Kultur : Kurzmeldungen

Der Züricher Galerist Iwan Wirth ist einer der wichtigsten Händler der Gegenwartskunst. Ein Gespräch über Intuition, Freundschaft und Authentizität Insel der Seligen

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Herr Wirth, mit 13 Jahren haben Sie 1983 Ihr erstes Gemälde gekauft und dafür Ihr Sparbuch geplündert. Es war das Bild eines anonymen französischen Künstlers. Heute, 20 Jahre später, sind Sie einer der einflussreichsten Galeristen des zeitgenössischen Kunstmarkts. Was war der Anstoß für Ihre Karriere?

Von Kindheit an nahmen mich meine Eltern mit in Museen und Ausstellungen. Sicherlich wurzelt meine Liebe zur Kunst in diesen Besuchen. Als ich mit 16 eine kleine Galerie in Oberuzwil bei St. Gallen eröffnete, zeigte ich Schweizer Künstler, später konzentrierte ich mich auf den Handel mit Kunst. Damals lernte ich Ursula Hauser und ihre Tochter Manuela kennen. Ursula sammelte Künstler der Klassischen Moderne wie Kandinsky, Klee, Mondrian oder Picabia. 1989 fragte ich sie, ob sie mir helfen könnte, ein Spätwerk von Picasso zu finanzieren. Der Verkauf lief sehr gut und schnell, zum Glück, denn 1991 folgte der Zusammenbruch des Markts.

Damals begann nicht nur eine Geschäftsbeziehung, sondern auch eine Love Story. Sie heirateten die Tochter und eröffneten 1991 in Zürich mit ihr und der Mutter die Galerie Hauser & Wirth. Ursula Hauser hatte gerade die umsatzstarke Elektrowarenkette Fust verkauft. Am Anfang handelten Sie noch mit den Klassikern, doch seit 1993 konzentrieren Sie sich auf Gegenwartskunst.

Ja. Ich merkte, dass mir die Vermittlungsarbeit fehlte, der direkte Austausch mit Künstlern. Ursula Hauser war sehr offen für neue Anregungen und begeisterte sich für die Arbeiten der jungen Künstler, die ich ihr vorstellte. Sie wurde meine erste große Sammlerin. 1993 fing ich an, Ausstellungen zu machen. Ein Projekt realisierten wir 1994 in einer alten Scheune mit Nam June Paik. Wir zeigten aber auch Richard Artschwager und Bruce Nauman. Ein schönes Intermezzo war übrigens eine Schau mit über 50 Aquarellen von Egon Schiele aus dem Besitz von Serge Sabarsky, heute zu sehen in der „Neuen Galerie“ in New York.

Die eigentliche Ära der Galerie Hauser & Wirth als Programmgalerie begann 1996 mit dem Umzug ins Löwenbräu Areal im Züricher Westen. Wer waren Ihre ersten Künstler?

Pipilotti Rist, Roman Signer, Paul McCarthy und Jason Rhoades. Ich kannte sie schon etwas länger, weil ich ja meine Schwiegermutter Ursula Hauser beriet. Auch Manuela und ich sammeln seit dieser Zeit. Viele der Künstler, mit denen ich bis heute arbeite, lernte ich 1992 auf der documenta 9 von Jan Hoet kennen, Franz West zum Beispiel.

Nach welchen Kriterien wählen Sie die Künstler der Galerie aus?

Sie müssen vor allem authentisch sein. Wir arbeiten mit hochkomplexen Künstlern, darunter Dan Graham, Rodney Graham, Raymond Pettibon, Roman Signer, David Hammons oder Richard Jackson. Vor kurzem sind David Claerbout, Anri Sala, Isa Genzken und Wilhelm Sasnal dazu gekommen – und Maria Lassnig.

Lassnig, die weltberühmte österreichische Malerin, ist 1919 geboren!

Mich hat das Alter von Künstlern nie interessiert. Louise Bourgeois, die wir ebenfalls vertreten, ist 92. Der Kopf muss jung sein. Maria Lassnig macht, wie ich finde, ungeheuer spannende, „junge“ Arbeiten. Ich habe sie 1993 in der Ausstellung „Der zerbrochene Spiegel“ von Kasper König und Hans-Ulrich Obrist entdeckt, wie auch die 64jährige Amerikanerin Mary Heilman, die ich nach wie vor für unterbewertet halte.

Die Künstlerliste Ihrer Galerie zeigt, dass Sie starke Einzelpositionen schätzen.

Stimmt, ich mag ausgeprägte Individuen. Es gibt ein Sprichwort, das als Motto für mich taugt: „Wer zur Quelle will, muss gegen den Strom schwimmen.“ Mich interessiert der Mainstream mit seinen Label-Künstlern nicht. Ich arbeite genau entgegengesetzt.

Wie gelingt es Ihnen, trotzdem kommerziell so erfolgreich zu sein?

Ich würde sagen, nicht trotzdem, sondern gerade deshalb. Ich glaube an die Qualität dieser Künstler und finanziere deren oft sehr aufwendige Produktionen, deshalb verdiene ich erst langfristig Geld. Weil ich nach meinen Überzeugungen handle und mich nicht vom Zeitgeist abhängig mache. Als Überzeugungstäter genieße ich deshalb ein besonderes Vertrauen wichtiger Sammler.

