Kultur : Kurzmeldungen

Menschen sammeln, was sie begehren und bewahren wollen: So steckt im Typ des Sammlers ein Liebhaber und Eroberer – was ihn bewegt, ist unersetzlich unersättlich Der schöne Trieb

Christoph Stölzl

Wer will, kann in diesen ersten Neujahrstagen dabei zuschauen, wie sich der Prozess der Kulturgeschichte vollzieht. In den Recyclingstellen oder Trennmülltonnen laden umweltbewusste Bürger Waschkörbe voller Feiertagsreste ab. Und außer abgelebten Fernsehern, Computern, Videospielen und Schampusflaschen wandern auch die Weihnachtskarten in den Abfall. Ob gekauft, ob liebevoll gestaltet mit Linolschnitt oder Computergraphik: Alles verschlingt das große Durcheinander des Containers. Kulturgeschichte – man kann sie auch erzählen als den ewigen Kampf zwischen zwei Prinzipien: Sammeln oder Wegwerfen. Ob wir als Individuen auf den Speicher gehen oder als Kulturnation über die Ankaufspolitik unserer Museen und die Denkmalliste streiten: Immer geht es um die Frage, was von einer Generation auf die andere weitergegeben werden soll oder was man guten Gewissens auf immer dem Orkus des Vergessens überantwortet.

In vormoderner Zeit war der Prozess unendlich viel langsamer als heute. Sammeln, das war Denken in Jahrhunderten, wenn nicht für die Ewigkeit. Kirchen und Klöster bewahrten in kostbaren Behältnissen die Reliquien der Heiligen auf. In fürstlichen Kunst- und Wunderkammern sammelte sich Rares und Einzigartiges. Es mehrte symbolisch den Ruhm der Dynastien, die ihren Rang in der Welt daraus beanspruchten, dass auch sie einzigartig waren. Viel hat sich an der Geste nicht geändert, seit aus den Wunderkammern von einst die Museen von heute wurden: Auch sie stehen für Identität des staatlichen Gemeinwesens, das sie finanziert. Museen sind die Fortsetzung der fürstlichen Galerien, wohin Tafelmalerei und Skulptur auswanderten, nachdem sie sich von ihren Diensten im Gesamtkunstwerk Architektur emanzipiert hatten.

Seit die Kunst mobil geworden ist und Medien entwickelt hat, die sich immer mehr von allen sozialen Funktionen lösten – als Gemälde, als Zeichnung, als freistehende Skulptur, wurde sie auch zum vornehmsten Gebiet des Sammelns. Seit der Renaissance wurden neue, durch die jetzt entstehende Kunstpublizistik als zukunftsfähig propagierte Werke erworben und gehortet, mit Eifer und finanziellem Konkurrenzkampf. Der aber galt nun paradoxerweise auch den ältesten Schöpfungen, den Ausgrabungen der Antike.

Kunstsammlungen gehörten ebenso wie Schlossbauten und Armeen zur repraesentatio maiestatis. Auch weiter unten in der Sozialpyramide wurde gesammelt und bewahrt, schon aus ökonomischer Vernunft. Was Menschen mit eigenen Händen produzierten, ob Handwerksstück oder Kunstwerk, war viel zu kostbar, als dass es nicht immer wieder einen neuen Nutzer gefunden hätte. Kleidung wurde einmal fürs Leben angefertigt und an die nächste Generation weitergegeben. Die Testamente noch der Biedermeierzeit machen staunen wegen der Kargheit der Inventare selbst mittelständischer Familien.

Wo dennoch Geschaffenes zerstört oder verschleudert wurde, da waren eher Religion oder ihre moderne Nachfolgerin, die Ideologie am Werke. Mit der Französischen Revolution und ihrem Wüten gegen feudalen Luxus, vor allem aber mit der kirchenfeindlichen Praxis der Säkularisierung beginnt ein völlig neues Kapitel des Sammelns. Die Stunde schlägt für Rettungsaktionen als Protest gegen den zerstörerischen Zeitgeist. Das endete nicht mit der Restauration nach 1815 – auch die bis heute nicht abebbende industrielle Revolution hat Gegenreaktionen provoziert. Die Romantiker im Rheinland, die um 1800 aus den aufgehobenen Klöstern die religiöse Kunst des Mittelalters zusammentrugen, hatten ihre Nachfolger in den Pionieren der „Volkskunde“. Die retteten Bruchstücke dörflicher Kultur aus der Sturmflut von Modernisierung und Technisierung . Und wer heute eines der „Sammlerjournale“ aufschlägt, der findet diese Philosophie verdünnt als nostalgische Affenliebe zu allem und jedem Alten, ganz unabhängig von dessen historischem oder ästhetischem Wert: von der Briefmarke bis zum Oldtimer.

