größten aus Lehmziegeln errichteten Bauwerke der Welt. Die karge Landschaft kennt kein anderes Baumaterial als den aus Lehm und einer Strohbeimischung hergestellten, luftgetrockneten Ziegeln. Den Ziegelbau haben die Sassaniden, das letzte vorislamische Herrschergeschlecht Persiens (224-642) zu hoher Blüte gebracht, und in dieser Zeit ist die Burg von Bam erstmals in ihrer imposanten Größe errichtet worden.

Doch diejenige Bausubstanz, die jetzt dem Erdbeben anheim fiel, stammt aus der weit späteren Glanzzeit der Safawiden – deren prächtige Hauptstadt Isfahan bildete – , also aus dem 17. Jahrhundert. Damals wird auch die Altstadt zu Füßen der Burg ihre charakteristische, verwinkelte Form gefunden haben.Das gesamte Areal misst 450 mal 550 Meter; es umfasst eine größere Händlerstadt im Süden und einen kleineren Stadtteil im Norden. In die Stadt hinein schiebt sich in der unregelmäßigen Form des tragenden Bergrückens die Zitadelle. Ihre bis zum 26. Dezember durchgängig erhaltene und mit immer noch 28 von ursprünglich 38 Türmen versehene Mauer bildet die charakteristische Silhouette der Burg, innerhalb derer sich der Gouverneurssitz und die Kaserne samt ausgedehnten Stallungen befanden. Dazu eine Windmühle – die einzige, in der das Korn von den stadtnahen Feldern gemahlen wurde.

Die Lehmziegelbauweise, in der auch die malerisch verfallenden Stadthäuser ausgeführt wurden, erlaubt nahezu unbegrenzte Bauformen. Sie ist dem Klima und der Topografie des Ortes wunderbar angepasst. Neben den Rundtürmen der Burgmauer – deren höchster wohl als Signalturm diente – zeugen die Gewölbe der Speicher und Stallungen von den Möglichkeiten des Ziegelbaus. Wie oft die Zitadelle von Bam im Laufe der Jahrhunderte geflickt und erneuert worden ist, weiß die Forschung nicht zu sagen. Sicher aber ist, dass die alten, zumal in Bam nie in Vergessenheit geratenen Techniken es erlauben, das Bauwerk in seiner überlieferten Gestalt wiederaufzurichten.

Möge es danach den symbolischen Schutz der Unesco-Welterbeliste erfahren.

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