Inzwischen gelten Sie als einer der mächtigsten Macher der Gegenwartskunst.1998 eröffneten Sie in Zürich eine zweite Galerie, die Eva Presenhuber bis vor kurzem führte, die riesige Familiensammlung ist seit 1999 in St. Gallen lokalisiert, seit 2000 ist David Zwirner Ihr Partner in der New Yorker Dependance Zwirner & Wirth, und im Oktober eröffneten Sie zur Frieze Art Fair Hauser & Wirth London in einer spektakulären, denkmalgeschützten Stadtvilla am Piccadilly. Warum London?

Weil es der in Europa bedeutendste Handelsplatz der Kunst ist und weltweit der zweitwichtigste nach New York. Unsere Eröffnungsausstellung von Paul McCarthy besuchten in den letzten zwei Monaten 12000 Personen, das sind mehr als in Zürich während eines ganzen Jahres kommen. Das beweist mir, dass der Schritt trotz des wirtschaftlichen Risikos richtig war. Ich möchte Ausstellungen machen, die ein möglichst großes Publikum erreichen, Einladungen drucken, die sich die Leute an den Kühlschrank kleben, Kataloge publizieren, die Referenzliteratur sind.

Wie funktioniert New York?

Als wunderbare Partnerschaft mit meinem Freund David Zwirner. Zwirner & Wirth agiert auf dem Secondary Market. Wir handeln mit etablierten Künstlern wie Gerhard Richter, Dan Flavin oder Bruce Nauman und kuratieren historische Ausstellungen in Museumsqualität, wie zur Zeit eine Schau zur Geschichte der Assemblage von Schwitters bis Rhoades. Eine Dependance von Hauser & Wirth in New York wäre unsinnig, weil unsere Künstler in den USA von hervorragenden Galerien vertreten werden. Mit London rücken wir ein bisschen näher an den amerikanischen Markt heran, aber vor allem stabilisieren wir unsere Präsenz in Europa.

Sie pendeln regelmäßig zwischen Zürich, London und New York. Kostet das nicht viel Energie?

Soviel reise ich eigentlich nicht. Meine Familie und meine drei Kinder helfen mir, entspannt zu bleiben. Sie bieten mir die Harmonie, die ich für meine Balance brauche. Außerdem bin ich niemand, der schnell gestresst ist. Ich kann gut schlafen, gut verdrängen und gut delegieren. Ich habe ein Team, dem ich vertraue. Mit meinem Züricher Direktor Marc Payot bin ich befreundet, meine Mitarbeiter begleiten mich fast alle seit Jahren.

Es scheint, dass Sie Business und Privatleben verknüpfen. Ist das Ihr Erfolgsgeheimnis?

Das könnte sein.

Von Eva Presenhuber haben Sie sich allerdings gerade getrennt.

Ja, freundschaftlich. Ich wollte mich im Hinblick auf London in Zürich verkleinern. Unsere Programme zu koordinieren, wäre langfristig zu kompliziert.

Würden Sie sich als Strategen bezeichnen?

Ganz im Gegenteil. Ich lasse die Dinge auf mich zukommen und entscheide meistens intuitiv und gefühlsmäßig. Das meiste ist passiert, ohne dass ich es langfristig kalkuliert hätte. Ich rede viel mit meiner Frau, meinen Freunden und den Künstlern. Die Besuche in ihren Studios sind meine größte Inspirationsquelle.

Wie lief das Jahr 2003 für Sie?

Es war eines meiner anstrengendsten, aber auch aufregendsten Jahre. Ich bin sehr zufrieden, die Messe Basel war so erfolgreich wie nie. Auf der Frieze London konnte ich ein Gemälde von André Thomkins und ein Werk von Eva Hesse an das New Yorker Museum of Modern Art verkaufen und eine Arbeit von Anri Sala an die Tate in London. Der Markt hat im Frühjahr kurz gehustet, sich aber seit Mitte des Jahres phänomenal stabilisiert. Das Interesse an zeitgenössischer Kunst wird immer größer, das sieht man an den Messen, die sich ja wie London und Miami zunehmend in Festivals verwandeln. Die Kunstszene entwickelt sich mehr und mehr zu einer parallelen Welt. Gleichzeitig ist so eine Eventkultur mit allen Vor- und Nachteilen entstanden.

An wie vielen Messen nehmen Sie teil?

Letztes Jahr waren es die New Yorker Armory Show, die art Basel und Basel Miami Beach, die Art Brussels, die Londoner Frieze und die Turiner artissima. In Zukunft genügen uns vier Messen, vielleicht sogar drei. Ich möchte unser Qualitätsniveau halten, deshalb reduziere ich auch unsere Züricher Ausstellungen von sechs auf vier. In London werden wir dagegen siebenmal eröffnen.

Lieben Sie Ihren Beruf?

Von der ersten Sekunde bis heute. Wenn ich mir die Welt heute anschaue, fühle mich in der Kunst wie auf einer Insel der Seligen.

Das Gespräch führte Eva Karcher.

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