Kultur : Kurzmeldungen

Seit 1987 spielte Jeunesses Musicales jeden Winter in Berlin. Jetzt ist das Orchester pleite. Aber der Geist des globalen Klassik-Projekts kommt mit dem Ensemble Weltblech wieder. Blech gehabt

Frederik Hanssen

Gewöhnlich fängt das Berliner Musikjahr gut an: Erst kommt das Neujahrskonzert des RIAS Kammerchores – als sanftstimmiger Ausgleich zu den akustischen Verwerfungen der Silvesternacht –, und wenig später stehen die Auftritte des Jeunesses Musicales Weltorchester und des Ensembles Weltblech auf dem Programm.

Diesmal allerdings suchte man im Dezember vergeblich nach den Plakaten des internationalsten Jugendorchesters der Welt: Das Ensemble, das seit 1987 von Berlin aus gemanagt wird, ist nämlich pleite. Bereits Ende März musste die Geschäftsführung Insolvenz anmelden; live ist das Ensemble schon länger nicht in Erscheinung getreten. Die schöne Geschäftsstelle im Steglitzer Wrangelschlösschen ist geräumt, lediglich auf der Homepage findet man noch ein Lebenszeichen des 1970 von dem Kanadier Gilles Lefebvre gegründeten Weltorchesters.

Bereits die Sommertournee 2003 fiel wegen Zahlungsschwierigkeiten ins Wasser. Dann musste auch das zweite traditionelle Treffen abgesagt werden, bei dem sich immer zur Jahreswende Instrumentalisten aus 40 Ländern in der deutschen Hauptstadt versammelten. Treffpunkt war das Jagdschloss Grunewald, wo rund 100 Nachwuchsmusiker zwischen 16 und 25 Jahren unter der Leitung von Yakov Kreizberg, dem ehemaligen Chefdirigenten der Komischen Oper, ihren Auftritt in der Philharmonie vorbereiteten. Aber das Schloss stand diesmal nicht zur Verfügung: Drei Tage, nachdem Jeunesses Musicales Insolvenz angemeldet hatten, brannte das Gebäude an der Glienicker Brücke ab.

Wer versucht, etwas über die Zukunft des Weltorchesters herauszubekommen, wer wissen will, warum es in die Krise geriet, wird von Pontius zu Pilatus geschickt. Hinter vorgehaltener Hand erfährt man, dass die Probleme bald nach dem Ausscheiden des langjährigen, erfolgreichen Orchestermanagers Michael Jenne einsetzten. Das Geld vom Bundesfamilienministerium, das zuletzt 190000 Euro pro Jahr überwies, reichte gerade einmal, um ein Drittel des Etats zu decken. Nachdem sich sowohl der Berliner Senat als auch Sponsoren gegenüber der neuen Weltorchester-Leitung immer reservierter zeigten, wuchs das Loch in der Orchesterkasse rasch. Da das Ensemble ringend auf Partner aus der Privatwirtschaft angewiesen ist, hat man versucht, die Insolvenz so lautlos wie möglich in die Wege zu leiten – weil Negativschlagzeilen bei Sponsoren selten Begeisterung auslösen. Nun soll alles versucht werden, um das völkerverbindende Projekt, bei dem in den vergangenen Jahrzehnten Pultstars wie Leonard Bernstein, Kurt Masur oder Zubin Mehta mitarbeiteten, erneut in Gang zu bringen.

So kommt es, dass in diesem Januar allein die Musiker des Kammerensembles Weltblech die Fahne der Jeunesses Musicales in Berlin hochhalten: Zwar sind die zwölf Blechbläser, die sich 1995 bei einem Wintertreffen von Jeunesses Musicales in Berlin kennen lernten, längst dem Teenageralter entwachsen. Doch sie versammeln sich alle Jahre wieder zur Jahreswende, nehmen weite Anfahrtswege in Kauf – und werden am heutigen Sonntag von ihrer Fangemeinde im Kammermusiksaal der Philharmonie erwartet.

Aus Großbritannien und Belgien, den Niederlanden, Luxemburg, Kanada, Australien, Slowenien und Deutschland kommen die Musiker die längst in großen Sinfonieorchestern arbeiten: vier Trompeter, je ein Hornist und ein Tubist, zwei Posaunistinnen und zwei Posaunisten sowie die beiden Perkussionisten. Wer die Weltblech-Truppe schon einmal gehört hat, der weiß: Diese Profis können einfach alles. Vom üppigen Barockklang über anspruchsvolle zeitgenössische Virtuosenliteratur bis zum coolen Jazzarrangement reicht ihr Repertoire. Erlaubt ist, was gefällt – den Instrumentalisten auf der Bühne wie dem Publikum rundherum.

Einen gewagt gemixten Stilcocktail kann man von der bunt zusammengewürfelten Truppe schließlich erwarten, zumal sie sich im Weltorchester getroffen hat. „Von festlich bis fetzig“ hieß nicht ohne Grund eines der komisch-kosmopolitischen Programme. Zum Neujahrskonzert 2004 wollen die Musiker jedenfalls eine echte Blechlawine der deutsch-amerikanischen Freundschaft lostreten, mit Komponisten von beiden Seiten des Atlantiks.

Johann Sebastian Bach und Theo Brandmüller vertreten „Old Europe“: der Thomaskantor mit einem „Concerto for Brass“, das Christopher Mowat zusammengestellt hat, der 1948 geborene Brandmüller mit „Danses Concertantes mit Choral“, einem Werk aus der inzwischen beachtlichen Liste von neuen Stücken, die eigens für das Weltblech-Ensemble entstanden sind. Als Mittler zwischen den Welten tritt Kurt Weill auf, einer der wenigen Komponisten, der nach seiner von den Nazis erzwungenen Emigration in den USA weiterhin Erfolge feiern konnte. Mit der „Dreigroschen-Suite“ erklingt Musik aus seinem größten Hit. George Gershwin, der native speaker vom anderen Kontinent, schaut wiederum launig mit seinem „Amerikaner in Paris“ über den großen Teich.

Ein Abend der harmoniesüchtigen Verbrüderung soll es trotzdem nicht werden. Schließlich lautet das Konzertmotto: „...und der Haifisch, der hat Zähne.“

Weltblech spielt am heutigen Sonntag um 20 Uhr im Kammermusiksaal der Philharmonie.

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