Was verbindet den zukunftsgewandten und den restaurativ, konservativ rettenden Sammler? Beide haben ein Schlüsselerlebnis, das ihr Leben ändert, manchmal trifft es zusammen, wie bei Peter Ludwig. Er sammelte nach 1945 im kriegszerstörten Aachen Fragmente der barocken Baukultur, zugleich promovierte er über das „Menschenbild Picassos als Ausdruck der Zeit“. Die Suche nach der verlorenen Schönheit wie die dämonische, erotische Vitalität, die Ludwig bei Picasso begegnet, werden zum Doppelmotiv der größten neuen Privatsammlung unserer Zeit, die dreieinhalb Jahrtausende Welt-Kunst vereinigt.

Heinz Berggruens Weg zum Sammler beginnt, als der junge, nach Europas Kultur heimwehkranke Emigrant in San Franzisco auf Bilder von Paul Klee trifft, der Anfang „einer Liebesgeschichte, die bis heute nicht endete“. Im Soldatenrucksack trägt Berggruen, der kommende Woche seinen 90. Geburtstag feiert, während des Krieges wie einen Talisman ein Klee-Aquarell von 1921 mit sich, das er um 100 Dollar gekauft hat. Nichts ist so privat wie die Motive des Sammelns.

Aber die privaten Antriebe blockieren nie den Weg ins Öffentliche. Denn Sammler wollen recht behalten. Ihr Spleen ist, eine zunächst nur ihnen sichtbare Ordnung herzustellen, eine Ordnung, die sie mit rückwärts oder vorwärts gerichteter Prophetie an die Macht wünschen. Großes Sammeln ist schöpferische Leistung, weil es Verborgenes, Vernachlässigtes, Vergessenes oder Zukünftiges zu Tage fördert und es in einen anderen Kontext rückt. Darum sind bedeutende Sammlungen immer zur Herausforderung für den etablierten Kanon geworden. Sie bringen die scheinbare Selbstverständlichkeit der ästhetischen Hierarchien ins Wanken,machen neue Namen zu festen Größen.

Der französische Sammler und Kaufhauskönig Chauchard träumte davon, seine Freunde einst seinem Sarg voranschreiten zu lassen, jeder mit einem für das Nationalmuseum bestimmten Gemälde im Arm. Der Grafikforscher Eduard Fuchs, den Walter Benjamin als Inbegriff des Sammlers beschrieben hat, wollte das wahre Bild der Vergangenheit im „dürftigen Werkeltagskleid“ jenseits des „prunkvollen Festtagsgewandes“ der Museen an die Macht bringen.Der Ölmilliardär Calouste Gulbenkian trug zwischen 1910 und 1940 eine gigantische Kunstkollektion zusammen, die als Gegenwelt zur Industriegesellschaft ein Reich der Schönheit und Harmonie symbolisieren sollte. Der Londoner Werbemogul Charles Saatchi sammelt in den 1990er Jahren unbekannte junge englische Künstler, allesamt mit schockierenden Visionen von Sex und Gewalt, und setzt sie weltweit durch mit der Ausstellung „Sensation“.

Wann freilich sind die Speicher überfordert, wann stößt der Sammlertraum, alles in der Zeit Zusammengefundene auch zum Museum auf ewig zu machen, an seine natürlichen Grenzen? Die amerikanischen Museen gehen damit voran, dass sie neben das Erwerben auch das legitime „Deaccessioning“ stellen: den Wiederverkauf von Kunstwerken als eigene Refinanzierung – Irrtümer eingeschlossen. Zieht man die Linie fort in die Zukunft, dann stünde am Ende ein knapper Kanon des Unverzichtbaren.

Der andere Weg, größte Vielfalt in größter Komprimierung, scheint in den Errungenschaften der Elektronik auf. Sie haben die Speicherkapazitäten reproduzierbarer Bilder bis ins Unvorstellbare gesteigert. Auch auf der einsamen Insel sind die Schätze des Louvre oder des Modern Art Museums von der Festplatte des Computers oder im Netz abrufbar. Wer kulturell dem Ideal eines „lean life“ folgen möchte, muss freilich Abschied nehmen von einer Ursehnsucht des Abendlandes: der Authentizität. Dass wenige dazu Lust haben, zeigt die freudige Erwartung des Publikums auf eine 2004 bevorstehende Großtat der Kunstspedition, den Transfer (von Teilen) des New Yorker Modern Art Museums nach Berlin.

Sammeln scheint ein Urtrieb des Menschen zu sein. Physisch gefährdet durch Nahrungsnot, psychisch labil in einer Welt, deren Sinn trotz aller Forschritte der Wissenschaften am Ende rätselhaft bleibt, versammelt der Mensch um sich materielle Rückversicherung und symbolisch wirksame Schutzgeister. Noah sammelt im Auftrage Gottes die belebte Welt, um sie in der Arche über die Sintflut zu retten. Niemand hat den seelischen Untergrund des Sammelns besser in Worte gefasst als der Revolutionär aus Galiläa: „Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz“ (Matth.6,19-26). Jesu Predigt gegen das „Schätzesammeln auf Erden“, sein „Sehet die Vögel unter dem Himmel: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen“ ist nicht zum siegreichen Leitmotiv des Abendlandes geworden. Wer in die Kunstgeschichte blickt, wird darüber nicht traurig sein.

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